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Das jüdische Echo · 1924-05-16 · 20 (16.5.1924) · p. Seite 70

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
20 (16.5.1924)
Date
1924-05-16
Page
Seite 70 (sequence 4)
Language
German
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70 Das Jüdische Echo Nr. 20 lästinawanderung in Frage kommt, bildet so eines der beiden Elemente, die dem Problem seinen Stempel aufdrücken. Denn es muß daran erinnert werden, daß unter diesen gequälten Juden die einzelnen, die nach Palästina gehen, höchst idealistische und tatkräftige Menschen sind. Es sind in der Regel diejenigen, die durch ihren Charakter und ihre Fähigkeiten imstande sind, in der sich neubildenden Welt einen Platz zu erobern. In ihnen lebt, auch abgesehen von dem gelegentlichen Impulse, den sie vom Antisemitismus erhalten, der Wunsch, ein Zentrum zu schaffen, in dem sie, vom ständigen Druck befreit, leben können. Diese Menschen haben sich mit der Tatsache abgefunden, daß die Vergangenheit für sie begraben ist, und sind entschlossen, wenn sie noch einmal aufbauen sollen, so zu bauen, wie es ihnen das eigene Bedürfnis und der Instinkt befiehlt. Unter den dreißigtausend Einwanderern, die in den letzten drei Jahren nach Palästina gewandert sind, befand sich ein hoher Prozentsatz Universitätsstudenten und Akademiker. Diese bringen nicht nur eine moderne Erziehung, sondern außerdem den für den Juden höchst charakteristischen Instinkt für soziale Gerechtigkeit mit, der in mehr als drei Jahrtausenden die bedeutendsten Typen von Gesetzgebern und Sozialreformern hervorgebracht hat. Palästina bietet andererseits für dieses einzigartige Experiment eine einzigartige Eignung. Die Formen des sozialen Lebens sind in Palästina noch nicht gegeben. (Es ist übrigens symbolisch für den eigentümlichen Charakter des Versuchs, daß für den Aufbau Palästinas ein neues Instrument. der Völkerbund, der in seinen Bestrebungen dem Geist der israelitischen Prophetie nicht fremd ist, angerufen wurde.) Der ökonomische Determinismus Europas hat Palästina noch nicht erreicht. In Europa muß der größte Teil der Energien der arbeitenden Klassen, die nach wirtschaftlicher Selbstemanzipation streben, für die Vernichtung oder Umänderung der bestehenden Ordnungen verwandt werden. In Europa muß der Instinkt mit dem Bildersturm beginnen, und hier liegt der wahre Grund für den bisherigen kümmerlichen Fortschritt der Bewegung. In Palästina dagegen sind alle Bestrebungen von vornherein positiv gerichtet. Hier braucht keine Mauer niedergerissen, keine Kette gesprengt zu werden. Für Bildersturm ist hier kein Raum, denn es ist nichts da, was zerstört werden müßte. Hier ist nur Raum für Aufbau, und für diesen Aufbau bringt der Zionismus die vielversprechendsten sozialen Architekten mit — die Juden. So beginnt in Palästina ohne Kampf und Zerstörung eine Reihe von sozialen Formen zu keimen, die, wenn sie auch noch nicht unwiderruflich festgelegt sind, doch den Weg der wahrscheinlichen Entwicklung anzeigen. Dies galt eigentlich schon von den allerersten Kolonien, die vor fast zwei Generationen von Flüchtlingen aus den rumänischen und russischen Judenverfolgungen begründet wurden. Freilich war es nicht der bewußte Wunsch, ein Experiment anzustellen, der den ersten Kolonien ihre Färbung gab. Es war vielmehr nur ein Zusammentreffen der Gegebenheiten und des natürlichen Instinktes der Kolonisten. So hat der Arzt der Kolonien von allem Anfang an keine private Praxis ausgeübt, sondern war von der Kolonie als Ganzem angestellt, und seine Dienste galten allen. Ähnlich waren die Apotheken Eigentum der Kolonisten. Derselbe Geist beherrscht auch die meisten Unternehmungen