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Das jüdische Echo · 1923-09-28 · 39 (28.9.1923) · p. Seite 464

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
39 (28.9.1923)
Date
1923-09-28
Page
Seite 464 (sequence 8)
Language
German
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464 Das Jüdische Echo Nr. 39 ■ HI DH IIIHU! l«Hi!!«2!!I II 1(11(111 ll 11 Kolnidre bei den Karaiten In Wilna wohnen bekanntlich einige Dutzend karaitischer Familien (die größte Karaitensiedlung im litauischen Gebiet befindet sich in Trock). In Wilna haben die Karaiten auch eine „Kenessa“, wie sie ihre Synagoge nennen. P. Kahn gibt in einem Wilnaer Blatt eine Schilderung des Kolnidre- Gottesdienstes in der karaitischen Kenessa, die beachtenswerte Streiflichter auf die religiösen Bräuche dieser von den „Rabbanim“ so scharf geschiedenen jüdischen Gruppe wirft, welche heute eigentlich bereits dem Aussterben nahe ist. Er erzählt: Die Karaiten feiern den Jomkipur auch am 10. Tischri; dieser Tag fällt aber gewöhnlich nicht mit dem des übrigen jüdischen Kalenders zusammen. Dies hat seinen Grund darin, daß im Karaiten- Kalender nicht das Prinzip des Talmuds angenommen ist, nach welchem der erste Tag des Rosch- Haschana nie auf einen Mittwoch, Freitag oder Sonntag fallen darf. Infolgedessen fallen dann auch die anderen Festtage nicht mit den rabbanitischen zusammen. In diesem Jahre feierten üie Karaiten den Jomkipur am Freitag, also einen Tag nach dem Jomkipur der übrigen Juden. Ich folgte der Einladung eines mir bekannten jungen Karaiten, eines Studenten, am Erew-Jomkipur die Kenessa zu besuchen. Sie liegt in einer Vorstadt von Wilna, wo es viele Sommervillen gibt, die aber jetzt im Herbst verlassen dastehen und die öde, unbeleuchtete Vorstadt noch öder machen. Es war bereits stockdunkel, als ich zur Kenessa kam, die ich in der Finsternis nur mit Mühe fand. Die neue Kenessa, welche die Wilnaer Karaitengemeinde jetzt erbaut, ist noch nicht fertiggestellt, und es wird noch in der alten gebetet, einem kleinen Häuschen, das geradezu einer Dorfhütte ähnlich sieht. Als ich hinkam, waren die Fensterladen geschlossen und nur da und dort schimmerte schwaches Licht durch einen Spalt, und aus dem Innern des Häuschens tönte leise wohlbekannter Singsang. In einem kleinen Vorraum waren alle Wände mit Männer- und Frauenüberkleidern behängen, die von einem polnischen Diener behütet wurden. Der Betraum selbst ist ein mittelgroßes, sehr niedriges Zimmer mit drei Fenstern in der Länge und zweien in der Breite; der Frauenraum befindet sich ebenfalls in diesem Zimmer. Die Frauen verrichteten ihre Andacht in einem etwa ein Drittel des Zimmers umfassenden Teil hinter dem Männerraum. Die Kenessa war mit Hängeleuchtern und Kerzen hell beleuchtet. Alle Bänke waren besetzt; unter den Betern — etwa 50 an der Zahl in verschiedenen Lebensaltern — gab es sehr wenig Kinder. Mein Eintritt erweckte allgemeine Aufmerksamkeit. Das Gebet hatte bereits begonnen. Mein karaitischer Freund reichte mir ein großes, dickes Gebetbuch und schlug die Stelle auf, welche gerade gebetet wurde. Auf dem Vorsatzblatt des Buches las ich, daß es in den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in Guslowa, Gouvernement Eupatoria (Krim) gedruckt worden war. Ich hatte mich nicht sehr