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Das jüdische Echo · 1924-04-11 · 15 (11.4.1924) · p. Seite 22

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
15 (11.4.1924)
Date
1924-04-11
Page
Seite 22 (sequence 6)
Language
German
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22 Das Jüdische Echo Nr. 15 Partei, Abgeordneter Gielirl, am Abend des Wahltages in einer Versammlung zugab, daß der Mißerfolg selbst verschuldet sei. nachdem gewisse Steilen jahrelang mit den Völkischen paktiert und geliebäugelt haben. Dieses Paktieren räche sich jetzt. — Sie werden die Geister nicht mehr los, die sie selber riefen. Angesichts der Scherben, vor denen wir stehen, muß aber auch ein Wort über unsere, der Juden Schuld gesagt werden: Wir haben nahezu widerstandslos zugesehen, wie die Lügen der Judenhetzer die Gemüter ergriff und haben nicht begriffen, daß es eine Aufgabe von unvergleichlicher Dringlichkeit war, geeint mit allen Kräften und allen Mitteln der sich breit machenden Lüge entgegenzutreten — in unserem Interesse und nicht minder im Interesse einer ruhigen Entwicklung Deutschlands, die gerade die Völkischen am meisten gefährden. Doch leider verhinderte das unsere innere Zerrissenheit, die noch größer ist als die des deutschen Volkes mit seinen mehr als 20 Parteien. Im Jahre 1920 boten die Zionisten dem C. V. in München Zusammenschluß der Abwehrarbeit an, für die sie manche bemerkenswerte neue Gesichtspunkte mitbrachten. Der C. V. lehnte ab. Seine alleinige Domäne sollte die Abwehr bleiben und allenfalls wollte er die Güte haben, „Anregungen entgegenzunehimen“. Der Erfolg ist groß — das Arbeitsgebiet des C. V. hat sich ungeheuer vergrößert. Wird der C. V. trotz dieses Resultats zu keiner Einsicht kommen? Abwehr und Aufbau muß die Losung für alle heißen. Werden die führenden Männer der Gemeinde und im Lande immer noch nicht verstehen, daß ihre Hauptaufgabe nicht so sehr in der „Verwaltung“ liegt, als darin, für gemeinsame Lebensaufgaben die gemeinsame Plattform zu finden? Dämmert es noch nicht? Oder wollen wir fortfahren einander heftiger zu bekämpfen, als unsere Todfeinde? Purimgeschichte in Bayern Ein Purimartikei um jeden Preis? Der, weil, er „aus technischen Gründen“ im Adar nicht erscheinen konnte, nun zwangsläufig im Nissan an die Leser abgesetzt werden soll? Mit nichten. Wir wollen keine verspätete Purimbetrachtung abgeben. Die Betrachtungen, die wir hier anstellen wollen, sind an den jüdischen Kalender nicht gebunden; sie wären auch im Ellul oder Marcheschwan zeitgemäß, — wenn Hitlerprozeß, Landtagswahlen, und wie alle bayerischen Geschehnisse heißen, im Ellul oder Marcheschwan stattgefunden hätten. Wir greifen auf die Purimgeschichte nur zurück, um zu vergleichen. Um festzustellen, ob die Perspektiven heute dieselben sind wie damals vor mehr als 2000 Jahren. Und um zu zeigen, daß es in Bayern heute anders ist als damals in Persien. * * * Die Analogie liegt zunächst nahe. Was damals Haman war, könnte heute Hitler, besser: Antisemitismus heißen. Die AnklagenHamans gegen die Juden haben ihr Widerspiel in den „Weisen von Zion“ und dem, was damit zusammenhängt. Wer seine Freude daran hat, kann noch engere Parallelen zwischen damals und heute ziehen: Er mag jene Nacht, in der König Ahasveros dem Mordechai unerwartetermaßen seine Gunst bezeugt, vergleichen mit jener Nacht vom 8. auf 9. November, in der unerwartet die bayerische Staatsgewalt den Aktivisten die Gefolgschaft versagte. Er mag vergleichen die Anlagen Esters und Gharbonas gegen Haman mit den Angriffen auf die völkische Bewegung sie säe den Kulturkampf. Und jenes Wort des’ persischen Königs „hänget ihn!