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Das jüdische Echo · 1923-12-14 · 49 (14.12.1923) · p. Seite 508

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
49 (14.12.1923)
Date
1923-12-14
Page
Seite 508 (sequence 8)
Language
German
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508 Das Jüdische Echo Nr. 49 Es ist ein Trost für uns, daß von höherer Warte aus, von berufenen Dienern des Geistes, Worte der Liebe, des Friedens und der Versöhnung gesprochen worden sind; Worte, die ein nachhallendes Echo finden müßten, wenn nicht die Leidenschaften und Nöte der Zeit wie dichtes Unkraut alle Vernunft überwuchert hätten. Wir wissen — und das ist ein wenn auch schwacher Trost —, daß des Vaterlandes schwere Not auch dieses Übels Ursache ist. Mit Verständnis und mit Trauer ob der doppelten Last, die auf uns liegt, sehen wir, wie viel von alledem, was uns bedrückt, auch auf unserem Vaterlande wuchtet. Die Last zu erleichtern helfe uns das Prophetenwort: „Nicht durch Macht, sondern durch Gottes Geist“. IO Jahre Blau-*Weiß in München Der Münchener Blau-Weiß-Bund blickt in diesen Tagen auf sein zehnjähriges Bestehen zurück. Im November 1913 wurde er von einigen Studenten der damaligen Korporationen V.J.St. und Jordania in Verbindung mit einigen von Verständnis und Begeisterung für die Bedürfnisse der Jugend Er-, füllten ins Leben gerufen. Bald darauf entstand aus den in loser Verbindung stehenden Einzel- Bünden die feste Organisation. Ein lebhaftes Aufblühen des Bundes an vielen Orten Deutschlands, Österreichs und Böhmens setzte ein. Es wurde begünstigt durch. die damals deutlich gewordene antisemitisch gerichtete Orientierung im Wandervogel. Ein Hauptziel der Gründer war, die jüdische Jugend wieder zur Natur zurückzuführen, von der sie so lange entfremdet gewesen war. Das Anwachsen des Bundes entsprang in hohem Maße diesen Notwendigkeiten. Ein Beweis für die Lebensfähigkeit und Lebenskraft des jungen Bundes war, daß auch der kurz nach der Gründung einsetzende Krieg in keiner Weise die Arbeit zerstören konnte. Wohl standen bald alle Führer unter den Waffen, ein kleinerer Teil konnte in der Garnison sich beschränkte Zeit dem Blau-Weiß widmen. Für uns in München war es ein besonderes Glück, daß ein Schweizer und ein Amerikaner die Führung ergriffen. In diesen ersten Kriegsjahren wurde die für die ganze Zukunft bedeutungsvollste Arbeit geleistet: Die Umwandlung des Zweckverbandes zur Jugendbewegung. Wohl hatten die Gründer in hohem Maße die national-jüdische Einstellung der Erziehung erstrebt, die Verwirklichung geschah erst, als die Jugend, sich selbst überlassen, ihr Leben nach ihren eigenen Bedürfnissen zu gestalten suchte. Auf dem ersten Bundestag im Juni 1916 in Lockwitz drang mit ganz elementarer Wucht die zionistisch-nationale Erkenntnis durch. Die Geschichte der Folgezeit darzustellen, würde zu weit führen. Immer enger wurde die Verbindung des Bundes mit der nationalen Erneuerung unseres Volkes. Schon früh erkannte man die Schäden der unheilvollen Berufsschichtung des heutigen Judentums. Im Hinblick auf die Notwendigkeiten des Aufbaues Palästinas setzte die Berufsumschichtung im Blau-Weiß mit großer Energie ein. Neigte sie anfangs mehr zur Landwirtschaft, so wurde später immer stärker das Handwerk einbegriffen. Direkt und indirekt durch die Arbeit des Blau-Weiß entstanden eine Reihe Lehrgüter in Deutschland, die dauernd eine große Zahl Chaluzim nach Palästina senden. Heute steht der Blau-Weiß im Mittelpunkt der Hechaluzorganisation in Deutschland. Die heutige Gestaltung des