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Das jüdische Echo · 1923-12-14 · 49 (14.12.1923) · p. Seite 506

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
49 (14.12.1923)
Date
1923-12-14
Page
Seite 506 (sequence 6)
Language
German
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506 Das Jüdische Echo Nr. 49 In Beantwortung dieser Ausfälle schreibt das Zentrumsorgan „Germania“, das deutschnationale Organ wisse seinen Ärger über die Blamage der Deutschnationalen, denen die Zerschlagung der preußischen Koalition mißlungen sei, nicht anders zu bemänteln, als indem es den antisemitischen Lappen schwenkt. Was die freundlichen Beziehungen Marxens zum Judentum anlange, so bestehen sie darin, daß dieser sich immer gegen den verhetzenden Antisemitismus gewandt hat und gelegentlich den Leuten auf die Finger klopfte, die mit jenem politische Geschäfte treiben wollen. Das Blatt fährt fort: „Die Ablehnung des Antisemitismus durch das Zentrum entspricht dem Charakter unserer Partei, deren christliche Grundtendenz keinen Rassen- oder Religionshaß kennt. Wenn daraus eine nichtsnutzige Agitation in durchsichtiger Absicht „freundliche Beziehungen zum Judentum“ macht, so kann uns das weder von unserer Haltung abbringen noch davon abhalten, die Urheber solcher Agitationsmethoden so zu brandmarken, wie sie es verdienen.“ — Es wäre sehr zu wünschen, daß auch die Bayer. Volkspartei, die, von den partikularistischen Tendenzen abgesehen, doch viel Gemeinsames mit dem Reichszentrum hat, nach den bitteren Lehren, die ihr die wolhwollende Duldung der Judenhetze in Bayern eingetragen hat, ebenfalls zu diesen Grundsätzen zurückkehrt. Wie die Münchener Hitler-Narren hetzen Unter diesem Titel berichtet die Wiener Morgenztg. aus München: Die bayerischen Hakenkreuzler, deren Presse noch immer gewissen Beschränkungen unterliegt, benützen die Form des Flugblattes, um ihrem seit dem Mißlingen ihres Bierkeller-Putsches gepreßten Herzen Luft zu machen. Die Situation in Bayern liegt bekanntlich so, daß sich gegen Herrn v. Kahr nicht nur auf linker Seite ein erhöhtes Mißtrauen geltend macht, sondern auch die Hitler-Leute mit ihm überaus unzufrieden sind. So haben sich denn diese letzten ans Enthüllen gemacht und beschuldigen den Kronprinzen Rupprecht, General Lossow und Kardinal Faulhaber, daß diese mit Hilfe Frankreichs einen unabhängigen katholischen Staat gründen wollen, der Bayern, Württemberg, Baden und Österreich umfassen soll. Aber selbstverständlich wäre der Zweck dieser Enthüllung nur halb erfüllt, wenn nicht die Juden mit in die Affäre hineingezogen würden. So versuchten es die bayerischen Gesellen, die genannten Personen dadurch verdächtig zu machen, daß sie deren Beziehungen zu Juden aufdecken. Sie erzählen, Kronprinz Rupprecht habe die Möbellieferungen für sein Haus einer christlichen Firma entzogen und sie einem Juden Bernheimer übertragen, Prinz Leopold überlasse sein Palais einem jüdischen Bankhaus Rheinstrom und habe diesem die Verwaltung seines Vermögens angeboten, General Lossow habe beim Juden Aufhäuser ein Bankkonto eröffnet, der Bauernführer Abg. Dr. Heim stehe in intimer Verbindung mit einem reichen Juden Rosenblatt und Prinzessin Gisela sowie Kardinal Faulhaber verwenden sich gar, wie das Flugblatt wissen will, für die ausgewiesenen Ostjuden, Herrn v. Kahr könne offenbar solche diffamierende Beziehungen zu Juden nicht nachgewiesen werden; von ihm wird bloß behauptet, es sei ihm zugesagt worden, daß er für seine