Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 38 (21.9.1923)
- Date
- 1923-09-21
- Page
- Seite 452 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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452 Das Jüdisch© Echo Nr. 38 träglich gestaltet. Diese Menschen, von denen keiner auch nur einen Faden sein Eigentum nennt, weil jeder, was er besaß, der Gemeinschaft hingegeben hat, leben im reinsten Mit- und Füreinander. Sie haben den Gedanken des Wir kampflos und restlos verwirklicht. Eine solche Gemeinschaft kann naturgemäß nicht existieren, wenn die ihr angehörenden Menschen, oder wenn sie als ganzes ihr Leben nicht auf eigene Arbeit gründen. Jedes Mitglied einer Kwuzah ist auf irgend einen Platz gestellt, der seinen Fähigkeiten am ehesten entspricht. Es ist bei der Vielfältigkeit individueller Veranlagung oft nicht oder nur schwer möglich, einen Menschen auf den für ihn richtigen Platz zu stellen. Aber in der Kwuzah ist der Gedanke der Umschichtung siegreich gewesen. Jeder einzelne ist mit der Arbeit der ganzen Gemeinschaft eng vertraut. Er hat ein inneres Verhältnis zur Arbeit, welche tür ihn nicht Arbeit schlechthin ist, also eine unter vielen Möglichkeiten, sein Leben zu fristen, sondern Berufung. Die zwanzigtausend glücklichen Menschen, von denen Rundt gesprochen hat, haben die Arbeit als ihre eigenste Berufung erkannt, haben in dieser Arbeit die Grundlage erkannt, für die Verwirklichung der Idee der nationalen Heimstätte. In den Kolonien ist oft die Erscheinung zutage getreten, daß arabische Arbeiter den jüdischen vorgezogen werden. Das bedeutet, daß der Kolonist aufhört, Bauer zu sein, daß er Unternehmer wird. Das hat weiterhin zur Folge, daß alle wesentliche Arbeit nicht von Juden geleistet wird, sondern von Arabern, und das kann schließlich dazu führen, daß, wenn sich die Dinge so weiter entwickeln, in Palästina eine jüdische Oberschicht entsteht, welche, mit dem Lande durch eigene Arbeit nicht verwurzelt, früher oder später von der arabischen Masse, sobald diese reif geworden sein wird, einfach weggehoben werden kann. Andererseits ist es aus den verschiedensten Gründen nicht möglich, die Araber aus den jüdischen Betrieben dieser Art, wie die Kolonisten oder industrielle Unternehmer sie betreiben, zu verdrängen. Aber die Gefahr besteht, daß, wie gesagt, ein jüdisches Unternehmertum entsteht, dem nicht die Heimstätte, sondern zunächst das Unternehmen von Wichtigkeit ist. Dem treten die Chaluzim in den Kwuzoth und darüber hinaus durch Übernahme aller sich nur bietenden Aufbauarbeiten, auch Notstandsarbeiten, durch die Tat entgegen. Sie tun das in dem Bewußtsein, daß sie diese Arbeiten im Interesse der Heimstätte durchführen, daß jeder Weg, den sie bauen, jedes Haus, das sie errichten, jede Düne, die sie bepflanzen, jeder Acker, den sie bestellen, ein Baustein ist an der nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina. Eine solche Bewegung, die ganz spontan entstanden ist, und die nur sehr selten jene Möglichkeiten findet, die notwendig sind, ihre Mitglieder zum selbstgewählten Beruf zu erziehen, braucht Hilfsmittel in größtem Maßstabe. Diese Hilfsmittel müssen vor allem in Ausbildungsmöglichkeiten bestehen. . Der Chaluz, der nach Palästina geht, um dort seinem Ideal zu leben, soll möglichst schon so weit ausgebildet dorthin kommen, daß er nach Einordnung in die neuen Verhältnisse seinem Beruf nachgehen kann. Hier ergibt sich ein großes Betätigungsfeld gerade für das deutsche Judentum. Man hört in den Chaluzkreisen oft darüber klagen, daß es so wenig Ausbildungsmöglichkeiten