Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 49 (14.12.1923)
- Date
- 1923-12-14
- Page
- Seite 509 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Das Jtidlsche Echo 509 Zahl wurde in den Ferien stets erreicht; während des Schuljahres war die Frequenz natürlich viel kleiner, doch war sie nie so gering wie jetzt, wo offenbar viele Eltern wegen der unsicheren politischen Lage Bedenken haben, ihre Kinder nach Bayern zu senden. Diese Sorge nun dürfen wir zerstreuen. Wir hatten selbst während der Putschtage in Wolfratshausen nichts zu leiden. Der dortige Bezirksamtmann erklärte dem Schreiber dieser Zeilen auf eine direkte Anfrage, daß er die Verantwortung dafür übernähme, daß unseren Kindern im Landheim nichts passieren würde. Als Ferienheim ist unser Haus gut eingeführt, wie die eingangs erwähnte Frequenzziffer beweist, dagegen ist seine zweite, mindestens ebenso wichtige Bestimmung noch nicht genügend bekannt: Die Anstalt ist nämlich auch als Erziehungsheim für kränkliche und schwächliche Kinder gedacht. Während ein gesundes Kind in 3—4 Wochen sich von den Anstrengungen der Schulzeit erholen kann, braucht ein nervöses oder schwächliches Kind oder eines, das eine schwere Erkrankung durchgemacht hat, erfahrungsgemäß viel länger, bis die Schädigungen ausgeglichen sind, die sein Organismus erlitten hat. Unter unseren Ferienkindern waren stets zirka 20%, bei denen nur ein lang ausgedehnter Aufenthalt einen guten und dauernden Erfolg hätte verbürgen können. Nur bei mehrmonatlichem Aufenthalt waren die vorzüglichen Resultate möglich, wie wir sie bei Rekonvaleszenten nach zum Teil sehr ernsten Erkrankungen zu verzeichnen hatten. Natürlich muß man der oben erwähnten Gruppe von Kindern, nämlich den Pfleglingen, für die unser Haus ein Erziehungsheim darstellt, einen geregelten Schulunterricht bieten. Es wäre gänzlich verkehrt, sie monatelang zu schonen, um sie dann der Gefahr einer Überanstrengung auszusetzen, wie sie durch ein überhetztes Nacharbeiten entstehen würde. Das Landheim verfügt über eine vorzügliche, akademisch gebildete Lehrkraft, die Mittelschulunterricht und hebräischen Unterricht erteilt; eine sehr tüchtige Klavierlehrerin wohnt im Ort. Während die Pfleglinge, die einen länger ausgedehnten Erholungsaufenthalt im Heim nehmen, ein exaktes Schulpensum zu erledigen haben, lassen wir unseren Ferienkindern prinzipiell so viel Freiheit, als mit ihrer körperlichen Sicherheit und mit der, in einem Kinderheim unvermeidlichen Disziplin vereinbar ist. Kinder, die das ganze Jahr über sich dem Schulzwang fügen müssen, sollen während der kurzen Ferienwochen sich nach Herzenslust austollen. Nur wenn man den Kindern eine gewisse Freiheit läßt, tritt ihre Erfindungsgabe richtig in Erscheinung; sie brauchen dann keine komplizierten Spielsachen, um vergnügt zu sein. Von Natur aus ist jedes Kind einfach; in einem verwöhnten Milieu wird es erst durch verkehrte Erziehung blasiert und anspruchsvoll. Selbst wenn dem Landheim alle Reichtümer zur Verfügung stünden, die ihm leider völlig mangeln, würde der Verfasser niemals für irgendwelchen Luxus plaidieren, weil er gerade in der Einfachheit einen wichtigen Erziehungsfaktor erblickt. Überraschend schnelle Erfolge erzielten wir bei Kindern, die, wie z. B. die verschiedenen Gruppen von Oberschlesiern, oder wie die Kinder aus dem Ruhrgebiet, mit starker Unterernährung zu uns kamen. Diese Kinder blühten förmlich auf bei der guten und reichlichen Kost, die