Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 49 (14.12.1923)
- Date
- 1923-12-14
- Page
- Seite 505 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Das Jüdische Echo 505 schließen wollte, von diesen Verfolgungen unverzüglich abzusehen, die in gegenwärtiger Zeit unerhört sind; besonders, da einflußreiche amerikanische Kreise sich der deutschen Not erbarmen und die Speisung von mehreren Millionen deutscher Kinder durch die Quäker in die Hand nehmen wollen, kann die Nachricht nicht anders als in hohem Grade schädlich wirken.“ Die Anglo-Jewish Association und die Lage in Deutschland London. (JTA.) Unter dem Vorsitz von Hrn. O. d’Avigdor Goldsmid fand in London am 2. Dez. eine Sitzung der Anglo-Jewish Association statt. Die Wahl des Präsidenten, Herrn d’Avigdor Goldsmid zum Mitglied des Zentral-Komitees der Alliance Israelite wurde bestätigt. Lord Rothschild wurde sodann zum Vize-Präsidenten der Anglo- Association gewählt. Mr. Luden Wolff berichtete, die antijüdischen Verfolgungen in Deutschland hätten in der letzten Zeit nachgelassen. In Berlin sei es ruhig und einige der aus Bayern ausgewiesenen Familien seien dorthin zurückgekehrt. Es bestehe auch Aussicht auf Schadenersatz für die Betroffenen. Die Ausschreitungen seien nicht ausschließlich antisemitischer Natur gewesen; in erster Reihe waren allgemein politische und wirtschaftliche Ursachen im Spiele. In Norddeutschland hat die Regierung die Ordnung aufrechterhalten können. In Bayern sind fremde Regierungen mit Erfolg gegen die Ausweisungen der Juden eingeschritten, da der Antisemitismus dort einen Grad erreicht hatte, wie nicht in Jahrzehnten zuvor. Äntlsemitismus Wir erwarten nicht, daß man die emsig aufgezogene antisemitische Hetze jetzt, wo die wirtschaftliche Not breiter deutscher Schichten ihr zu Hilfe kommt — wobei wir unerörtert lassen wollen, wie weit diese Not von denselben „Staatserhaltenden“ mitverursacht wurde, die auch die Jagd auf den Juden starteten und reiten —, wir erwarten nicht, daß man sie jetzt aufgibt, wo sich bei der Berührung mit der rauhen Wirklichkeit der Jude doch nicht ganz so vereinsamt herausstellt, wie man insgeheim überzeugt war, daß er sei — wenn man auch immer den alten Trick anwandte, von der Übermacht des Judentums zu schwätzen, gegen das die bekannte Abwehr der bedrohten, unschuldigen, arisch-christlichen Weltmajorität nun endlich einsetzen müsse. Wohlgemerkt: es liegt uns nichts daran, die niederträchtige Repressalien- und Geiselpolitik kriegführender Mächte, die sich von der Antike her bis zum heutigen Tage bewundernswert frisch erhalten hat, nun einmal zugunsten von Juden angewendet zu sehen; sie wird dadurch nicht schöner. Der Zustand der Erde wird nicht wohnlicher, wenn nun deutsche, in Polen wohnende Familien unglücklich und ihrer Existenz beraubt werden, weil vorher jüdische, in Bayern wohnende Familien aus der ihren herausgeworfen und unglücklich gemacht worden sind, oder wenn deutsche Hungernde weiter hungern und erkranken müssen — falls der Cellersche Plan, die Diskussion einer deutschen Anleihe in Amerika zu sistieren, bis Bayern seinem. Antisemitismus etlichen Zwang antäte, sich durchsetzt — damit die Deutschvölkischen ihre idealen Ziele besser im Busen zu wahren lernen. Man wirkt auf Völker nicht mehr ein, indem man einzelne ihrer Glieder-Individuen drangsaliert; dazu sind Nationen heute zu groß und zu locker im Gefüge geworden; die verbindende Kraft in ihnen ist allzu verdünnt, als daß sich Repressalien, ganz