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Das jüdische Echo · 1923-10-05 · 40 (5.10.1923) · p. Seite 470

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
40 (5.10.1923)
Date
1923-10-05
Page
Seite 470 (sequence 4)
Language
German
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470 Das Jüdische Echo Nr. 40 Polen und fordert Achtung der Minderheitsrechte, für deren Schutz übrigens die Juden in Polen besonders kräftig eintreten. Da darf man in Deutschland nicht in einem anderen Geiste handeln, als den man mit Recht von den Gegnern fordert. Aus einem historischen Gefühl heraus, in dem die Geschichte langer Zeiträume lebendig ist, sind wir gewiß, daß der Tiefstand Europas, den wir gegenwärtig durchleben, die Zeit des Unrechts und der Gewalt nicht allzu lange dauern kann, sind wir überzeugt, daß die rechtswidrige Gewalt Frankreichs, die Europas Kultur zerstört, sich gegen ihre Urheber wenden wird. Aus demselben Gefühl heraus warnen wir die Machthaber im heutigen Deutschland, das deutsche Recht durch Unrecht und Gewalt an seinen Bürgern zu beflecken. Wir Juden erwarten von Herrn v. Kahr nicht Liebe, zu der man bekannterweise nicht zwingen kann, und die bei ihm zu vermuten wir keine Veranlassung haben. Wir verlangen unser Recht als Bürger dieses Staates und wir verlangen, daß die Entgiftung der öffentlichen Meinung, die Herr v. Kahr herbeiführen will, vor allem an das verbrecherische Treiben der Judenhetzer herangeht. Ernst Precht. Kleines „Münchner Ällerlei“ Brand. In der Nacht zum Freitag, den 28. Sept., etwa um 3 Uhr brannte in einem Hofraum in der Wagmüllerstraße eine zur Feier des jüdischen Laubhüttenfestes von einer Familie errichtete Hütte nieder. Die Hütte war etwa 4 Meter lang, 3 Meter breit und 3 Meter hoch und mit Tisch, Stühlen, Teppichen usw. wohnlich eingerichtet. Das Feuer ergriff auch die Fensterstöcke des Wohnhauses; die Fenster gingen bis zum zweiten Stock in Scherben, der Rauch drang in dichten Schwaden in die Wohnungen. Die zu Hilfe gerufene Feuerwehr beseitigte die Gefahr. Vielfach wird angenommen, daß es sich um einen antisemitischen Angriff handelt, doch konnte die Entstehungsursache bisher nicht einwandfrei festgestellt werden. Kurzschluß als Brandursache scheint ausgeschlossen, da eine Zeugin, nachdem die Hütte schon in Flammen stand, das elektrische Licht — die Leitung zur Hütte ist von der Wohnung aus gelegt — aufdrehte und dieses ordnungsgemäß funktionierte. Eine Schandtat. In der Nacht zum Freitag, den 28. Sept., wurden mehrere Fenster der Synagoge an der Herzog Rudolfstraße durch Steinwürfe zertrümmert. Die Steine wurden im Gotteshaus aufgefunden. Die Täter, die ihre Gesinnung in so roher Weise an einer Kultusstätte zum Ausdruck gebracht haben, konnten nicht ermittelt werden. Eine Schandtat. Zu der Notiz in Nr. 264 der ,,M. N. N.“ wird weiter mitgeteilt, daß am gleichen Tage die in einem israelitischen Betsaal an der Reichenbachstraße versammelten alten Männer von mehreren jungen Leuten in grober Weise insultiert wurden. Die Juden in der österreichischen Wahlbewegung In Österreich werden in einigen Wochen die allgemeinen Wahlen zum Parlament und die Gemeinderatswahlen stattfinden. Die Wahlbewegung wird natürlich von den antisemitischen Parteien, zu denen man dort, nicht nur wie bei uns, fast alle bürgerlichen Parteien, sondern zum größten Teil sogar, wenn vielleicht auch nur aus „wahltaktischen „Gründen“, die Sozialdemokraten rechnen muß, antisemitisch betrieben. Die ■ Wahlagitation geht größtenteils