Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1924-04-04 · 1-14 (4.4.1924) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
1-14 (4.4.1924)
Date
1924-04-04
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103074-9148112--05958-9078649
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

10 Das Jüdische Echo Nr. 1 14 Schlesien berichtet, noch immer nicht abgeschlossen. Bekanntlich hat das Femgericht des Bundes „Oberland“ Samson zum Tode verurteilt und Baer wurde ausersehen, mit Hilfe einiger anderer Mitglieder des Oberlandbundes das Femurteil zu vollstrecken. Später sollte Baer selbst, da man ihn „jüdischen Verrats“ bezichtigte, auf Grund eines Femurteils erschossen werden. Auf dem Wege zur Richtstätte wurde er von Gendarmen befreit und legte ein Geständnis über die „Hinrichtung“ Samsons ab. Die Untersuchung hat nun ergeben, daß in die Mordaffäre auch der berüchtigte antisemitische Heidelberger Privatdozent Rüge verwickelt ist; das Verfahren wurde daher auf Rüge, ferner auf den Kompagnieführer Baers, den Hauptmann Kiefer, sowie eine Reihe von anderen Mitgliedern des Oberlandbundes ausgedehnt. Dr. Weizmanns Apell Dr. Weizmanns Appell für den Keren Hajessod. Dr. Weizmann hat an die amerikanische Judenheit einen Aufruf erlassen, — der aber ebenso gut die Juden in allen anderen Ländern angeht — die energischsten Anstrengungen für den Keren Hajessod zu machen. Der Aufruf lautet: „Nie ist die Lage des jüdischen Volkes in Ost- und Zentraleuropa kritischer gewesen als heute. Hunderte, Tausende von Männern, Frauen und Kindern sind aus ihrem Heimatboden entwurzelt worden — ein großes Heer von Flüchtlingen, denen jede zu Frieden und Sicherheit führende Türe verschlossen ist. Die beschränkte Immigration sperrt ihnen den Weg zu Sicherheit und Freiheit, selbst in Amerika. Wo sollen sie eine Heimstätte finden? Nur in Palästina, das einzige von allen Ländern der Welt, das ihnen jetzt Gelegenheit gibt, sich wieder ein Leben aufzubauen und damit das Land aufzubauen. Zehntausende jüdischer Familien, die von der Jahrhunderte alten Sehnsucht, in das Land der Väter zurückzukehren, verzehrt werden, warten nur auf das Wort, gehen zu dürfen, und auf den nötigen Beistand, der ihnen die Fahrt ermöglicht. In den letzten drei Jahren sind! über 30 000 jüdische Immigranten in Palästina angesiedelt worden. Ob diese Zahl in den kommenden paar Jahren verdoppelt oder verdreifacht wird, das hängt großenteils von den Geldern ab, die für die konstruktiven Unternehmungen beigestellt werden, welche zu ihrer Einlebung im Lande erforderlich sind. Seit mehreren Jahren habe ich den Vorzug, gemeinsam mit euch an dem großen Unternehmen des jüdischen Volkes, an dem Aufbau Palästinas, zu arbeiten. Aus dem Jahr, das wir jetzt hinter uns haben — einem Jahr voll von Gerüchten und Prophezeiungen, von Kämpfen und Konflikten innerer und äußerer Natur —, ragt eine Tatsache strahlend und unerschütterlich fest hervor — unsere praktischen Leistungen in Palästina. 