abgesehen von ihrer ethischen Minderwertigkeit und Scheußlichkeit, noch wirksam zeigten, um einen Unrechttäter zu hemmen. Man lerne aber wenigstens, daß man nicht unbeachtet von der Welt Judenfamilien aus ihrer in dreißig Jahren aufgebauten Existenz hinauswerfen kann, ohne daß man damit Gegenkräfte entfesselt, und daß man vergeblich versucht, unter der Spitzmarke allgemeiner Nahrungsmittelunruhen speziell antisemitisch geleitete Tumulte und Plünderungen zu verhüllen. Darum, weil auf so plumpe Technik ja doch niemand mehr hineinfällt, gebe man sie endlich auf. Man sei so dreist, wie man ist. Man versuche nicht, die verfolgte Stuart zu spielen, wenn man die verfolgende Elisabeth ist. Man habe den Mut seiner Taten. Man erkläre nicht vor aller Welt, daß in Bayern keine Ausweisungen von Juden mehr Vorkommen sollen, wenn man daran geht, den Ort dieser Ausweisung von München nach Nürnberg zu verlegen. Aus dieser Stadt wird die Ausweisung von zehn jüdischen Familien gemeldet; dieser Akt völkischer Politik wird durch die Dementis und Mitteilungen, die W.T.B. gleichzeitig verbreiten muß, der Welt nur um so fühlbarer. Und aus Neusalz in Niederschlesien erfahren wir mit allen Einzelheiten, wie aus einer allgemeinen, gegen die Teuerung, besonders des Fleisches, gerichteten Protestversammlung eine ausgesprochene Judenplünderung wurde. Die Unglücklichen begannen die Plünderung freilich bei einigen christlichen Fleischern. Dann aber zog man von einem jüdischen Geschäfte zum anderen, indem man die nichtjüdischen Läden unbeachtet ließ, und zerschlug bei Juden, die man seit Jahrzehnten als reelle Kaufleute kannte, Schaufenster, erbrach Rolläden und plünderte Geschäfte, besonders Schuhgeschäfte, bis auf den letzten Nagel überall dort, wo die bedrohten Inhaber der Masse nicht freiwillig Warenmengen auf die Straße warfen. Weder Mißhandlungen noch das Eindringen in Privatwohnungen fehlten, so daß das Bild eines freilich durch „schlesische Gemütlichkeit“ gelinderten Pogroms vollständig ist. Wie bei all solchen Aktionen des „Volkes“ fehlten auch humoristische Züge nicht, die freilich nur der Zuschauer gewahr wird. So etwa warfen die Plünderer an einer Stelle der Inhaberin Filzschuhe, für die man offenbar keine Verwendung hatte, wieder ins Geschäft zurück, verlangte durch Zuruf bestimmte Qualitäten, bestimmte Größen, probierte Socken und Schuhwerk an und ließ sich dann durch gutes Zureden der Führer an eine neue „Arbeitsstätte“ bringen. Schließlich griff Schupo ein, zerstreute die Menge, die man vorher leicht durch gelindere Mittel hätte überwältigen können, durch Handgranaten und verhaftete siebzig Personen. Ausdrücklich wird uns gegenüber betont, daß nur jüdische Geschäfte oder Geschäfte mit jüdisch klingenden Namen verheert worden sind. Es war keine Plünderung allgemeinen Charakters; möge man ihr nirgendwo einen solchen verleihen; wir schreiben sie vielmehr ohne Abstrich auf das Konto jener von rechts her unablässig betriebenen Propaganda und wünschen nur, daß man sich dort, wo man säte, auch öffentlich der Früchte freue. A.Z. Zentrum und Judenhetze Das deutschnationale Hetzorgan „Deutsche Tageszeitung“ hat nach gewohnter Art während der Verhandlungen über die Neubildung des Kabinetts gegen den nunmehrigen Reichskanzler Dr. Marx schwere persönliche Angriffe gerichtet und es selbstverständlich nicht unterlassen, Marx als einen jener Zentrumsführer zu bezeichnen, die „besonderen Wert auf freundliche Beziehungen zum Judentum legen“.