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Das jüdische Echo · 1923-09-28 · 39 (28.9.1923) · p. Seite 463

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
39 (28.9.1923)
Date
1923-09-28
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 39 Das Jüdische Echo 463 gen hergaben, kommen aus den Herzen der Millionen, denen sie dienten und nützten. In der gesamten Geschichte der Philanthropie gibt es kein glanzvolleres Kapitel als dasjenige, welches von dem Werk der amerikanischen Juden während der letzten neun Jahre geschrieben werden könnte. Deutschland Die antisemitische Hetze in Oberschlesien Aus Berlin meldet J.C.B.: Nach Telegrammen aus Breslau wird die Lage der Juden in Oberschlesien infolge der antisemitischen Hetzpropaganda der Deutschvölkischen immer schwerer. Auch bayerische Einflüsse sind am Werke, denen besonders der Selbstschutz gehorcht. Diese vielfache antisemitische Propaganda wirkt sich bei jeder Gelegenheit, besonders bei Ruhestörungen, au^,- Während der letzten Teuerungskrawalle in Berthen waren zahlreiche Agitatoren am Werke, die erregte Bevölkerung auf die Juden zu hetzen. In anderen Orten Oberschlesiens ist die Lage nicht besser. In der letzten Zeit kamen wiederum Anschläge auf öffentliche jüdische Stätten vor. Auf dem jüdischen Friedhof in Langendorf bei Gleiwitz wurden die Grabsteine demoliert. Auf den Straßen der Städte häufen sich die Belästigungen jüdischer Passanten. Deutschösterreich Aufsehenerregendes Heraustreten Professor Chajes* gegen Aguda Wien. (J.C.B.) In seiner Rosch Haschanah- Predigt im Wiener Haupttempel richtete Oberrabbiner Dr. Chajes auffallend scharfe Angriffe gegen einigp Resolutionen der Kenessio Gedaulo. Die Rede hat sehr viel Aufsehen erregt und auch in den Kreisen der Bnei Brith, die mit manchen Resolutionen, sowie der Exklusivität der Kenessio Gedaulo unzufrieden sind, Anklang gefunden. In den Kreisen der Agudas Jisroel herrscht große Aufregung über die Predigt. Es verlautet, daß die Aguda deswegen ihre Zustimmung zum Wahlbündnis zugunsten der jüdischen Einheitsliste bei den kommenden Parlaments- und Gemeindewahlen zurückzuziehen entschlossen ist. Wie der J.C.B.- Vertreter erfährt, ist die Lage in der Tat sehr kritisch. Hingegen ist es zu einer formellen Kündigung des Wahlbündnisses seitens der Agudas Jisroel bisher nicht gekommen. Es wurden neue Verhandlungen aufgenommen, die darauf hinausgehen, die Aguda-Kreise zu beruhigen, damit der jüdische Wahlaufruf die Unterschrift aller jüdischen Parteien in Österreich tragen soll. Die Wahleinigung der österreichischen Judenheit vollzogen Wien. (J.C.B.) Das in den letzten Tagen gefährdet gewesene Wahlbündnis der österreichischen Judenschaft ist nunmehr vollzogen worden. Es steht nun fest, daß zu den künftigen Parlaments¬ und Gemeinderatswahlen in Wien und Österreich eine jüdische Einheitsliste erscheinen wird. Das Wahlbündnis umfaßt die folgenden Parteien und Gruppen: Zionistische Landespartei, Israelitische Kultusgemeinde, Orden Bnei Brith, Israelitische Union, Agudas Jisroel und die von Dr. Schwarz- Hiller geführte Demokratenpartei. Das Bündnis gilt vorläufig bloß als ein Pakt zu kommenden Wahlen. Listenführer sind überall Jüdischnationale. Frankreich Gegen die polnische Numerus clausus-Politik Das Pariser Zentralkomitee der französischen Liga für Menschenrechte hat die folgende Protestresolution gegen den Numerus clausus beschlossen: „Die französische Liga für Menschenrechte ist der Ansicht, daß der Numerus clausus, dessen Einführung die Studenten nichtpolnischer Rasse und jüdischer Relgion bedroht, einen Angriff auf das natürliche Recht auf Unterricht bedeutet, ohne das man sich eine Republik nicht vorstellen kann. Sie ist ferner der Ansicht, daß dieses Projekt doppelt ungesetzlich sei, da es sowohl den in der Verfassung Polens festgelegten Prinzipien als auch den im Vertrage vom 28. Juni 1919 enthaltenen Bestimmungen widerspricht. Da nach dem Wortlaut dieses Vertrages der Völkerbund berufen sei, jeden Angriff auf die Gleichheit der polnischen Staatsbürger ohne Rücksicht auf Rasse, Sprache oder Religion zu unterdrücken, wendet sich die französische Liga für Menschenrechte darum an die Regierung mit dem Ersuchen, die Frage des Numerus clausus vor den Völkerbund zu bringen und diesen zu veranlassen, alle geeigneten Maßnahmen zu ergreifen, damit eine derartig offenkundige Verletzung der Minderheitsrechte vermieden werde. Polen Anleihe oder Antisemitismus Aus Warschau wird berichtet, die jetzt zur Führung der Verhandlungen über die Begebung der polnischen Anleihe in Amerika dort weilenden Mitglieder der Morgangruppe hatten als eine der politischen Bedingungen der Anleihe die Forderung aufgestellt, daß die Regierung sich von der antisemitischen Politik abwende. Wie „Dnjer Poranny“ erfährt, soll die Regierung bereits dieser Bedingung zugestimmt haben. Wie stimmt es damit überein, daß Unterrichtsminister Glombinski, wie wir in der letzten Nummer meldeten, den Universitäten soeben die Einführung der Prozentnorm auch ohne Gesetz gestatten will? Tschecho-Slovakei Prag. Minister Bechyne hat während seiner Anwesenheit in Uzhorod (Karpathorußland) gegenüber den dortigen Journalisten sein Schulprogramm entwickelt und mit Bezug auf die jüdischen Schulen folgendes gesagt: „Die Bestrebungen der Zionisten, die aus Privatmitteln hebräische Schulen errichten, die ihre Grundlage in der hebräischen Kultur suchen, unterstützt der Staat wohlwollend und gewährt ihnen Subventionen in angemessener Höhe.“ — Unterrichtsminister Bechyne hat gelegentlich seiner Anwesenheit in Karpothorußland 50 000 Kr. für das dortige hebräische Schulwesen zur Verfügung gestellt. Weißrußland Eine jüdische Republik in Weißrußland? Aus Kowno wird gemeldet, der Zentralausschuß der Kommunistischen Partei in Moskau sei im Begriffe, einen Entwurf betreffend die Errichtung einer jüdischen Republik in Weißrußland zu erörtern. Diese Republik soll die Kreise von Witesbk, Minsk und Hornel umfassen, in denen die Juden mehr als die Hälfte der Einwohnerzahl ausmachen.

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