Mithilfe bei der Zerreißung des Reiches in den Grafenstand erhoben werden soll. Die Methode selbst ist nicht mehr originell, aber jedenfalls lehrreich. Es genügt, die Wahrheit der Behauptung vorausgesetzt, daß ein Jude dem Prinzen die Möbel liefert, oder der General mit seinen Bankgeschäften einen Juden betraut, um irgendeinen Zusammenhang zwischen den auf die Zerreißung Deutschlands gerichteten Bestrebungen und dem Judentum festzustellen. So sieht das Wesen aus, an dem die Welt genesen soll und das wie eine Eiterbeule an dem kranken deutschen Volkskörper wuchert. Das Ergebnis der englischen Wahlen Das Ergebnis der Wahlen zum englischen Parlament ist seit langer Zeit der erste Lichtblick in der europäischen Entwicklung, der erste größere Schritt zur Pazifizierung Europas. Nicht nur das Schutzzollprogramm der Konservativen, das neue Scheidewände zwischen den Völkern Europas aufzurichten drohte, ist vom englischen Volk auf das bestimmteste abgelehnt worden, auch die stete Duldung der fortschreitenden Zerstörung Europas durch die Franzosen wurde von den englischen Wählern unzweideutig mißbilligt. Vom jüdischen Gesichtspunkt aus ist neben dem Friedenswillen des englischen Volkes besonders die wesentliche Stärkung des zionistischen Palästinaprogramms durch das Wahlergebnis zu begrüßen. Die meisten Freunde der englisch-zionistischen Mandatspolitik in Palästina sind wieder gewählt und die siegenden Parteien, vor allem die Arbeiterpartei, sind stets entschiedene Freunde der zionistischen Bestrebungen und Anhänger der zionistischen Palästinapolitik Englands gewesen. Das Wahlergebnis wird manche Unklarheiten in der Palästinapolitik beseitigen und die jüdische Arbeit in und für Palästina außerordentlich stärken. Von der liberalen Partei sind außer Sir Alfred Mond, der von Mr. W. Samuel (Labour Party), seinem jüdischen Gegenkandidaten, mit einer Mehrheit von 115 Stimmen geschlagen wurde, auch Winston Churchill durchgefallen. Churchill hat als Kolonialminister eine ausgesprochen prozionistische Haltung eingenommen. Von Antizionisten ist das Mitglied der bisherigen englischen Regierung, Sir Johnson Hicks (Diehard), wiedergewählt worden, dagegen nicht Captain Foxcroft (Diehard), der unlängst in Palästina war, ohne daß sich durch diese Reise seine scharf antizionistische Haltung geändert hat. Von der Labour Party ist ferner wiedergewählt Oberst Wedgewood, der wiederholt prozionistisch hervorgetreten ist. Mr. Balfour, der in Hampstead gegen einen Liberalen siegte, ist nicht mit Lord Balfour, der Mitglied des Oberhauses ist, identisch. Von jüdischen Kandidaten sind noch folgende gewählt: Mr. Percy A. Harris (liberal), Mr. L. B. Franklin, der Schwager Sir Herbert Samuels (liberal), Sir Walter de Frece (konservative Partei), Dr. L. Haden Guest (Labour Party), Major L. Höre Bolisha (liberal). . Macht und Geist Aus einer Chanukkah-Predigt 5684—1923 *) „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige der Heerscharen.“ Dieses Wort des Propheten Secharjah (Kap. 4) ist nicht die älteste, aber die stärkste Predigt gegen den Materialismus. Seit den Tagen Abrahams und Mosis war Israels Geist ein Bollwerk gegen die Vergötterung von Kraft und Stoff. Wenn es auch an anderer Stelle der Erde Anschauungen gegeben hat, die materialisti- *) Herr Rabbiner Dr. Baerwald hat uns auf unsere Bitte folgende Abschnitte aus seiner diesjährigen Chanukkahpredigt zum Abdruck zur Verfügung gestellt.

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