wir ihnen bieten konnten. Aber auch Kinder, die zu Hause an wohlbesetzten Tischen gesessen waren und die, wie die Eltern versicherten, sich dort jeden Bissen hatten aufnötigen lassen, griffen nach kürzester Zeit ohne alles Zureden bei uns so tüchtig zu, daß Aussehen und Gewicht in der erfreulichsten Weise sich besserten. In diesen Fällen spielten natürlich neben den günstig veränderten äußeren Bedingungen, wie sie die reichliche Bewegung in guter, reiner Luft, die häufigen Duschen und Abreibungen, das tägliche Turnen usw. darstellen, auch erzieherische Momente eine große Rolle: Im Landheim wird es (wenigstens scheinbar!) gar nicht beachtet, wenn ein Kind schlecht ißt. Niemand bittet und redet zu. Niemand seiht die Milch durch, weil man doch die Haut nicht mag, oder bäckt rasch einen Pfannenkuchen, wenn man die gelben Rüben nicht essen kann, und trotzdem haben die Kameraden so unglaublich schnell ihre Milchtassen und ihre Gemüseteller leer — warum soll mans da nicht auch probieren und einmal herzhaft zugreifen? Nicht nur bei Tisch, sondern auch sonst wird nach der Ansicht des Verfassers in den Familien häufig zu viel erzogen, jedes „zuviel“ aber stumpft ab. Großen Wert legen wir auf sorgfältige Körperpflege; die heiße und kalte Dusche mit nachfolgender Abbürstung spielt im Landheim eine wichtige Rolle. Auf die pflegliche Behandlung der Wäsche und Kleider unserer Kinder kann jetzt mehr geachtet werden, seit wir von dem Prinzip abgegangen sind, an der Einstellung von Personal möglichst zu sparen, um den Verpflegsatz sehr niedrig halten zu können. Unsere nunmehr zweijährige Erfahrung in Wolfratshausen hat gezeigt, daß die Resultate bei manchen Kategorien von Kindern gerade im Winter hervorragend gut sind; schwächliche und neuropathische Kinder erholen sich zweifellos im Winter mit seiner reinen, kräftigen Schneeluft ungleich rascher als in den heißen Sommermonaten. Möge unsere Wintersaison unter einem günstigen Stern stehen und mögen die Erfolge bei unseren Pfleglingen der Anstalt neue Gönner gewinnen zu den bisherigen, denen wir zu herzlichem Dank verpflichtet sind! Aus der liidlschen Well Das palästinische Bürgerrechtsgesetz. Wie der „Doar Hajom“ mitteilt, soll die Frage des palästinensischen Bürgerrechts noch vor Ende 1923 in gesetzlicher Form ihre Regelung finden. Große Spende für Palästina. Auf Ansuchen des Zionistischen Zentralkomitees für die tschecho-slowakische Republik hat der Generaldirektor der Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengewerkschaft, Herr Dr. techn. h. c. Ad. Sonnenschein, dem Technikum in Haifa, eine erschöpfende Kollektion vorzüglichen Demonstrationsmaterials aus der Eisenindustrie (Hochofen, Eisengießerei, Maschinenfabrik, Walzwerk, Rohrwerk) sowie eine Anzahl Maschinen verschafft. Der Abtransport dieser munifizenten Stiftung nach Haifa wird in kürzester Zeit erfolgen. Wie bereits berichtet wurde, hat ein anonymer Spender in England für die Jerusalemer Universität 20 000 Pfund zur Verfügung gestellt. In einem Telegramm an den amerikanischen Keren Hajessod bestätigt Dr. Weizmann die Richtigkeit dieser Meldung. — Die Organisierung der verschiedenen Fakultäten der Universität schreitet vorwärts. Das landwirtschaftliche, das mikrobiologische und das chemische Institut haben ihre Tätigkeit bereits zum Teile aufgenommen, respektive werden sie binnen kurzem damit beginnen, ebenso die Abteilung für Judaistik. Dieser Tage wurde auch in New-York ein Komitee zur För-