Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 39 (28.9.1923)
- Date
- 1923-09-28
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 39 28. September 1923 10. Jahrgang fln den Genepalstaatshommissop! In einem ungeheuer schweren Äugenblick, in welchem Sie die bayerische Staatsgewalt und die Staatsverantwortung übernehmen, werden in Ihrer Kundgebung, die diese Uebernahme ankündigt, wir Juden ausserhalb der Kreise gestellt, auf welche Sie — also die Staatsgewalt — sich stützen wollen. Die jüdischen Bürger Deutschlands haben seit je am Leben des deutschen Staates und Volkes mitgewirkt und in allen Zeiten wertvolle Kräfte zur Entwicklung dieses Lebens gestellt. Eine große Zahl unserer Brüder und Söhne liegt auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges begraben (auch darauf muß, so ungern es geschieht, in diesem Äugenblick hingewiesen werden). Wie wir Juden uns bewußt sind, von je zu den besten aufbauenden Elementen des Staates zu gehören, haben wir den festen Willen, in dieser schweren Zeit keinem Staatsbürger an der Mitwirkung für das Gemeinwohl nachzustehen. Wenn wir es auch unterlassen haben, auf alle antisemitischen Ängriffe immer wieder zu antworten, so können wir nicht mit Schweigen ertragen, daß uns die verantwortlichste Staatsstelle ausserhalb des Staates zu stellen gedenkt. Wir hoffen, daß die Schärfe der Formulierung in ihrer negativen gegen uns gerichteten Seite nicht so beabsichtigt ist, wie sie wirkt und erwarten vom gegenwärtigen Leiter des bayerischen Staates Ächtung unserer Gleichberechtigung und demgemäß gleiche Behandlung wie alle Bürger. Recht auf Idealismus Die physischen Wirkungen des Krieges und der Nachkriegsperiode hat man schon öfters und gründlich untersucht. Wie von vorneherein angenommen werden mußte, ergaben diese Untersuchungen, daß der Gesundheitszustand in denjenigen Ländern, die aktiv am Kriege beteiligt waren, in einem geradezu erschreckenden Maße von all dem Unangenehmen und Fürcherlichen, das der Krieg mit sich brachte, beeinflußt worden ist, daß insbesondere in vielen Ländern Europas eine junge Generation heranwächst, der der Stempel dieser Leidenszeit vielleicht unauslöschlich aufgedrückt sein wird. Kein Wunder, daß diese Feststellungen gemacht wurden und heute noch gemacht werden! Handelt es sich doch um Dinge, die, mag man wollen oder nicht, ins Auge fallen müssen, Tatsachen, mit denen jeder Arzt, jeder Lehrer, bald wohl jeder Geschäftsmann rechnen muß. Körperliche Unterernährung, wer kennt nicht das Schreckensbild, das mit diesem Begriffe verbunden werden muß; wer möchte nicht alles daran setzen, um diese schlimmste Geißel des Krieges und seiner Folgezeit aus der Welt zu schaffen! Und doch haben wir den Eindruck, als ob es eine Krankheit heute gäbe, die ebenfalls auf den gleichen Ursachen beruht, als die physische und in ihren endlichen Wirkungen nicht weniger furchtbar, als diese ist. Wir meinen jene entsetzliche geistige Blutarmut, jene enorme psychische Unterernährung, die der Krieg mit sich brachte, und an der wir heute mehr oder minder noch alle leiden. Es hat sogar durchaus den Anschein, als ob dieser Zustand schrankenloser Gleichgültigkeit gegen alle wahrhaft geistigen Probleme, jene