Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 20 (16.5.1924)
- Date
- 1924-05-16
- Page
- Seite 73 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Das Jüdische Echo 73 sind, lernen kann. Wie kann ich also ein Projekt beurteilen, das die tiefsten Kenntnisse der Statistik voraussetzt? Überhaupt genommen, scheint mir die Idee groß und in einem Geiste entstanden zu sein, der sich seiner Kräfte bewußt ist. Der Eifer für die Toleranz, der Abscheu vor der Hierarchie, und die Gesinnungen in Absicht auf Religion und Sitten beweisen, daß der Verfasser so groß wie weise zu denken gewohnt ist. Selbst die Zuversicht, mit welcher derselbe von der Ausführung eines so kühnen Unternehmens spricht, hat mir für dessen Character eine nicht gemeine Hochachtung eingeflößt. Die Kühnheit meines Geistes, wenn ich anders etwas davon besitze, erstreckt sich bloß auf speculative Dinge. Im Practischen bin ich stets in einer allzuengen Sphäre eingeschränkt gewesen, als daß ich die Fertigkeit hätte erlangen können, mich zu großen Dingen zu erheben und über gemeine Schwierigkeiten hinwegzusehen. Wer kann seiner Größe eine Spanne zulegen? Die größte Schwierigkeit, welche mir dem Plane im Wege zu stehen scheint, ist der Character meiner Nation. Sie ist nicht vorbereitet genug dazu, irgend etwas Großes zu unternehmen. Der Druck, unter welchem wir seit so vielen Jahrhunderten leben, hat unserm Geist alle vigueur genommen. Es ist nicht unsere Schuld; allein wir können nicht leugnen, daß der natürliche Trieb zur Freiheit in uns alle Tätigkeit verloren hat. Er hat sich in eine Mönchstugend verändert und äußert sich bloß im Beten und Leiden, nicht im Wirken. Ich verspreche mir sogar von meiner so sehr zerstreuten Nation den Geist der Vereinigung nicht, ohne welchen der überlegteste Entwurf scheitern muß. Von der anderen Seite scheint mir die Unternehmung unermeßliche Summen zu erfordern, und ich, der ich weiß, daß der Reichtum meiner Nation mehr im Credit als in wirklichen Vermögen besteht, kann nicht glauben, daß ihre Kräfte hinreichen, solche zu erschwingen; wenn auch übrigens die Begierde zur Freiheit noch so große und die Liebe zum glänzenden Metall noch so geringe Gewalt über sie haben sollte. Alle diese Schwierigkeiten ungerechnet, scheint mir ein solches Projekt nur alsdann ausführbar zu seyn, wenn die großen Mächte Europas in einen allgemeinen Krieg verwickelt sind, und jede für sich zu sorgen hat. In der Ruhe, in welcher sie dermalen leben, kann eine einzige eifersüchtige Macht (und deren werden nicht wenige seyn) das Projekt scheitern machen. Die unglücklichen Kreuzzüge scheinen diese Besorgnis nur zu sehr zu rechtfertigen. Ich sende also die mir vertrauten Papiere mit der feierlichen Angelobung eines ewigen Stillschweigens hiermit zurück. Die natürliche, und in jedem anderen Falle nicht unlöbliche Begierde, eine Person, die man hochachten muß, naher zu kennen, verspreche ich gleichfalls zu unterdrücken. Moses Mendelssohn. Berlin, den 26. Januar 1770.“ Mendelssohns Antwort an den unbekannten . Mann von Stande“ ist in allen Einzelheiten bemerkenswert, von dem geradezu prophetischen Satz über den Weltkrieg, bis zur feinen Ironie in der Bemerkung über seinen Umgang mit Leuten, „die nicht sehr über seinen Stand erhaben sind“. Man beachte, was der Vater der deutschen Haskala als die größte Schwierigkeit in der Durchführung des zweifelsohne zionistischen Planes betrachtete: Der „Character meiner Nation, in der der natürliche Trieb zur Freiheit alle Tätigkeit verloren hat“. Der natürliche Trieb zur Freiheit mußte also, nach dieser Bemerkung Mendelssohns, die Nation zur Durchführung des Planes bewegen. So hat der große Denker, der Vorkämpfer der „Befreiung“ der deutschen Juden, doch eingesehen, daß die erstrebte „Freiheit“ in der Diaspora nur eine vermeintliche, nur eine künstliche sein kann, und daß die natürliche Freiheit nur durch die Erfüllung des zionistischen Ideals zu erreichen ist. Dieser Brief Mendelssohns sollte allen den emanzipationstrunkenen Juden zu denken geben, die gewohnt waren, sehr oft -mit Berufung auf Mendelssohn, den Zionismus zu bekämpfen. Seit Mendelssohns Brief sind 150 Jahre verflossen. In einem Teil der Judenheit sind die Verhältnisse noch genau dieselben, wie sie Mendelssohn so treffend schilderte. In einem anderen aber hat sich vieles geändert. Der natürliche Trieb zur Freiheit hat die höchste Wirkungskraft entfaltet in den Herzen eines großen Teiles unseres Volkes. Ich brauche nur die Chaluzim zu nennen, deren Scharen sich heute in allen Ländern Europas regen. Wenn schließlich dieser natürliche Trieb alle Kreise des Volkes umfassen wird, soll es sich zeigen, daß, um in Mendelssohns Sprache zu reden, die Begierde zur Freiheit über sie eine mächtige, die Liebe zum glänzenden Metall aber eine gar geringe Gewalt haben wird. Denn auch darin ist der Brief Mendelssohns bemerkenswert, daß er für die Durchführung des Planes unermeßliche Summen als erforderlich erachtete. Das ist ja heute die größte Schwierigkeit, die wir zu überwinden haben. Möge dieser Brief des großen Denkers seine Wirkung auf das Urenkelgeschlecht nicht verfehlen. Gemeinden-u. Vereins-Echo Jüdischer Gesangverein München. Der Verein veranstaltet unter Leitung seines Dirigenten Herrn Kapellmeister Josef Ziegler am Mittwoch, dem 21. Mai (Lag B’omer) abends 8 Uhr im Odeon sein diesjähriges Frühjahrskonzert. Zur Aufführung gelangen zwei synagogale Chöre, das Violinkonzert und der erste Teil des Oratoriums „Elias“ von Mendelssohn. Hervorragende auswärtige Kräfte wie Herr Kammersänger Benno Ziegler von der Staatsoper Berlin und die Violinistin Anni Betzak sind gewonnen worden. Das Konzert verspricht ein Ereignis für das jüdische Publikum Münchens zu werden. Bar Kochba. Turnen : Das Turnen der weibl. Jugend (Dienstag 6—V28), der Damen (Dienstag V28—9) und der männl. Jugend mit Herren (Donnerstag 7—9) findet von jetzt ab wieder regelmäßig in der Schwindschule statt; Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit ist Pflicht. — Fußball : Die F.A. fordert alle ihre Mitglieder auf, zu der am 19. Mai (nächsten Montag) stattfindenden Monatsversammlung zu erscheinen. Da äußerst Wichtiges auf dem Programm steht, darf niemand fehlen. — Unser Lag b’omerfest findet am Donnerstag, dem 22. Mai, im Restaurant des Volksgartens statt. Näheres siehe im Anzeigenteil!