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Das jüdische Echo · 1924-04-25 · 17 (25.4.1924) · p. Seite 47

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
17 (25.4.1924)
Date
1924-04-25
Page
Seite 47 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 17 Das Jüdische Echo 47 dem anderen war es gelungen, eine Flasche Wein auszufechten, ein anderer wieder schleppte Mazzoth heim, die, im großen Holzmörser zu Grieß gestoßen, den Stoff zu herrlichen Knödeln abgaben; überdies steuerte jeder von uns einen Betrag bei, damit die Schlafstätterin ein Sedermahl bereite, um das uns der Rosch Hakohel beneidet hätte. Während des Seders und des Mahles wurden Erlebnisse und Schnurren zum besten gegeben und intime Familiengeschichten aus den verschiedenen Judengassen des Landes mit souveräner dichterischer Freiheit erzählt. Dann wurden die Wohltätigen und Engherzigen der Gemeinde, in der wir uns befanden, durchgehechelt. Wieviel der eine auf Pessach gegeben und wie der andere jede Gabe verweigert hatte. Wir hatten schon längst bei den Bechern die Zahl vier überschritten, die Erzählungen erhitzten unsere Phantasie ebenso wie der Wein: die Stimmung war possenreif. Bei dem Gericht, das wir über die einzelnen Juden des Ortes hielten, kam Jossel Fuhrmann am schlechtesten weg. Keiner konnte etwas zu seinen Gunsten Vorbringen. Jossel war als Kutscher in das Haus der Witwe Chane Eckdorf gekommen und hatte es verstanden, das Herz der um viele Jahre älteren Frau so zu umstricken, daß eines Tages das Städtchen mit der Nachricht überrascht wurde, daß die wohlhabende Chane mit ihrem Kutscher Jossel unter die Chuppe gehen werde. Chane war ein resolutes Weib, dabei fromm und wohltätig, sah gern arme Gäste bei sich, und am Todestage ihres ersten Mannes mußten zehn arme Leute in ihrem Hause lernen und beten und Kaddisch sagen. Jossel hingegen war ein grober, roher Geselle, der immer wütete, wenn Schnorrer das Geld aus dem Haus trugen oder sich an Chanes Tisch gütlich taten. So ist es nur zu begreiflich, daß Chane und Jossel kein glückliches Ehepaar abgaben. Als „Herr im Hause“ verwahrte er sich gegen die Verschleppung „seines“ Vermögens, jagte jeden Schnorrer, der sich am Haustor zeigte, mit der Peitsche davon oder hetzte die Hunde auf ihn. Es kam deshalb zu stürmischen Auseinandersetzungen zwischen Jossel und Chane, bei denen Chane selten den kürzeren zog und Jossel in der Regel mit einem blauen Auge davon kam. Zwei Jahre bloß währte diese ungleiche Ehe. Chane wurde müde und krank und eines Tages trug man sie hinaus auf den „Bestimmungsort für alles Lebende“. Jossel sprach mit derber Stimme gefühllos die Worte: „Gott hat’s gegeben, Gott hat’s genommen.“ Erst beim Nachsatz: „Gelobt sei der Name des Ewigen jetzt und immerdar“, fand auch Jossel den wahren echten Herzenston. Erleichtert kehrte Jossel von der Stadt der Toten zu den Lebenden, zu seinen Pferden und Kühen zurück. Von diesem Jossel Fuhrmann wußte die ganze lustige Tafelrunde nur eines zu berichten. Er hat auch heute am Erew Pessach jeden Bittsteller von seiner Tür gejagt und einen besonders Zudringlichen mit einem Fußtritt hinausgeworfen und ihm noch nachgehöhnt: „Geh’ hinaus zu Chane —- soll sie dich zum Seder laden!“ Das Urteil war einmütig: „Das muß ihm heimgezahlt werden! Jossel soll noch heute an uns glauben!