Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 39 (28.9.1923)
- Date
- 1923-09-28
- Page
- Seite 460 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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460 Das Jüdische Echo Nr. 39 matte Skepsis, von der heute jeder einzelne von uns zum mindesten angekränkelt ist, sich in dauerndem Fortschreiten befindet. Die mit gebieterischer Notwendigkeit einer Katastrophe zudrängende deutsche Wirtschaft hat nicht mehr die Kraft, den geistigen Arbeiter mit den für ihn notwendigen Materialien zu versehen, es ist heute unmöglich geworden, grundlegende wissenschaftliche Werke zu verlegen; die bedeutendsten Fachzeitschriften sind dem Untergange anheimgefallen oder erscheinen infolge der enormen Teuerung einerseits und der geringen Kaufkraft der wissenschaftlichen Arbeiter andererseits sozusagen unter dem Ausschluß der Öffentlichkeit. Dazu kommt noch, daß der internationale Gedankenaustausch, der sich vor dem Kriege so verheißungsvoll entwickelt hatte, bedenklich ins Stocken gekommen ist, in einer Zeit, in der Grenzpfähle eine nie geahnte Wichtigkeit erlangt haben. Daß eine derartige Zeit nicht gerade begünstigend auf alle diejenigen Bewegungen einwirken mußte, die sich zum Ziel die Erreichung eines Zustandes gesetzt haben, der die Menschheit in irgend einer Weise kulturell, sozial, kurz gesagt: menschlich weiterbringen soll, versteht sich von selbst. Nie ist eine Epoche allen idealen Bewegungen feindlicher gewesen, als die, in die uns der Krieg versetzt hat, und aus der wir allem Anscheine nach so schnell nicht wieder herauskommen werden. Man hat heute nicht die Muße, sich auch nur für wenige Augenblicke von dem Springen des Dollars abzuwenden und sich in höhere Regionen zu flüchten, sich Bestrebungen zu widmen, bei denen materiell nicht nur nichts zu gewinnen, sondern vielleicht sogar vieles zu opfern ist. Gerade die sogenannten geistigen Berufe sind von der Not dieser Tage mehr als andere Schichten der Bevölkerung erfaßt. Der Akademiker muß heutzutage gleichzeitig Kaufmann sein und dies noch dazu im unangenehmsten Sinne. Ist es doch bittere Wahrheit, daß der Arzt, der Rechtsanwalt, der mehr Zeit auf der Bank zubringt, als bei seiner Klientel, viel größere Chancen hat, als wenn er umgekehrt vorgehen würde. Hat sich aber einmal eine derartige Einstellung, nach der heute geradezu alles drängt, vollzogen, dann bleibt wahrhaftig nicht mehr viel übrig für jene Aufgaben, die, vom ethischen Standpunkt bedachtet, doch immer die wichtigsten bleiben werden. Die Zionistische Organisation leidet außerordentlich unter diesem Zustande der Geistlosigkeit, ja der Geistesfeindlichkeit, wie er nicht nur in Deutschland eingerissen hat. Auseinandersetzungen über innerjüdische Probleme interessieren nicht mehr, die freiwillige Mitarbeit, auf der früher das ganze System unserer Arbeit basieren konnte, ist heute eine Ausnahmeerscheinung geworden, Idealismus und „Einseitigkeit“ sind mehr als je in den Augen der Masse zu synonymen Begriffen geworden. Wer sich auch für geistige Dinge interessiert, der gilt jetzt für beschränkt und verstiegen, wer sich dagegen tagaus, tagein der Dollarjagd widmet, wird als der Typus des vielseitigen, gewandten Zukunftsmenschen betrachtet. Ist eine solche Einstellung richtig, ist sie überhaupt berechtigt? Diese Frage aufzuwerfen, heißt auch bereits sie beantworten. Solange in den Menschen noch das unbedingte Gefühl dafür, wenn auch vielleicht verschüttet, vorhanden ist, daß es Pflicht jedes Einzelnen ist, sein Teil dazu beizutragen, daß die Gesamtheit, in der er lebt, und durch sie wieder die Menschheit als solche irgendwie vorwärtskommt, eine höhere Stufe nicht etwa der Zivilisation — obwohl wir auch diese keineswegs verachten — sondern der Kultur erklimmt, so lange wird man zum wenigsten theoretisch zugeben müssen, daß diese rein materielle Einstellung, von der wir oben sprachen, falsch und unheilvoll ist. Und mehr als das: sie ist auch unberechtigt, wenn auch, wie wir darzulegen versucht haben, aus vielen Punkten heraus erklärlich. Wenn einmal eine Krankheit erkannt worden ist, wenn man über ihre Gefährlichkeit absolut im Klaren ist, dann handelt man an sich und — wenn es eine ansteckende Krankheit ist — auch an seiner Umgebung verbrecherisch, wenn man nicht alles tut, um sich von ihr zu befreien, um wieder einen normalen, gesunden Zustand herbeizuführen. Die Geistlosigkeit dieser Nachkriegsepoche ist eine solche ansteckende Krankheit. Weit genug ist der Krankheitsprozeß schon vorgedrungen, aber doch nicht so weit, daß er nicht besiegt werden könnte. Die erste Bedingung zu einer erfolgreichen Gegenwirkung ist aber die Erkenntnis von unserem Rechte auf Idealismus. Wir sollen uns nicht vorrechnen, daß uns ein Abonnent einer jüdischen Zeitung so und soviel kostet, daß wir für den Mitgliedsbeitrag zur Zionistischen Ortsgruppe schon wieder zwei bis dreimal Straßenbahn fahren könnten, daß unsere Zahlung für den Keren Hajessod X Pfund Butter bedeutet. Wir müssen zu der Einsicht kommen, daß diese Dinge ebenso lebenswichtig sind, als die „Gegenstände des täglichen Bedarfs“, daß sie ebenfalls täglicher Bedarf sind. Rechnet man so, dann werden, so ist unsere feste Überzeugung, sich auch die Gelder dafür aufbringen lassen, dann wird bei aller Not der Zeit neben dem körperlichen auch das geistige Existenzminimum gedeckt werden können. Bekommt unser Leben so wieder neuen Sinn, hat das Dahinvegetieren ein Ende genommen, dann wird sich das Air POBZELLAN-NIEDE8U«! MÜNCHEN THEATINERSTRASSE t) ftgenübtr dtr FtldhtrmhmH* GBÖSSTE AVSWAHL IM GEBBAVCHSrSBZELLAM TÄGLICHE LAGEBEBGÄMZVMG