Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 17 (25.4.1924)
- Date
- 1924-04-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 17 25. April 1924 11. Jahrgang Die Juden In den Vereinigten Staaten Von Dr. Max Prager. „Liberty Bell“, die amerikanische Freiheitsglocke, trägt keine lateinische, sondern eine alttestamentarische Inschrift. Dies hat tiefere Bedeutung. Als der Philosoph John Locke, der große Vorkämpfer der Toleranz in der englisch sprechenden Welt, seine 1669 in Kraft getretene Verfassung für Nord-Carolina ausarbeitete, schloß er zwar „Juden und Heiden“ in die Duldung ein, „Katholiken nud Atheisten“ jedoch „wegen ihrer staatsgefährlichen Lehren“ davon aus. Ähnlich verhielten sich die Puritaner von Massachusetts in ihrer 1692 in Kraft getretenen Verfassung. Obwohl mit dieser Zurücksetzung der Katholiken schon 1776 aufgeräumt wurde, hat sich das Vorurteil gegen sie bis heute nicht ganz verloren. Die Abneigung, der insbesondere Iren und Italiener begegnen, wurzelt hauptsächlich in diesem Vorurteil. Hingegen bestand gegen das Judentum als religiös-kulturelle Erscheinung bisher keinerlei Feindseligkeit. Dafür spielten die Gestalten und das Wort der jüdischen Bibel in der Vorstellungswelt der übergroßen Mehrheit des amerikanischen Volkes eine viel zu große Rolle. Dazu kam, daß die Zahl der in den Vereinigten Staaten lebenden Juden im Verhältnis zur Gesamtheit der amerikanischen Bevölkerung bis Ende der siebziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts sehr gering war (0,3:50 Millionen 0,6%). Endlich hat es die Anpassung der amerikanischen Juden an das nichtjüdische Amerika wesentlich erleichtert, daß die große Masse der etwa 3 Millionen heute in den Vereinigten Staaten lebenden Juden dem religiösen Liberalismus anhängt. Selbst die Ostjuden hatten das Fegefeuer der Aufklärung (Haskala) durchschritten, bevor sich ihnen der Himmel der amerikanischen Freiheit auftat. Diese geht in der religiösen Toleranz bekanntlich so weit, daß drüben sogar das Abwechseln christlicher und jüdischer Prediger auf der Kanzel keineswegs zu den Seltenheiten gehört. Auch der amerikanische Judenhaß von heute trägt nur in äußerst schwachem Maße religiöse Färbung. Zwar kann man ihn bisweilen auch religiös begründen hören und zwar in der gleichen widerspruchsvollen Weise, welche für alle „Begründungen“ dieser Art bezeichnend ist.1) Im Wesentlichen wurzelt, wie der Fremdenhaß überhaupt, so auch der Judenhaß drüben im Sozialökonomischen: einerseits in der Furcht des hochgelöhnten, gelernten amerikanischen Arbeiters vor der Herabdrückung seines „American living“, d. i. seiner gewohnten gehobenen Lebenshaltung durch die Reservearmee jüdischer Proletarier, andererseits in der Angst der amerikanischen Unternehmer vor dem Schreckgespenst einer politischen Arbeiterbewegung nach europäischem, insbesondere russischem Muster. x) So bringt es z. B. der Dearborn Independent Henry Fords fertig, die Juden das einemal für die moderne Bibelkritik (an der sie bekanntlich, wenn man von Spinozza absieht, einen beschämend geringen Anteil haben), das anderemal für die Verfälschung der „nordischen“ Götterwelt verantwortlich zu machen. Hiezu kommt, daß sich die erst in den allerletzten Jahrzehnten eingewanderten Massen der Ostjuden bisher in wenigen Großstädten — vor allem in New York — zusammendrängen und eine gewisse Neigung verraten, ihre Sprache und Sitte auch in Amerika festzuhalten. Es ist unberechtigt, in solchem Verhalten eine Besonderheit des Juden erblicken zu wollen. Jeder wandernde Volksstamm verhält sich in ähnlicher Weise. Man hat es nur heute vergessen, daß noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Hälfte der Bevölkerung von Pennsylvanien und Ohio deutsch sprach und daß die russische schöne Literatur dem Deutschen in Rußland ganz dieselben Tugenden und Laster andichtet, wie die deutsche dem Juden in Deutschland. Die Juden sind nicht, wie Sombart behauptet, als Pioniere des Kapitalismus nach Amerika gekommen. Sie kamen als Opfer der Verfolgung der Glaubensgerichte, als politische Flüchtlinge und in ihrer überwiegenden Mehrzahl als arme Teufel. Das Häuflein Juden, das mit dem angeblichen Judenstämmling Columbus landete, und die paar spanischen und portugiesischen Marannen, die sich im 17. Jahrhundert in Brasilien und Peru, später in Neuholland und Neuengland ansiedelten, waren der Zahl nach viel zu unbedeutend, als daß sie auf die Wirtschaft und die Politik Amerikas bestimmenden Einfluß hätten üben können. Auch hatten es die Nachkommen der Anglosaxonen und Normanen wahrlich nicht nötig, das Streben nach unbegrenztem irdischem Gewinn von den angeblichen Trägern einer asiatischen „Wüstenkultur“ zu erlernen. Die ungeheure Mehrheit aller heute in den Vereinigten Staaten lebenden Juden ist erst zu einer Zeit in Amerika eingewandert, als der Kapitalismus drüben schon in Blüte stand. Bis zum Beginn der 70iger Jahre des 19. Jahrhunderts überwog innerhalb der gesamtjüdischen Einwanderung das deutsch -jüdische Element bei weitem. Dann wurde es allmählich von dem ostjüdischen überflügelt und etwa von der Mitte der 80er Jahre an tritt es hinter letzterem so weit zurück, daß es praktisch überhaupt nicht mehr zählt. Seit vier Jahrzehnten sind die jüdischen Volksmassen des Ostens in einer nur durch den Weltkrieg unterbrochenen Wanderung nach dem Westen begriffen. Was diese Welle ins Rollen gebracht und bis zur Stunde in Bewegung erhalten hat, sind mehr noch als die periodisch wiederkehrenden Ausbrüche des Judenhasses dauernd wirkende sozialökonomische Ursachen. Von den 2 Millionen Ostjuden, die in den letzten 40 Jahren nach den Vereinigten Staaten gewandert sind, bestand Jahr um Jahr fast die Hälfte aus gelernten Arbeitern. Die Klasse der Kleinhändler, die im russischen Ansiedelungsrayon etwa 40% der Gesamtbevölkerung ausmachte, war bis zum Krieg nur mit lächerlich geringen Prozentsätzen an der Auswanderung beteiligt. Der russische Handwerker, der infolge der schmachvollen Maigesetze des Grafen Ignatiew in den überfüllten