gibt. In Deutschland gibt es genug Ausbildungsmöglichkeiten für Chaluzim, und das deutsche Judentum, welches mit einer erbitterten, fast schon krankhaften antisemitischen Strömung zu kämpfen hat, sollte den enormen positiven Wert, den die Chaluzim darstellen, erkennen, und sollte alles daransetzen, um diesen Chaluzim die Möglichkeit zu geben, nach ihrem Willen ihrer Idee zu leben, deren Verwirklichung weit über den Kreis der Chaluzim, ja auch weit über die zionistische Bewegung hinaus, auf das Schicksal des ganzen Volkes entscheidend einwirken wird. J. Sch. Völkerbund und Schutz der jüdischen Minderheiten Mr. Lucien Wolf weilt gegenwärtig als Vertreter des Joint Foreign Committees der englischen Judenheit und der „Alliance Israelite Universelle“ in Genf, um mit den Referenten und Delegierten des Völkerbundes verschiedene jüdische politische Fragen zu diskutieren und die Rechte der jüdischen Minoritäten in den östlichen Staaten zu verteidigen. Über seine Tätigkeit in Genf erklärte Mr. Wolf einem Vertreter der J.P. Z. unter anderem: „Die wichtigste Angelegenheit, die wir mit dem Völkerbund gegenwärtig zu diskutieren haben, betrifft die Frage der Behandlung der Minoritätenverträge. Bekanntlich können die Juden in Rumänien, Ungarn und Polen nicht ohne Gefahr Beschwerden an den Völkerbund richten. Würde man nun die Sachen auf sich beruhen lassen, so würde dies das Ende der Minoritätenverträge bedeuten, denn die Minoritäten selbst könnten keine Klage erheben. Aber glücklicherweise gibt es ausländische Komites, wie das Joint Foreign Committee, die Alliance Israelite Universelle und sogar nichtjüdische Komitees, speziell die League of Nations Union in England, die eine Million Mitglieder zählt und deren Präsident Lord Robert Cecil ist. Innerhalb dieses sehr einflußreichen Komitees wurde letzthin ein Minoritätenkomitee gebildet. Die erwähnten Organisationen nehmen sich nun der Minoritäten an und senden die Petition der Minoritäten an den Völkerbund. Unser Recht, Petitionen an den Völkerbund gelangen zu lassen, wurde auf Grund dessen anerkannt, daß der Völkerbundsrat seine Informationen einholen müsse, wo er dieselben eben erhalten kann. Insofern befanden wir uns in einer günstigen Lage. Das Mangelhafte in den Minoritätsverträgen wurde auf diese Weise behoben und es bestand ein reguläres Verfahren, um jegliche vorkommende Verletzung der Verträge zu behandeln. Nun aber hat dies Anlaß zu einer großen Offensive der Minoritätsstaaten gegeben und letzten Jänner hat Polen eine Note an den Völkerbundsrat gerichtet, in welcher die polnische Regierung erklärt, daß die ganze Prozedur illegal gewesen ist und nicht durch den Friedensvertrag gerechtfertigt gewesen sei. Die polnische Regierung hat dem Völkerbundsrat vorgeschlagen, daß die Minoritäten nur durch ihre eigenen Regierungen Petitionen sollen einreichen können. Sie schlägt ferner vor, daß das Dreierkomitee beseitigt werde und daß Petitionen nicht unter den Mitgliedern des Völkerbundes zirkulieren sollen und schließlich, daß Petitionen nicht von ausländischen Organisationen angenommen werden sollen. Würden diese Vorschläge akzeptiert, so würden die Minoritätenverträge zu einem toten Buchstaben herabsinken. Das Joirjt Foreign Committee und die Alliance Israelite Universelle sowie die League of Nations Union in England haben daher gegen die Vorschläge der polnischen Regierung protestiert und wir haben diesbezüglich befriedigende Versicherungen der englischen Regierung erhalten. Eine weitere wichtige Frage bildet der Numerus clausus in Polen. Die Alliance Israelite Universelle