Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 20 (16.5.1924)
- Date
- 1924-05-16
- Page
- Seite 72 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Das Jüdische Echo Nr. 20 die dem Weltverbande gegenüber eine negative Steilung einnimmt und zugestandenermaßen zum Kongresse gekommen ist, um diesem „nationalistischen“ Unternehmen öffentlich ihre Mißbilligung auszusprechen. Sie protestierten gegen den Gebrauch der hebräischen Sprache, gegen das Intonieren der „Hatikwah“ in der königlichen Oper usw. In der Abendsitzung wählte der Kongreß die wirtschaftliche, die kulturelle, die rechtliche und die Verfassungskommission, auf welchen die Hauptlast der Arbeit des Kongresses ruhte. Es scheint festzustehen, daß der Kongreß wegen Mangel an genauen Informationen keine definitive Stellung in der Frage der Errichtung einer jüdischen Universität in Europa einnehmen wird. Er wird sich mit einer formellen Feststellung begnügen, daß kein Vorschlag, welcher den Plan einer solchen Universität betrifft, ohne Anhörung der jüdischen Studentenschaft erledigt werden darf. Die südafrikanischen Studenten, denen es nicht möglich war, am Kongresse persönlich teilzunehmen, meldeten telegraphisch ihren Beitritt zum Weltverbande an. In der Kulturdebatte am 5. Mai hielt Dr. Rubinstein ein Referat über „Die Probleme der jüdischen Universität“. Er sagte u. a.: „Die jüdischen Studenten haben die Verpflichtung, an dem Aufbau der hebräischen Universität in Jerusalem mitzuarbeiten. Der bundistische Delegierte Scherer sagte, es gäbe keine gemeinsamen jüdischen kulturellen Interessen. Es bestände eine Kluft zwischen der weltlichen Kultur der breiten Massen des jüdischen Volkes, deren Sprache jüdisch sei, und der reaktionären, hebräischen, antijiddischen Kultur der jüdischen Bourgeoisie. Er verwirft darum jede Mitarbeit für die hebräische Universität. Der Kongreß ist am 6. Mai nach feierlichem Protest gegen die reaktionären Bestrebungen und Gesetze zur Einschränkung des Studiums von Juden an den Universitäten geschlossen worden. Der Weltverband wird ein eigenes Organ herausgeben und am Aufbau der jüdischen Universität in Jerusalem aktiv teilnehmen. Der Sitz der Exekutive des Weltverbandes wird sich in London, das kontinentale Sekretariat in Wien befinden. 11 11 11 ■ i Feuilleton ||H ■ II IIII Mendelssohn über den Zionismus Von Dr. Immanuel Olsvanger (Kapstadt). Im Jänner 1770 sandte in Berlin ein „Mann von Stande“ an Moses Mendelssohn ein versiegeltes Paket. Es war begleitet von einem Schreiben, das der Direktor der königlichen Hauptbank zu Berlin, Koes, dem Philosophen übermittelt. Der Inhalt dieses Pakets ist nicht erhalten geblieben, läßt sich aber sowohl aus dem Brief des Unbekannten wie aus der Antwort Mendelssohns erkennen. Der Briefwechsel ist nachzulesen in „Moses Mendelssohns gesammelte Schriften“, 5. Band, S. 491 ff. (Leipzig, Brockhaus 1844), einer Veröffentlichung, die seither keine neue Auflage erlebt hat. Koes an Mendelssohn. „Es ist mir die Anlage von einem Manne von Stande und den ich als Menschenfreund kenne und liebe, zur Bestellung zugesandt worden; doch mit dem Begehren seinen Namen zu verschweigen, es sei denn, daß nach Durchle'sung Dieselben ihn zu wissen verlangen. Die beliebige Antwort werde ich richtig besorgen. Koes, Berlin, den 23. Januar 1770.“ Schreiben eines Mannes von Stande an Mendelssohn. „Hochzuverehrender Herr Moses Mendelssohn! Große Männer sind besonderen Vorfällen ausgesetzt. Die Ausforderung des guten Herrn Lavater (der einen Monat vorher in einem öffentlichen Schreiben Mendelssohn zum Übertritt zum Christentum aufgefordert hatte — Red.), hat Sie notwendig sehr betreffen müssen; die gegenwärtige, die in einem ganz anderen Geschmack ist, wird Ihnen vielleicht noch sonderbarer, wo nicht gar abenteuerlich Vorkommen; sie ist indessen wenigstens so gut, so aufrichtig gemeint wie möglich. Menschenliebe hat den Gedanken eingeflößt. So schwer es ist, die verdeckten Gänge der menschlichen Leidenschaften auch in seinem eigenen Herzen auszuspüren, so habe ich doch Ursachen, zu hoffen, daß wenigstens das meinige sich nie einen Gedanken erlauben würdige, der sich nicht mit der reinsten Absicht verknüpft fände, das Wohl des ganzen menschlichen Geschlechtes zu befördern. Ich darf es sagen, ich habe mich in den Umständen befunden, wo ich zwischen dem Wohl eines Staates und meinem eigenen Interesse, sowohl an Ehre als an Einkünften, wählen mußte; allein, keinen Augenblick habe ich angestanden, was ich wählen sollte: das allgemeine Wohl ist mir stets lieber als das meinige gewesen. Eröffnen Sie, wertester Herr Moses, die Beilage, jedoch unter einer Bedingung, für welche die Denkungsart eines so würdigen Mannes wie Sie sind, mir die Bürgschaft leistet. Die Bedingung besteht darin, daß Sie, wer ich sei, nicht auszuforschen sich bemühen werden; hauptsächlich aber, niemals in dem Inhalte jemanden, wer es auch sein möge, etwas entdecken wollen, im Falle derselbige Ihnen ein törichter Einfall zu sein Vorkommen sollte, oder auch nur Ihnen auszuführen unmöglich schiene. Die väterliche Liebe verblendet uns gar zu oft über die Gestalt der von uns gezeugten Mißgeburten; wie leicht konnte es mir diesmal so gegangen seyn? Indessen ist die Sache von solcher Beschaffenheit, daß, wenn Sie das Urteil fällen, daß es eine Mißgeburt sei, ich, aller väterlichen Liebe ungeachtet, mich völlig davon überzeugt finden werde. Sie können es mir dreist also eröffnen, was Sie davon denken, und gewiß versichert seyn, daß auch die höchste Mißbilligung von Dero Seiten nicht im allergeringsten die Hochachtung und Bewunderung vermindern werde, mit der ich jederzeit verbleibe Dero dienstergebener obgleich unbekannter Verehrer. Berlin, im Januario 1770. Sie können die geliebige Antwort in dieselben Hände überliefern, durch die Ihnen gegenwärtiges zugestellt werden wird. Derselbige Freund kennt mich zwar sehr wohl, weiß aber ganz nichts von dem, was die Beilagen enthalten. Eröffnen Sie die Beilagen nicht früher, als bis Sie allein sind, und belieben Sie die Siegel abzuschneiden und nicht zu zerreissen.“ Mendelssohn an den Mann von Stande. „Ich muß gestehen, daß ich von der politischen Verfassung der Staaten nicht mehr weiß, als rnan etwa durch den gemeinen Umgang mit Leuten, die nicht sehr über meinen Stand erhaben