“ Jossel wohnte nicht weit von dem Hause, in welchem der Schammes die Schlafstätte hatte und wir unseren Seder hielten. Es wurde bald ausgekundschaftet, daß Jossel, der mit seinem jüdischen Kutscher beim Sedertisch saß, schon zu viel getrunken hatte und angeheitert das Nachtischgebet gröhlte. In wenigen Minuten wird die Tür geöffnet und der Prophet Elijahu begrüßt werden. Als Jossels Kutscher die Tür öffnete, stieß er einen markerschütternden Schrei aus, daß Jossel selbst erschrak. In der halbgeöffneten Tür stand eine kleine hagere Gestalt, in ein weißes Leintuch gehüllt. Dort, wo man den Kopf vermutete, leuchtete eine weiße Haube hervor, wie man sie toten Frauen mitgibt auf dem Weg ins Jenseits. „Jossel, ich bin dein Weib Chane,“ sprach die Geistergestalt fast flüsternd, „deinetwegen habe ich keine Ruhe im Grabe und meine Seele nicht den Frieden im Jenseits! Das Geschrei der Armen und Gelehrten ist bis zum Himmel gedrungen. Jetzt schickt mich der Malach-Hamoweß, der Todesengel, zurück zu dir...“ „Chane, geh’ in deine Ruh’!“, kam es flehend aus dem Munde des zitternden Jossel. „Der Malach-Hamoweß hat sich geirrt, er hatte den Auftrag, dich zu holen, Jossel... Jetzt bleibe ich hier und werde mein Vermögen an die Armen verteilen.“ „Chane, geh’ in deine Ruh!“ bat Jossel, den es bei dem Gedanken, daß er wieder mit Chane leben müßte, eiskalt überlief. „Und als ich für dich ein gutes Wort einlegen wollte, Jossel, rief der Engel Raphael: „So geh’ doch hinunter, Chane, und sieh’ mit deinen eigenen Augen: Wo sind die Armen, die du alle Jahre zum Seder zu Gaste hattest? Wer hat in deinem Hause diesmal Geld auf Mazzoth und die „Vier Becher“ erhalten? ...“ „Chane!“, schrie jetzt Jossel wie ein Verzweifelter, „geh’ in deine Ruh’! Gott hat’s gegeben, Gott hat’s genommen, gelobt sei er dafür immer und ewig!“ Die Geistergestalt ließ nicht locker. „Als ich hierher kam, traf ich den Propheten Elijahu. Er läßt dir durch mich sagen, daß er und mit ihm der Segen dein Haus meiden wird. Aber er ist bereit, sich für dich an allerhöchster Stelle einzusetzen und mich wieder zurückzuführen in meine Ruh’, wenn du zeigst, daß du besserungswillig bist...“ „Chane, geh’ in deine Ruh’, was soll ich tun?“ fragte Jossel, schon weich geworden, als er hörte, daß er sich von einer Fortsetzung des Zusammenlebens mit Chane loskaufen könne. „Beim Schammes in der Schlafstatt sind Orchim, arme Leute, eingestanden. Sie haben kaum auf Pessach genug zu essen und auch auf Pessachwein reicht es nicht. Jossel, wenn du deine und meine Ruh’ lieb hast, schicke jedem der zehn armen Leute durch deinen Kutscher eine Flasche Wein, schicke auch, was du an Mazzoth entbehren kannst, und von dem Kalb, das du gestern geschlachtet hast, schicke ein Viertel, damit die armen, hungrigen Juden sich zu Pessach sattessen können. Wenn du es vor meinen Augen wegschickst, dann holt mich der Prophet Elijahu sofort und führt mich hinauf an die Seite des allerhöchsten Richters... Drei Minuten hast du Zeit...“ Jossel versuchte noch zu handeln, aber die Geistergestalt blieb unerbittlich. Schon machte sie Miene, in das Zimmer zu treten, da schrie Jossel händeringend dem Kutscher zu: „Awrom, trag den Wein und die Mazzoth und das Fleisch zu den Orchim, aber du Chane, jetzt geh’ sofort in deine Ruh’.“ Es war ein lustiger Pessach. Jossel schwieg über sein Abenteuer und auch wir wahrten wohlweislich Diskretion. (Wr. Mgztg.)

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