Blau-Weiß erhielt ihre feste und straffe Form auf dem Bundestag in Prunn 1922. Die Periode eines Mißverstehens dieses Ereignisses in der Öffentlichkeit ist jetzt vorüber. Der Blau-Weiß fühlt heute als Glied der zionistischen Bewegung die Verpflichtung, nach langer und intensiver Vorbereitungsarbeit die Gestaltung seines Lebens in Palästina selbst in die Hand zu nehmen. Im letzten Jahre entstand der Plan der „Blau-Weiß-Werkstätten“ in Palästina, deren finanzielle und organisatorische Vorbereitung großen Teils vollendet ist. Ebenso geschah die Vorbereitung einiger landwirtschaftlicher Kwuzoth, die alle zusammen den Grundstock der Blau-Weiß- Kolonie bilden sollen. Äußerlich kam die straffe Organisation des Bundes auf dem diesjährigen Bundestage zum Ausdruck. Es lebten an tausend Jungens 5 Tage lang in Zelten und selbstgebauten Hütten. Das heutige Leben des Blau-Weiß gliedert sich in Fahrten, Heimabende, Turn- und Singabende, Arbeitsnachmittage usw. Auf den Fahrten, welche die Jungens und Mädchen alle Sonntage in Gemeinschaft mit Gefährten und unter Leitung von Führern, die ihre Kameraden und Freunde sind, machen, kommen aufs stärkste die Gemeinschaftsgefühle der jungen Menschen zum Ausdruck. Liebe zur Natur, Selbständigkeit, Hilfsbereitschaft, ein offener Blick für alle Seiten des Lebens und der Kultur werden geweckt. Den Höhepunkt bilden die großen Fahrten, die uns schon durch alle Teile Deutschlands bis ans Meer geführt haben und die in freiem, selbstgestalteten Leben die Schönheiten der Welt genießen lassen. Die Heimabende, die sich bald in freien Aussprachen, bald in mehr oder weniger systematischer Durcharbeitung eines bestimmten Gebietes bewegen, sorgen für eine geistige Fundierung aller das Leben des Volkes oder des Einzelnen betreffenden Fragen. An den Handwerksnachmittagen soll Freude und Liebe zur handwerklichen Tätigkeit geweckt werden. Das Singen wird fleißig auf Fahrt und in besonderen Veranstaltungen gepflegt. Ein großer Teil der wichtigsten zionistischen Aufgabe, Menschen in Palästina anzusiedeln, ist für das deutsche Judentum vom Blau-Weiß geleistet worden. Der Blau-Weiß hat als erster jüdischer Bund die jüdische Jugend davon befreit, dem Materialismus unserer Tage zu verfallen, er hat den Bann gebrochen, der die jüdische Jugend von einer eigenen Gestaltung ihres Geschickes abhielt. So ist er indirekt ein Wegbereiter geworden für alle anderen jüdischen Jugendorganisationen. Heute bestehen in Deutschland und Deutschösterreich an etwa 50 Orten Blau-Weißbünde. Um den Juden Münchens ein Bild zu geben von unserem Wollen und Wirken, laden wir alle Juden Münchens, insbesondere die Eltern der Blau- Weißen und unsere engeren Gesinnungsgenossen herzlich zu der Feier am Donnerstag, den 20. ds. Mts. im Saale der Concordia ein. (Wir verweisen auf die Anzeige in der heutigen Nummer des Echo.) Das jüdische Landheim in Wolfratsliausen Von Dr. Karl Oppenheimer „Eine Insel des Friedens soll dieses Haus für unsere Kinder werden inmitten des Meeres von Haß, das um uns brandet“, schrieb das Kuratorium des jüdischen Landheims in Wolfratshausen, als es im Jahre 1921 die Eröffnung der Anstalt bekanntgab. Das Meer von Haß ist inzwischen noch höher gestiegen, unsere friedliche Insel aber hat es unberührt gelassen. In Harmlosigkeit und ungetrübter Fröhlichkeit konnten zahlreiche Kinder aus allen Teilen Deutschlands ihre Ferien in Wolfratshausen genießen oder unterm Jahr dort Erholung und Kräftigung finden. Das Haus bietet Raum für 60 Kinder. Diese

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