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Das jüdische Echo · 1924-04-25 · 17 (25.4.1924) · p. Seite 44

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
17 (25.4.1924)
Date
1924-04-25
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
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44 Das Jüdische Echo Nr. IT Städten des Ansiedelungsrayons „kein Leben mehr machen“ konnte, wie der Ostjude sich ausdrückt, war der typische ostjüdische Auswanderer. Der Händler fristete trotz Kischinew und Beilisprozeß sein kümmerliches Dasein als „Luftmensch“ weiter, solange ihm sein russisches Stiefvaterland eine wenn auch noch so bescheidene Existenzmöglichkeit gewährte. Der furchtbare Krieg und der ebenso furchtbare Friede hat dann aber auch dem Händler den Wanderstab in die Hand gedrückt. Das angeblich vom Judentum beherrschte Sowjetrußland hat durch Unterbindung des Handels viele Tausende jüdischer Existenzen im Osten vernichtet und sie zur Auswanderung geradezu gezwungen. Von 1897 bis 1914 sind insgesamt 988 421 russische Juden nach Amerika ausgewandert, davon mehr wie die Hälfte in den Pogrom jahren 1904/1907. Die amerikanischen Juden hatten unter nationaler Intoleranz früher wenig zu leiden. Sie waren mit Ausnahme des Staates Maryland, der erst im Jahre 1825 die Verfassungsbestimmung aufhob, wonach sie zu öffentlichen und gerichtlichen Ämtern nicht zugelassen waren und der auch dann noch von jedem jüdischen Beamten die Erklärung verlangte, daß er an das ewige Leben und an das Dogma der Vergeltung glaube, in allen amerikanischen Staaten vollkommen gleichberechtigt und zwar schon zu einer Zeit, wo selbst die französische Nationalversammlung von 1790 noch unschlüssig war, ob die Gleichberechtigung der Juden anzuerkennen sei oder nicht. Den Vätern der amerikanischen Union war es klar, daß ein Land von der Größe des ihrigen ohne massenhafte Einwanderung aus der alten Welt niemals der Kultur erobert werden konnte. Sie öffneten daher die Tore Amerikas weit für alle Auswanderungslustigen und setzten ihren besonderen Stolz darein, den Opfern kirchlicher Intoleranz und despotischer Bedrückung eine Zufluchtsstätte zu bieten. Freilich setzte drüben schon frühzeitig auch eine lebhafte Gegenbewegung gegen die unbegrenzte Zulassung der Einwanderung aus der alten Welt ein, und es kam infolgedessen in den letzten vier Jahrzehnten zu verschiedenen Verschärfungen der Einwanderungsgesetze, den Chinesen gegenüber 1882 sogar zu einem fast vollständigen Einwanderungsverbot. Neuerdings liegt bekanntlich dem amerikanischen Kongreß ein Gesetz vor, welches die künftige Einwanderung auf eine geringe Prozentnorm der bereits in den Vereinigten Staaten ansässigen Volksgenossen der Einwanderungslustigen beschränken soll. Es ist unberechtigt, die zur Zeit drüben herrschende einwandererfeindliche Stimmung auf schlechte Erfahrungen zurückzuführen, die man mit der Zulassung einer großen Anzahl speziell ostjüdischer Einwanderer gemacht hat. Ganz ähnliche Einwendungen wie gegen diese sind schon gegen die erste größere Einwandererwelle erhoben worden, die vor einem Jahrhundert nach Abschluß der napoleonischen Kriege an die Küste des Landes der Freiheit gespült wurde. Mit dieser kamen aber noch vörwiegend solche, die nach Abstammung Engländer waren oder wenigstens englische Sprache und Sitte mitbrachten. Als dann nach 1848 und insbesondere nach 1878 die deutsche Einwanderung vorübergehend in den Vordergrund trat, ging die Palme der Unbeliebtheit auf den „damned Dutchman“, etwas später auf den Slaven, den „Hun“, und