Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 39 (28.9.1923)
- Date
- 1923-09-28
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Das Jüdische Echo 461 vielleicht besser „rentieren“, als man annimmt; denn es kann auf die Dauer auch rein materiell betrachtet, nicht gut tun, zu arbeiten, ohne mit dieser Arbeit einen höheren Sinn zu verbinden, gleichsam lebenslänglich Galeerenarbeit zu leisten. Die Zeiten sind schwer, auch der „einseitigste“ Idealist muß damit rechnen, daß heute andere Existenzbedingungen herrschen als früher; aber die Einstellung zu den Dingen muß deswegen doch die alte bleiben. Solange wir die Tragik unserer heutigen Lage nicht nur erkennen, sondern auch überwinden wollen, solange wir noch nicht hoffnungslos und ohne Willen zur Hoffnung der Dollarhypnose erliegen, vielmehr unser heiliges Anrecht auf Idealismus fühlen und vertreten, sind wir vor dem Schlimmsten sicher, können wir uns als treue Diener jüdischer Tradition, als Söhne des jüdischen Volkes fühlen. Die Schaffung einer Heimstätte für das jüdische Volk wäre unter allen Verhältnissen eine ungeheure Aufgabe gewesen, ist es heute in ungeahntem Maße mehr als je. Mögen spätere Generationen von uns als den Menschen sprechen können, die sich trotz der Gewalt übermächtiger Verhältnisse ihr Recht auf Idealismus nicht rauben ließen. Li-r. In Österreich gibt es keine Judenfrage . . . sagt die österreichische Regierung Aus Warschau wird uns geschrieben: Der „Moment“ veröffentlicht ein Interview seines Spezialberichterstatters mit Bundeskanzler Seipel, in welchem sich der Bundeskanzler über verschiedene Probleme, die mit seiner Warschauer Reise im Zusammenhang standen, äußerte. Als der Berichterstatter den Bundeskanzler über die Judenfrage in Österreich befragte, überließ er die Beantwortung dieser Frage dem Sektionschef Schüller, der sich folgendermaßen äußerte: „Juden oder Nichtjuden —> dies kann bei uns in Österreich keine politische Frage sein. Wir dürfen keinen Unterschied zwischen unseren Staatsbürgern machen, wir besitzen ja eine Verfassung, wir haben Gesetze, und wir kennen den Friedensvertrag, den wir unterfertigt haben, und in dem auch über die Behandlung der Minderheiten Bestimmungen enthalten sind. Ich wundere mich, daß Sie, als jüdischer Journalist, der doch weiß, was bei uns geschieht, eine solche Frage stellen. Unsere jüdischen Staatsbürger haben gar keinen Grund, über unsere Regierung Klage zu führen. Unsere Bürger leben untereinander in der besten Freundschaft. Nur für die Ostjuden existiert noch immer die Judenfrage. Vielleicht ist dies auch ganz natürlich. Ihr habt doch schon so viel gelitten .. Auf die Frage, ob die österreichischen Juden Verdienste um den Österreichischen Staat hätten, lautete die Antwort: „Ja, besonders um das Zustandekommen der internationalen Anleihe. Sie wissen doch, daß die Juden in der Finanz- und Bankwelt Einfluß besitzen. Bei solchen Angelegenheiten können sie die größten Dienste leisten. Wir haben dies bereits im Parlamente hervorgehoben.“ (? Red.) „Hat der letzte Sieg der jüdischen Sportsmannschaft in London die englisch-österreichischen politischen Beziehungen beeinflußt?“ „Sie meinen die Hakoah? Gewiß! Die höchste und schönste Belohnung ist der jüdischen Sportsmannschaft am Tage ihrer Ankunft in Wien zuteil geworden. Es ist sicherlich ein Triumph- und Siegeszug für unsere österreichische Sache.