auf Kosten der Juden und wenn man von der Auseinandersetzung zwischen der christlich-sozialen-großdeutschen Gemeinschaft mit den Sozialdemokraten absieht, bei der die Christlich-Sozialen den großen Erfolg des Genfer Sanierungswerkes für sich in Anspuch nehmen, ist der 1. Hauptinhalt der Wahlagitation antisemitische Hetze. Dabei wird im Inland wohlweislich von den Christlich-Sozialen verschwiegen, welch großen Anteil jüdische Kräfte am Sanierungswerk haben, während man im Ausland (vgl. Seipels Interview in Warschau auf Seite 461 unserer vorigen Nummer) nicht umhin kann, diese Dienste zuzugeben. Unter dem Druck dieser Verhältnisse haben sich in Wien sämtliche jüdischen Parteien zu einer „Wahlgemeinschaft“ zusammengeschlossen und treten als solche selbständig in den Wahlkampf. Nach den großen Erfolgen dieser politischen Konzentration der jüdischen Parteien bei den Wahlen in Polen und jüngst bei den Gemeinderatswahlen in der Tschechoslowakei ist zu erwarten, daß die für die Juden Wiens sehr verheißungsvoll begonnene Wahlbewegung einen starken Erfolg haben wird. Wir beobachten diese Wahlbewegung nicht nur aus dem selbstverständlichen allgemein jüdischen Interesse, sondern weil die aktive Bekämpfung der Judenhetze, die in ihr liegt, bei den äußerst ähnlichen Verhältnissen wie in München unsere besondere Aufmerksamkeit erfordert. Wir veröffentlichen nachstehend einen Bericht über eine jüdische Massenversammlung in Wien nach der Wiener Morgenzeitung und werden unseren Lesern weiter berichten: Am 30. September fand eine massenhaft besuchte jüdische Wählerversammlung in der Leopoldstadt statt, die von der jüdischen Wahlgemeinschaft einberufen war. Lange vor Beginn mußte der Saal polizeilich gesperrt werden und auf der Straße harrte die Menge vergebens auf Einlaß. Als erster Redner sprach der Präsident der Union österreichischer Juden, Herr Dr. 0 r n s t e i n , der das Zustandekommen der jüdischen Wahlgemeinschaft begrüßte und den Wahlaufruf erläuterte. Der erste Zweck der Vereinigung aller Juden bei den bevorstehenden Wahlen sei die Verteidigung des Judentums, die Zurückweisung jeder Lüge und Verleumdung und jedes Angriffes auf die staatsbürgerlichen Rechte der Judenheit. Ohne Entsendung bewußt jüdischer Vertreter in den Nationalrat sei die Wahrung der jüdischen Rechte gefährdet. Gemeinderat Dr. Plaschkes, der Listenführer der Gemeinderatsliste der jüdischen Wahlgemeinschaft für den zweiten Bezirk, erstattete den Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit der zionistischen Gemeinderäte der Leopoldstadt und führte u. a. aus: „Wir bekennen uns selbstverständlich als treue Bürger dieser Republik, aber wir haben unnachgiebig dafür einzutreten und es zu fordern, daß wir auch tatsächlich gleiche Rechte haben. Gröblich verletzt wurden unsere Rechte durch die Zulassung der Hakenkreuzlerplakate mit der Bedrohung der Judenschaft an Leib und Leben. Wenn Ursinn und Jerzabek im Parlament das Judentum beschimpften und seinen Rechten Abbruch taten, war kein Jude da, um ihnen zu begegnen. Durch unser Auftreten am 3. März in der denkwürdigen Versammlung vor dem Parlamente gegen die Hakenkreuzler haben wir der Wiener Judenschaft wieder ein Rückgrat gegeben. Wenn auch wenige von uns in die Vertretungskörper einziehen, sie werden genügen, um Schomrim, Wächter, zu sein. Nur wir können den Sozialdemokraten auf die Finger klopfen, wenn sie ihr Programm verleugnen, sobald es sich um Juden handelt. Unan-

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