85 jüdische landwirtschaftliche Kolonien, nach bewährten wissenschaftlichen Richtlinien angelegt, liegen jetzt auf dem Land von Dan bis Berseba. Moderne Vorstädte, neue Geschäftsvierfel, Hunderte von Häusern sind erbaut worden, und aus der ehemals unfruchtbaren Sandwüste bei Jaffa ist die aufblühende Stadt Tel Awiw mit einer 20 OOOköpfigen Bevölkerung erstanden. Die Wasser des Jordan sollen gezügelt werden, um der künftigen industriellen Entwicklung Palästinas elektrische Kraft zu liefern. Medizinische und sanitäre Arbeit zur Sicherstellung der Gesundheit in Palästina wird in 17 Spitälern, Polykliniken, Armee-Apotheken und Laboratorien geleistet, in welchen während der vergangenen zwei Jahre über eine Million Fälle — Araber, Christen und Juden — zur Behandlung kamen. Ein ganzes System eines hebräischen Schulwesens ist eingerichtet worden — 131 Schulen mit 12 456 Schülern, einschließlich Handels- und Berufsschulen, die den Hauptzweck haben, die heranwachsende Generation zur praktischen Arbeit für den Aufbau des Landes heranzubilden. Die ersten Gebäude der Hebräischen Universität auf dem ölberg sind nunmehr erbaut, und das alte Hebräisch lebt wieder als Umgangssprache des jüdischen Volkes. Diese ökonomischen Leistungen — Kolonien, Schulen, Einwanderung, medizinische Institutionen usw. — bilden den besten Maßstab und die Garantie für unseren endgültigen Erfolg. Noch mehr, neue Massen, besonders in Amerika, schließen sich unseren Reihön an und bringen denen, die all die vielen Jahre hindurch das Banner des Zion-Aufbaus emporgehalten haben, neuen Kräftezufluß. Ermutigt durch diese neuen Kräfte, beherzt durch den steten Fortschritt, der sich in unserer Arbeit in Palästina zeigt, inspiriert vor allem durch die Größe unserer Sache, laßt uns in diesem Moment, frei und ohne Geiz an unserer Zeit, unseren Mitteln und unserem Selbst, intensive Anstrengungen machen. Wieder ist uns das Banner unserer großen Sache in unsere Hände gegeben. Haltet es fest mit Mut und Ergebenheit! Tretet in das Arbeiterheer nur ein, das allein die bevorstehende Kampagne zum Erfolg führen kann! (Ziko.) Eduard Bernstein für den Zionismus In einer am 10. ds. in Leipzig stattgefundenen öffentlichen Kundgebung für das arbeitende Erez Israel sprach der bekannte sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Eduard Bernstein über die jüdische Frage und den Nationalismus. Er erzählte aus seinen Kindheitserinnerungen, wie er, der Sohn eines Lokomotivführers, von dem damals im Anfangsstadium der Entwicklung stehenden Eisenbahnwesen als vom Erlöser der Menschheit träumte. Er hoffte, daß dieses neue Kommunikationsmittel, den Raum überwindend, die Völker einander näher bringen, sie einander verstehen lehren und so den ewigen Frieden der Menschheit geben wird. Wie diese Jugendphantasien enttäuscht wurden, zeigt am besten die Lage, ii^ der sich die Menschheit jetzt befindet. Zerklüftet, gespalten in sich feindlich gegenüber stehenden Lagern, zerfleischen die Völker einander. In Strömen von Blut watend, marschiert die Reaktion und als ihr treuer Begleiter folgt ihr auf Schritt und Tritt der schwarze Schatten des Antisemitimus. Er selbst habe lange die einzig mögliche Lösung der Judenfrage in der Assimilation gesehen und sei überzeugt gewesen, daß mit dem Verschwinden des Kapitalismus auch die Judenfrage ihr Ende finden werde. In der letzten Zeit habe er sich jedoch überzeugt, daß auch Karl Marx in dieser Frage geirrt habe. Die neuen Erscheinungen im jüdischen Leben zwingen alle, die ehrlich genug sind sich das einzugestehen, zur Änderung ihrer Stellung. Der Nationalismus hat zwei Gesichter: er offenbart sich entweder progressiv, nach Vervollkommnung vorwärts strebend, oder er entpuppt sich als ein reaktionäres Bestreben, das die Ent-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.