“ * * Es ist eigenartig, daß der Bundeskanzler die Beantwortung der auf die Juden bezüglichen Frage nicht selbst übernimmt, sonden durch einen Beamten besorgen läßt, obwohl es sich um politisch schwerwiegende Dinge handelt. Man kann sich dies auf verschiedene Art erklären, vielleicht scheut sich Herr Seipel selbst Dinge zu sagen, deren Unwahrheit so offenkundig ist, vielleicht fürchtet er seinen antisemitischen Parteifreunden, die ihre politischen Geschäfte größtenteils aui Kosten der Juden machen (ganz wie bei uns), nicht antisemitisch genug zu erscheinen. Leider müssen die Juden Wiens in Wien und im übrigen Österreich in der Regierungspraxis und im öffentlichen Leben sehr kräftig spüren, daß es in Österreich sehr wohl eine Judenfrage gibt, von der sich in Österreich wie in Deutschland große Parteien politisch nähren. Immerhin ist es bezeichnend, daß selbst die antisemitische Wiener Regierung nicht umhin kann, die großen Dienste anzuerkennen, die die Juden mit ihren sonst viel geschmähten Beziehungen dem Staate leisten. Es wäre recht interessant, einmal von den deutschen Regierungsstellen zu hören, wie sehr Deutschland diese Dienste in Anspruch nimmt. Aus der lüdischen Welt Palästina Kulturelle Chronik Palästinas. Wie amtliche Nachrichten besagen, hat sich der Gesundheitszustand in Palästina in den letzten Jahren bedeutend gebessert. Die Malaria wird erfolgreich bekämpft. Vor anderen Krankheiten konnte das Land behütet werden. 1921 starben in Palästina 113 Personen an Malaria, im Jahre 1922 nur mehr 65. Ende 1922 praktizierten in Palästina 343 Ärzte, 117 Apotheker, 81 Dentisten und 70 registrierte Hebammen. Die Zahl der Apotheken beträgt 66, wovon 14 im Laufe des Jahres 1922 neu eröffnet wurden. — Was die Erziehungsanstalten anbelangt, so unterstützt die Regierung außer ihrem eigenen Schulwesen auch die Privatschulen mit 5000 Pfd., und zwar die jüdischen mit 3084, die christlichen mit 1612 und die mohammedanischen mit 304. Interessante Tabellen veranschaulichen den Besuch der einzelnen Schulen. Von mohammedanischen Kindern besuchen die Schulen: Knaben 24 und Mädchen 6 Prozent; von den christlichen Kindern: Knaben 64 und Mädchen 68 Prozent; von den jüdischen Kindern: Knaben 90 und Mädchen 96 Prozent aller schulpflichtigen Kinder. An Privatschulen gibt es 37 mohammedanische mit 67 Lehrern, 1510 Schülern und 245 Schülerinnen; 111 christliche mit 442 Lehrern, 3500 Schülern und 4797 Schülerinnen; 142 jüdische Privatschulen mit 644 Lehrern, 8253 Schülern und 7296 Schülerinnen. Mittelschulen gibt es 6 staatliche, 3 mohammedanische, 19 christliche und 3 jüdische; Collegs 2 staatliche und 4 jüdische; technische und Handelsschulen (staatliche keine) 1 mohammedanische, 4 christliche und 17 jüdische; Landwirtschaftsschulen: 1 christliche und 1 jüdische, theologische Schulen: 1 mohammedanische, 4 christliche und 3 jüdische. Rückkehr Sir Herbert Samuels nach Palästina Jerusalem. Wie der J.C.B.-Vertreter erfährt, wird der britische Oberkommissar von Palästina, Sir Herbert Samuel, am Mittwoch, den 12. September in Palästina eintreffen und sofort sein Amt wieder antreten. Die Gründung einer gemäßigten Araberpartei in Palästina Wie J.C.B. berichtet, beabsichtigt eine Gruppe arabischer Notabein in Palästina eine neue demo-