“ mit der Entscheidung der Staatsgewalt, „daß die Schuldigen dem Richter zugeführt werden sollten.“ * * * Aber hier begeht die bayerische Purimgeschichte einen Anachronismus. Der Prozeß hat stattgefunden. Wer es noch nicht gemerkt hatte, der mußte es nun merken, daß die alte Purimgeschichfte mit der neuen wenig gemein hat. Nicht nur. weil Haman zum Tod und die bayrischen Antisemiten zu Bewährungsfrist verurteilt wurden, — dies ist nur symptomatisch für den Unterschied, — sondern, weil auf der bayrischen Anklagebank gar nicht „Haman“, gar nicht der Antisemitismus stand. Die angeklagt waren, sind freilich Antisemiten. Aber ihr Antisemitismus hatte nur mittelbar mit der Anklagesache zu tun; zu verantworten hatten sie sich aus andern Gründen. Und ihr Antisemitismus war höchstens — Strafmilderungsgrund. Vielleicht war mancher jüdische Zeitungsleser angenehm enttäuscht darüber, daß das Judentum in diesem Prozeß so verhältnismäßig wenig angegriffen worden ist. Gewiß. — die Schlagworte vom „jüdischen Marxismus“, vom „jüdischen Börsengesindel“ fehlten nicht. Aber sie fielen doch nur beiläufig. Schwereres Geschütz ist, — trotzdem man ja fachmännisch beraten war, — nicht aufgefahren worden: Kein Wahrheitsbeweis für die Echtheit der „Weisen von Zion“. Für die nationale Gefährlichkeit der Bne-Bris-Logen. Und wie derartiges hieße. Aber gerade das ist das Beschämende an diesem Prozeß. In diesem Prozeß, in dem die belanglosesten Dinge stunden- und tagelang durchgequetscht wurden, hat niemand einige Minuten für die Frage der sittlichen Bedeutung des Antisemitismus übrig gehabt. Das Bekenntnis zum Antisemitismus war mehr oder minder bei allen Prozeßbeteiligten selbstverständliche Voraussetzung, die tiefere Sittlichkeit des Antisemitismus ein Dogma, das eines Beweises gar nicht mehr erst bedurfte. Über die Frage der Selbstverständlichkeit des Antisemitismus konnte man zur Tagesordnung übergehen... Als Haman gehlängt wurde, ward den Juden „Licht und Freude“, „Wonne und Würde“. Mit dem Ende des Hitlerprozesses mußte den Juden klar werden,'daß sie tatsächlich Staatsbürger minderen Grades seien. * * * Die Stadt Susa trauerte, — so berichtete die Megilla, — als der Angriff Hamans auf die Juden bekannt ward. — In München trauerte man, als das Hitlerurteil bekannt wurde. Und gab die Antwort bei den Wahlen. Diese Wahlen sind ein Ding, so merkwürdig, wie man es nur erleben kann ip einem Land^ das so merkwürdige Ansichten üb dt* den Antisemitismus gut heißt. Eine Partei tritt auf, die keine Partei sein will. Die gegen die marxistische Verfassung ist und trotzdem die Losung gegen die Verfassungsänderung ausgibt. Die extrem rechts steht und deren namhafte Führer doch eine starke Linksorientierung erhoffen. Diese Partei erobert fast ein Viertel aller Mandate. So viel wird man schon jetzt sagen können: keine Partei wird die absolute Mehrheit haben können. Die bisherige Regierungspartei wird auch weiterhin die stärkste sein und daher Regierungspartei bleiben. Aber sie wird sich eine Bundesgenossin suchen müssen und hat nur die Wahl zwischen Sozialdemokratie und Völkischem Block. Ein Rätselraten und Kompromiß-Schließen wird kommen. Wird die Bayrische Volkspartei den Zwist mit den Völkischen schon vergessen können und mit diesen, — so sie Gegenliebe findet, —

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