Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 40 (5.10.1923)
- Date
- 1923-10-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 40 5. Oktober 1923 10. Jahrgang Vergiftung der öffentlichen Meinung Herr v. Kahr hat den mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten Posten des Generalstaatskommissars mit einer kurzen Kundgebung angetreten, die uns nach Redaktionsschluß unserer vorigen Nummer bekannt wurde und^zu der wir deshalb nur kurz Stellung nehmen konnten. Es ist zum ersten Male in der Geschichte des deutschen Reiches, daß ein verantwortlicher Staatsmann in einer amtlichen Kundgebung Unterschiede zwischen Bürgern verschiedener Art macht und wir erheben wiederholt und nachdrücklich schärfsten Einspruch gegen diesen, die Grundrechte der deutschen Verfassung verletzenden Versuch, uns Juden außerhalb des Staates zu stellen, uns zu Bürgern minderen Rechts zu machen. Wir sind ohne Macht und Gewalt und lediglich gestützt auf unser gutes Recht werden wir immer wieder erklären, daß nur das Recht Fundament des Staates sein kann, und zwar gleiches Recht für alle. Wenn die außerordentlichen Zeiten, die wir durchleben, außerordentliche Vollmachten für die Staatsleitung erfordern, so dürfen diese nicht dazu benützt werden, einen Teil der Bürger rechtlos zu machen. Daß wir Juden uns über diese selbstverständliche Rechtsgrundlage hinaus als tätig wirkende und wesentliche Glieder dieses Staates betrachten, haben wir bereits in unserer Kundgebung an der Spitze unserer vorigen Nummer betont. Am Montag Vormittag hielt Herr v. Kahr eine programmatische Ansprache an die Vertreter der bayerischen Presse, in der u. a. auch die Absicht bekundet wurde, „mit allen Mitteln dafür Sorge zu tragen, daß keine Vergiftung der öffentlichen Meinung mehr erfolgen könne“. Wir wissen nicht, ob Herr Dr. v. Kahr dabei auch die Juden im Auge hatte, die er in seiner ersten Kundgebung so unfreundlich bedachte. Jedenfalls: wir wünschen nichts sehnlicher, als daß die systematische Vergiftung der öffentlichen Meinung aufhört. Mehr als alle anderen Erscheinungen und Konflikte im politischen Leben Deutschlands zusammengenommen, hat die skrupellose systematische Judenhetze, die ihren Hauptsitz in München hat, die öffentliche Meinung vergiftet. Große Teile der Kreise „deutschen Stammes“, auf die sich der Generalstaatskommissar stützen will, haben ihre politischen Geschäfte mit dieser bedenkenlosen, ausschließlich auf Lüge und Verleumdung basierten Judenhetze gemacht und das erhebliche Gewicht, das diese Kreise sich in den letzten Jahren geschaffen haben, wäre undenkbar ohne diese Judenhetze und die Lügen, die von der urteilslosen Masse am ehesten dann geglaubt werden, wenn sie gegen die eigentlichen Ursachen ihres Leidens — hier die brutale Gewalt Frankreichs — sich nicht wenden kann. Kein Schwindel ist zu plump und zu töricht, um nicht dieser Hetze zu dienen, gleichgültig, ob es sich um das törichte Machwerk „Die Weisen von Zion“ oder irgend welchen sonstigen Schwindel handelt. Nach diesen Hetzern haben die Juden den Krieg gemacht, und den Verlust des Krieges herbeigeführt, sind die Juden die Ausbeuter des Volkes und die Führer der revolutionären Masse. Es kommt den Hetzern gar nicht darauf an, in einem Atemzuge die einander widersprechendsten Dinge von den Juden zu behaupten. In und bei München wird diese Hetze in Organen erzeugt, die ein anständiger Mensch nur mit den Fingerspitzen berührt und die eine solch unflätige Sprache führen, wie man sie vor wenigen Jahren im gedruckten Wort überhaupt nicht kannte: vor allem der „Völkische Beobachter“ und der „Miesbacher Anzeiger“. Aber auch andere Organe folgen „dem Zug der Zeit“ und sekundieren diesem Mißbrauch der Gutenbergschen Kunst. Umso schlimmer, wenn sie sich dabei, wie es bei einem Teil derselben der Fall ist, den Anschein der Objektivität geben. Wir sind sicher, daß dieser ganze Chorus der Presse sich von dieser lieblichen Tätigkeit abwenden wird, sobald sie aufhört, die Konjunktur des Tages zu sein und vor allem, wenn einmal die Hauptquellen verstopft sein werden. Diesen Vergiftungserscheinungen der öffentlichen Meinung soll der Generalstaatskommissar sein Augenmerk widmen, sie treten zu stark in Erscheinung, als daß sie von ihm übersehen werden könnten. Vorläufig fürchten wir allerdings, mit dieser Forderung wenig Erfolg zu haben. Nimmt doch Herr v. Kahr den von der Reichsregierung verbotenen „Völkischen Beobachter“ gegen dieselbe liebevoll in Schutz. Immerhin möge der Staatskommissar bedenken, daß die von ihm geschützte Hetze die Ruhe und Ordnung, deren Sicherung ihm vor allem obliegt, bedenklich gefährdet. Wir brauchen nur auf verschiedene Vorkommnisse der letzten Tage (siehe „Münchner Allerlei“ in dieser Nummer) zu verweisen. Das, was hier Tag für Tag an Judenhetze getrieben wird, muß in der Konsequenz der Seelenvergiftungen zu Gewalttätigkeiten führen, so wie die Mordhetze gegen Rathenau zur Ermordung dieses Mannes führen mußte, an der dann natürlich nur unreife „unverantwortliche Burschen“ Schuld hatten. All die Lügen, der sich die Judenhetze bedient, stets aufs neue zu widerlegen, ist ebenso unmöglich, wie etwa Deutschland während des Krieges die Unzahl verleumderischer Lügen ausrotten konnte, mit denen die Meinung der Welt von den Feinden vergiftet wurde. Man denke nur an das Bild des Kindes mit den abgehauenen Händen und ähnliche Kriegsschauergeschichten, die damals ihren Weg durch die Welt machten. Überhaupt wird der aufmerksame Beobachter frappiert durch die Ähnlichkeit der Art und Wirkung der Hetze, die gegen die Deutschen getrieben wurde mit der Judenhetze. In einer Zeit, in der im wachsenden Maße die Welt Frankreichs Brutalität verurteilt, sollte man sich sehr hüten, das gute Recht Deutschlands seinerseits durch Gewalt und Hetze da zu beflecken, wo man Schwächere vor sich hat. Wer Unrecht leidet, macht seine Lage nicht besser, wenn er Unrecht tut. Wer Gewalttätigkeiten ablehnt, sollte nicht gegen Schwächere gewalttätig sein. Darüber besteht kein Zweifel, daß der Geist der Gewalt, der sich in der Judenhetze kundtut, um nichts besser ist, als die brutale Willkür der Franzosen in den besetzten Gebieten. Deutschland protestiert mit Recht gegen die Brutalitäten gegen die Deutschen in