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Das jüdische Echo · 1924-05-16 · 20 (16.5.1924) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
20 (16.5.1924)
Date
1924-05-16
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 20 16. Mai 1924 11. Jahrgang Palästina als soziales Neuland Von Dr. Arthur R u p p i n. ln der Propaganda 'er zionistischen Idee hat man lange Zeit vielleicht den größten Nachdruck auf den Gedanken gelegt, daß die Juden möglicherweise imstande seien, in gewissem Umfang und in veränderter Form die heroische Tat zu wiederholen, die sie schon einmal vor zweitausend Jahren vollbracht haben und die darin besteht, daß sie den Völkern der Erde eine Botschaft von höchster Bedeutung verkündet haben. Für den nüchternen Praktiker hat diese Auffassung zweifellos etwas den Beigeschmack von Metaphysik und Mystik. In den folgenden Ausführungen soll nun versucht werden, zu zeigen, daß auch für den real Denkenden in diesem Gedanken doch ein Stück greifbare Wirklichkeit steckt. Die Ereignisse haben es nämlich gefügt, daß der Versuch, in Palästina eine jüdische Heimstätte zu errichten, doch Grund zu dem Glauben gibt, daß die Wiederherstellung einer jüdischen Kultur in dem Lande ihres Ursprungs eine Form annehmen wird, die von höchster Bedeutung für die ganze Menschheit sein kann. Die westliche Welt ringt heute mit dem Chaos einer verwickelten Kultur, die irgendwie einen falschen Weg genommen hat. Dieses Ringen wird durch zwei Umstände noch besonders schmerzhaft; durch die Erkenntnis ernster Denker, daß die Situation eine unglückliche ist, und durch die gleichzeitige Einsicht, daß es schwierig, wenn nicht unmöglich ist, alles noch einmal von vorn anzufangen, mit frischen Kräften etwas Neues zu beginnen. Wenn die westliche Kultur gerettet werden, doch aber auch eine Form annehmen soll, die den sittlichen Forderungen von Millionen ernster Männer und Frauen entspricht, muß sie das bereits vorhandene Material verarbeiten. Man kann nicht vernichten und von Anfang an wieder neuaufbauen. Die Formen sind bereits gegeben; für Experimente ist wenig oder gar keine Zeit, so daß sogar dort, wo der Sozialreformer es wagen würde, ohne Experiment an eine nicht erprobte Ordnung der Dinge heranzutreten, er doch vor Bedingungen steht, die bereits tief durchforscht sind, und daher seine Bemühungen mit dem Gewicht von Überlieferungen belastet sind. Er findet wohl auch im übrigen in keinem Lande ein Vorbild, dem er nacheifern könnte. Dies ist die Lage der Dinge, die dem Aufbau eines jüdischen Palästina seine besondere Note und seine besondere Bedeutung gibt. Es war niemals der Wunsch der Zionisten, in Palästina den in der ganzen Welt herrschenden Zuständen das Gegenbild gegenüberzustellen oder die Zahl der auf der Welt bereits vorhandenen sozialen Systeme um ein neues unglückliches zu vermehren. Der Aufbau Palästinas ist einzig in seiner Art. Er kann näht bei denselben Voraussetzungen wie andere Versuche ähnlicher Natur beginnen, auch nicht dasselbe Endergebnis ins Auge fassen, soweit man von dem zufälligen Werden moderner Staaten überhaupt sagen kann, daß bei ihm an ein bestimmtes Ergebnis gedacht war. Das Material dieses Versuches ist anders; die Vorstellungen von ihm sind andere, und die Ergebnisse werden andere sein. Es ist unnötig, die internationalen Garantien dieses Versuches in ihren Einzelheiten hier noch einmal aufzuzählen. Es soll vielmehr nur erwähnt werden, daß Großbritannien gegenwärtig ein Mandat über Palästina hat mit der Bestimmung, das Land so zu verwalten, daß die Errichtung einer jüdischen Heimstätte erleichtert wird. Zur Bekräftigung der Garantien dieses Mandates durch die etwa fünfzig Nationen, die im Völkerbund vertreten sind, ist noch die besondere und unabhängig erfolgte Zustimmung Amerikas hinzugetreten. Dieser gegenwärtige Stand ist teilweise das Ergebnis des langen Kampfes, den die Zionistische Organisation im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts geführt hat, teilweise die Wirkung der in Palästina auf dem Wege des jüdischen Wiederaufbaus geschaffenen Leistungen. Die allgemeine Lage der Juden in der Welt ist heute derartig, daß sie dem Palästinaaufbau einen besonderen Impuls gibt. Obwohl der Wunsch, die jüdische Heimstätte wieder aufgebaut zu sehen, aus dem Leben des jüdischen Volkes niemals verschwunden war, haben doch die auf den Krieg folgenden und teilweise auch die durch ihn geschaffenen Verhältnisse diesem Wunsche neue Kraft verliehen. In einem beträchtlichen Teile der Welt, wo große Massen von Juden leben, ist der Antisemitismus mit besonderer Schärfe wiedererwacht. Ob dieses Wiedererwachen des Antisemitismus seinen früheren Ausbrüchen, durch die die Juden hindurchgegangen sind, an Grausamkeit gleichkommt oder nicht, ist nicht so wichtig wie die Tatsache, daß mit diesem Wiedererwachen über die Juden eine niegekannte Ernüchterung gekommen ist. Der allgemeine Liberalismus des 19. und besonders des 20. Jahrhunderts hatte bei den Juden die Hoffnung hervorgerufen, daß sie endlich in der westlichen Welt einen dauernden Wohnsitz finden würden. Diese Hoffnung ist in großem Umfange völlig enttäuscht worden, ln Mittel- und Osteuropa haften die Juden erkennen müssen, daß, wenn sie in ihren jetzigen Wohnländern weiterleben wollen, sie dies wie in vergangenen Jahrhunderten tun müssen — im Zustand der Duldung und des Leidens. In den beiden Ländern nämlich, die bis jetzt vom Antisemitismus noch verschont waren, ist gleichzeitig ein Umsturz der sozialen Lage eingetreten, der für die Juden besonders unglückselig ist. Es gibt daher Juden, die durchaus Polen, Ungarn, Rumänien und andere Länder wegen der dort herrschenden Verfolgungen verlassen wollen, und es gibt weiter Juden, die dasselbe tun wollen, weil die verheerenden Umwälzungen des Krieges sie von ihrem Platz in der alten sozialen Ordnung weggestoßen haben. Diese Judenheiten nun werden für Palästina großenteils die neuen Einwanderer stellen; hinzukommen werden nur noch weitere kleinere Gruppen von Menschen, die die westliche Welt in Zukunft abgeben wird. Der Typus der Männer und Frauen, der daher in erster Linie für die Pa-

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