den Italiener, den „Dago“, über, bis sie schließlich der Ostjude, für den der amerikanische Nationalist gleich mehrere Schimpfnamen bereit hat, davon trug. Es gibt bereits eine stattliche Literatur, welche dem Nachweis seiner angeblichen „Minderwertigkeit“ gewidmet ist.2) Auch fehlt es dieser Literatur nicht an Beiträgen jüdischer Gewährsmänner, wobei die satte Tugend und zollungsfähige Moral gewisser seit der Emanzipation emporgekommenen Juden des Westens nicht immer vorteilhaft in die Erscheinung tritt. Hält man sich nur an die Tatsachen, so erscheint das zum Nachteil des Ostjuden vielfach gehegte Vorurteil in keiner Weise begründet. Um ein Beispiel herauszugreifen: Die Jahre 1904 und 1907 waren solche stärkster ostjüdischer Einwanderung in den Vereinigten Staaten. In beiden Jahren wurde die Zahl der in Straf-, Irren- und Armenhäusern internierten jüdischen Einwanderer von der Zahl der gleichzeitig aus Irland, Frankreich, Deutschland und England stammenden internierten Einwanderer um ein Vielfaches übertroffen.3) Die allgemeine Erfahrung, daß Angehörige eines Religionsbekenntnisses oder einer Rasse in der Diaspora, wo sie dem hemmenden Einfluß eines zu weit getriebenen Traditionalismus entrückt sind, besser abschneiden, als in der Heimat, wird durch die Geschichte des jüdischen Volkes vielfältig bestätigt. Die Juden, insbesondere auch die Ostjuden, haben auf amerikanischem Boden sich in ökonomischer wie in kultureller Hinsicht günstig entwickelt. So weit dies nicht der Fall war und sie dem Elend anheimfielen, das drüben Millionen im Wettkampf des Lebens Unterlegener erwartet, haben sie redliche Anstrengungen gemacht, ihre traurige Lage auf dem Boden des Gesetzes zu bessern. Sie zählen nach dem Urteil ruhig und objektiv denkender amerikanischer Staatsmänner zu den besten und loyalsten Bür- 2) Was von derartiger Literatur zu halten ist, lehrt nachstehende Blütenlese. S o m b a r t : „Amerika in allen seinen Teilen ist ein Judenland. Das ist das Ergebnis, zu dem ein Studium der Quellen unweigerlich führen muß.“ S e r i n g : „Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die deutsche Einwanderung an Fülle der körperlichen und geistigen Kraft diejenige aller Länder weit übertrifft. Die Deutschen bilden die Kerntruppe in der großen Völkerwanderung nach Amerika.“ Woodruff: „Es ist klar, daß die Menschen aus Nordwesteuropa unsere besten Bürger bilden. Sie sind das Beste, was Europa züchtet.“ Der amerikanische C e n s u s von 1900 aber urteilt, „daß seit der zahlreichen Einwanderung der sanften und religiösen Slaven die Arbeiterviertel, früher Herde der Unzucht, Trunksucht und verschiedener Verbrechen, ihre Physiognomie vollständig geändert haben“, und die amerikanische Statistik bestätigt, daß beispielsweise der ruthenische Bauer, der weder lesen noch schreiben kann, der am wenigsten kriminelle und moralisch am höchsten stehende Einwanderer ist. 3) Die Zahlen sind: 1904/5 1907/8 Irländer 32% 33,3%: Franzosen 18% 17,5% Deutsche 13% 13,4% Engländer 10% 9,7% Juden 21/*% 4,5% Wie groß das Vorurteil gegen die Ostjuden selbst in jüdischen Kreisen ist, mag aus der Tatsache entnommen werden, daß es 1856 in Boston sogar zu einer Spaltung _ innerhalb der dortigen Loge des Ordens Bnei Brith kam, weil die „spanischen“ und „deutschen“ Juden die „polnischen“ als minderwertig ansahen und daß noch 1881 die Großloge von Illinois ostjüdischen Anwärtern die Aufnahme mit der Begründung verweigerte, „polnische Juden seien im Orden nicht erwünscht“.

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