der Einwanderer. In den letzten 15 Jahren keimten dann zwei charakteristische Bewegungen, die genossenschaftliche Bewegung in der Landwirtschaft und in der Industrie, auf. Bei der ersten vereinigte sich wiederum die Notwendigkeit mit dem Instinkt. Beim Einkauf der großen Maschinen, bei der Milchwirtschaft, beim Absatz der Produkte, beim Kauf von Dünger und allgemeinen Geräten waren nämlich die Kolonisten, weil einzeln zu schwach, gezwungen, sich zu vereinigen und genossenschaftlich vorzugehen, ln einigen Kolonien ging dies so weit, daß überhaupt der ganze Anbau gemeinsam erfolgte; dies ist allerdings die extremste Richtung. Es gibt nämlich in der genossenschaftlichen Bewirtschaftung einige Abstufungen, sozusagen von 100 bis 10 Prozent. Zwischen diesen beiden Extremen liegt ein Spielraum für Versuche, und wie die endliche Form aussehen wird, kann niemand Vorhersagen. Auf dem Gebiete der Industrie ist eine der charakteristischen Schöpfungen die Arbeiterbank. Man darf diese jedoch nicht mit der Einrichtung, die z. B. hier in Amerika Arbeitsbank heißt, verwechseln. In. Amerika ist die Arbeitsbank einfach eine kapitalistische Institution, die Eigentum von Arbeitern ist. Ihr Zweck und ihre Methode sind genau dieselben wie bei gewöhnlichen Banken; der Arbeiter ist der Kapitalist geworden. In Palästina dagegen ist die Arbeiterbank nicht nur Eigentum von Arbeitern, sondern als ein Instrument der arbeitenden Klasse gedacht. Die amerikanische Arbeitsbank ist an der allgemeinen Besserung der ökonomischen Lage ihrer Kunden oder der arbeitenden Klasse im allgemeinen nicht interessiert. Sie leiht Gelder auf Sicherheiten aus und hält sie zurück, wenn diese nicht genügen. In Palästina dagegen befaßt sich die Arbeiterbank nicht einfach mit dem Ausleihen und der Investierung von Geld, sondern nimmt an der Stärkung der Lage der Arbeiter zu ökonomischen Zwecken aktiven Antejl. Die Kunden der palästinensischen Arbeiterbank sind meist Arbeiter aus Genossenschaften. Das Geld wird nicht so sehr auf Sicherheiten ausgeliehen als auf Unternehmungen, die für die Entwicklung des Landes von Wert sind. Wo keine Sicherheit vorhanden ist, bemüht sich die Bank, die Sicherheit aufzufinden, um die Anleihe zu ermöglichen. Wenn z. B. eine Arbeitergenossenschaft einen Arbeitsvertrag erhält und nicht das Kapital hat, ihn durchzuführen, so unterzieht die Bank den Vertrag einer Prüfung, und wenn sie seine Bedingungen für ausreichend ansieht, gibt sie das Darlehen, damit die Arbeit durchgeführt werden kann. Durch diese Methode hat die Arbeiterbank die Bauarbeitergenossenschaft fähig gemacht, der größte Arbeitgeber Palästinas zu werden. Nun ist es wahr: der private Bauunternehmer wird in Palästina tatsächlich vom Markte verdrängt; aber dies geschieht ohne Nachteil für die Qualität und die Kosten der Arbeit. Denn die Baugenossenschaft k^nn erstens alle Zweige der Arbeit, die sonst an verschiedene Unternehmer vergeben werden müssen, bei sich konzentrieren. Abgesehen davon, daß schon hierdurch die direkten Mehrkosten verringert werden, werden auch noch durch ihre Ausdehnung Kosten erspart. Denn sie kann Sachverständige beschäftigen, die sich der kleine private Unternehmer nicht leisten könnte. Zweitens aber sind die Arbeiter gegen den Egoismus privater Unternehmer, die zuerst an ihren Gewinn denken, geschützt. Endlich ist es bei dem Regime des privaten Unternehmers außerordentlich schwierig, neue Arbeiter auszubilden, da es sich dem Unternehmer nicht bezahlt macht, ungelernte Arbeitskräfte einzustellen. Die Arbeitergenossenschaft dagegen macht dies möglich, und so strömt neues Blut in die Industrien hinein.

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