verspätet, der Gottesdienst hatte erst begonnen. Das Kolnidregebet wird bei den Karaiten nicht gesagt. Überhaupt sind die Gebete in dem Machsor, den ich bekommen habe, ganz andere als die der Rabbaniten. Ihr Stil ist ein schwerer Pijutstil; nur einige Gebete, wie die dreizehn Glaubensartikeln, waren mir bekannt. Der Chasan, ein alter Karäer, stand hart am Oron Hakodesch und sprach die Gebete laut. Er war schwarz gekleidet, ohne Tallis, auf dem Kopf einen rundlichen, steifen schwarzen Hut mit einem weißen, flachen Deckel. Er dehnte die Worte der Gebete mit melancholischer Melodie. Die hebräischen Gebete werden in sephardischer Aussprache gesagt. Manche Pijutim wurden von einzelnen Betern aus der Gemeinde gesungen, denen diese Aufgabe als besondere Auszeichnung zugewiesen wird. Überdies wurden einige der wichtigeren Gebetstellen von der Gemeinde in den tatarischen Dialekt übersetzt, welchen die Karaiten als ihre Muttersprache ansehen. Diese Übersetzung, die beim Gottesdienst gesungen wurde, fand ich im Gebetbuch in einer Beilage mit hebräischen Lettern gedruckt. In der Kenessa war es sehr heiß; bei den Betern war eine gewisse festlich gehobene Stimmung zu bemerken, die jedoch weitaus nicht die Inbrunst und Wärme des jüdischen Gebetes an den Festtagen erreichte. Etwas Blasses, Eindruckloses lag in diesem Beten. Einige Male wurden die Knie zur Erde gebeugt, die Mädchen knieten in christlicher Art. Der Gottesdienst dauerte sehr lange. Er endete mit dem Ausruf „Chasak“, dann wandte sich der Chasan in tatarischer Sprache an die Gemeinde und teilte ihr mit, daß der Gottesdienst am nächsten Tag um 7 Uhr morgens bebeginnen werde. Mein karaitischer Freund erzählte mir auch, daß die Karaiten den ganzen Jomkipurtag fastend in der Kenessa verbringen; früher sei es auch Sitte gewesen, am Ausgang des Jomkipur nach der Mahlzeit einen Gesellschaftsabend zu veranstalten, bei welchem gewöhnlich Verlobungen geschlossen wurden. Dieser Brauch hat jetzt autgehört, da Heiraten bei den Karaiten sehr selten geworden sind. Nach der Beendigung des Gottesdienstes küßten die Männer den Frauen die Hände und begrüßten sie mit „Moed Schalom!“ (Wr. Mgztg.) Gemeinden-u.Vereins-Echo Jung-jüdischer Wanderbund. Sonntag, den 30., große Mädels 8 Uhr Starnberger Bahnhof. Zion. Ortsgruppe München. Es besteht die Möglichkeit, daß eine palästinensische Lehrkraft hebräischen Sprachunterricht erteilen wird. Interessenten wollen ihre Adresse beim Büro der Z. O.-Gr., Herzog Maxstr. 4, hinterlegen. (2—6 Uhr.) Jüd. Arbeitsgemeinschaft. Wegen der Generalversammlung im Gesamtausschuß fällt unser Abend aus. Nächster Abend, Samstag, den 6. Oktober abends 8 Uhr im Bibliotheksaal der Gemeinde. Fußball. Letzten Sonntag spielte die 1. Mannschaft der F.-A. des Bar Kochba gegen Darmstädter Bank 3:5, Halbzeit 1:2. Durch die einheitlichen und mit starkem Druck erfolgten Angriffe konnte Darmstädter B. das Spiel gegen die technisch besseren Barkochbanern zu ihren Gunsten entscheiden, da diese es noch immer nicht verstehen, das Ganze aus sich herauszugeben und noch viel zu energielos spielen. Die 1. Jugendmannschaft der F.-A. des B. K. gewann gegen die Jugend des Jüdischen Sportvereins 2:0 nach verständigerem und technisch gutem Spiel.

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