Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 17 (25.4.1924)
- Date
- 1924-04-25
- Page
- Seite 46 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103074-9148123--05981-9078675- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
46 Das jüdische Echo Nr. 17 „Märchen“ leicht Glauben schenken. Dr. Helfferich wehrt sich gegen diese Behauptung in einer Zuschrift an die „Deutsche Tageszeitung“, in der es heißt: Jüdische Zeitungen verbreiten mit unverhohlener Freude die Nachricht der völkischen Presse, daß Dr. Helfferichs Vater oder Großvater ein Vollblutjude war. „Mein angeblich jüdisches Blut haben sich die Erfinder aus den eigenen schmutzigen Fingern gesogen.“ Die jüdische Mordzentrale in Ostpreußen. Königsberg. (J. T. A.) Das führende ostpreußische Blatt „Königberger Hartungsche Zeitung“ teilt mit, in völkischen Kreisen wird neuerdings eine intensive Hetze gegen die jüdische Bevölkerung betrieben. In Verbindung mit dem kürzlich stattgefundenen Prozeß gegen den jüdischen Rechtskandidaten Wechselmann, der wegen Erschießung des Antisemiten Kirstein in Notwehr zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war, wird behauptet, Wechselmann gehörte verschiedenen jüdischen Organisationen zur Abwehr des Antisemitismus an, woraus gefolgert wird, es bestehe eine „Judenzentrale zur Veranstaltung von deutschen Pogromen“, sowie eine „jüdischkommunistische Mordorganisation“. Die „Königsberger Hartungsche Zeitung“ warnt davor, diesen Hetznachrichten Glauben zu schenken, und schreibt: Die Organisationen Zentralverein, Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Kartell jüdischer Verbindungen seien legale Organisationen, die für die Entgiftung der politischen Atmosphäre eintreten, und sich daher gegen Pogrome jeder Art wenden. Der Zentralverein, Landesverband Ostpreußen, hat eine Belohnung von 10 000 Mark für denjenigen ausgesetzt, der den Nachweis erbringen kann, daß es in Ostpreußen, wie im Reich überhaupt „jüdische Geheim- und Mordorganisationen“ oder solche jüdische Organisationen gebe, die mit kommunistischen Geheimgruppen etwas zu tun haben. Eine allgemeine ostjüdische Konferenz. „Der Verband ostjüdischer Organisationen“ veranstaltet am Montag und Dienstag, den 28. und 29. April ds. Js. eine Konferenz von Vertretern der ostjüdischen Organisationen und Vereine im Reich, um über die gegenwärtige Lage der Ostjuden zu beraten und die Grundlagen für eine Gesamtorganisation zu schaffen. Alle im Reiche bestehenden ostjüdischen Organisationen und Vereine werden dringendst ersucht, sich umgehend mit dem „Verband ostjüdischer Organisationen“ Berlin N. 24, Auguststr. 17, in Verbindung zu setzen. Polen Die B’nei B’rith in der Republik Polen. Der Verband der B’nei B’rith-Logen in Polen hat sich, wie J.T.A. berichtet, nunmehr konstituiert. Er umfaßt 6 Logen mit 621 Mitgliedern und zwar: Die Loge in Bielitz mit 90 Mitgliedern, die Krakauer Loge mit 170 Mitgliedern, die Beopolis-Loge in Lemberg mit 246 Mitgliedern, die Amicitia-Loge in Posen mit 40, die Rafael Kosch-Loge in Lissa mit 13 und die Warschauer Loge mit 62 Mitgliedern. Die Eduard Lasker-Loge in Bromberg ist wegen gänzlicher Abwanderung ihrer Mitglieder nicht mehr tätig; die Gabriel Rießer-Loge in Thorn hat ihre Auflösung beschlossen. Die beiden oberschlesischen Logen, die Concordia-Loge in Kattowitz und die Michael Sachs-Loge in Königshütte haben sich der neuen polnischen Großloge nicht angeschlossen, sondern sich direkt unter das amerikanische Exekutivkomitee gestellt. Die Gründung einer neuen Loge in Przemysl steht bevor. Präsident der Großloge für Polen ist Dr. Leo Ader, Krakau. Italien Sechs Juden in der neuen italienischen Kammer. Aus Rom berichtet J.A.T.: Auf Grund der neuen Wahlen werden sechs Juden im neuen Parlament sitzen. Von diesen gehört einer der faszistischen Partei an, drei sind Sozialisten-Reformisten und zwei Sozialisten-Maximalisten. Feuilleton Fahrendes Volk Aus der Serie „Schwindende Ghettogestalten“ Von Jakob Krausz Aus dem Tagebuch des Berl Sträselmann Der fünfte Pessach, seit ich in die Gilde der Schnorrer eingetreten bin; und heute bin ich mitten drin, ein mit allen Vorzügen und Mängeln einer Zierde der Zunft ausgestatteter, mit allen Salben geschmierter, von allen Hunden gehetzter Schnorrer. Ein ganz gewöhnlicher „Tarchener“. — Schluß. Vor zwei Jahren noch sandte mir die steinreiche Witwe Malke Eisenberger, eine wegen ihrer Frömmigkeit und Gastfreundschaft verehrte Greisin, schon während des Winters einen Boten in mein viele Kilometer von ihrem Wohnort entfernt gelegenes Winterquartier, mit einem ganz regelrechten Bittgesuch, den kommenden Pessach als ihr Gast in ihrem Hause zu verbringen und ihr den Seder zu geben. Ihr verstorbener Mann, Reb Akiba Eisenberger, war ein berühmter Talmudgelehrter, betrieb einen großen Lederhandel und sein Haus war „ein Sammelpunkt für Weise und Gelehrte“. Eine Einladung von der Witwe dieses großen Mannes, bei ihr den Seder zu geben, war also eine bedeutende Ehrung. Das war noch vor zwei Jahren. Diesmal habe ich den Seder in der großen Waschkammer des Schlafstätters einer kleinen Gemeinde zwischen Donau und Theiß für meine Kollegen und Weggenossen gegeben, die gleich mir keine Einladung erhielten und die ersten zwei Pessachtage auf Kosten der Gemeindemitglieder verköstigt wurden. * * * Bei dem Seder in der Waschkammer der Schlafstatt ging es lustig her. Fröhlicher und gemütlicher als es jemals beim Seder des reichsten Hausherrn möglich gewesen wäre. Der hohe Rat des fahrenden Volkes saß am weißgedeckten Tische beisammen und feierte das Fest der Freiheit von allen gesellschaftlichen Fesseln. Wäre nur das auf den Sedertisch gekommen, was eine hochherzige Gemeinde bestellt und bezahlt hat, so wäre es tatsächlich kaum mehr als „das Brot der Armut“ gewesen. Und mit den „Vier Bechern“ war es überhaupt schlecht bestellt. Sie waren uns in ganz kleinen Gläschen kärglich zugezählt und zugemessen und reichten kaum hin, um in Sederstimmung zu geraten. Aber wir waren gestern und heute recht fleißig gewesen. Dem einen und