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Das jüdische Echo · 1923-09-21 · 38 (21.9.1923) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
38 (21.9.1923)
Date
1923-09-21
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 38 21. September 1923 10. Jahrgang Pionlertum Eine eigenartige Bewegung innerhalb des modernen Judentums ist die Chaluzbewegung (Pionierbewegung). Keine Bewegung ist für die geistigen Strömungen im jüdischen Volke und unserer Tage so bezeichnend, und keine auch , weit über den Kreis des ganzen Volkes hinaus so bedeutungsvoll, wie eben diese Wanderung junger jüdischer Menschen nach Palästina, mit dem klar ausgesprochenen Ziele, dort eine neue Gemeinschaft zu errichten „ohne Ausbeuter und ohne Ausgebeutete“, und nicht etwa nur mit der Absicht, drückenden ökonomischen oder geistigen Bedingungen zu entfliehen; denn wäre das der Grund für diese Wanderung, sie würde sich durch nichts abheben von irgend einer anderen Wanderung, d. h. sie würde in der Richtung des schwächeren Widerstandes und nicht in der Richtung des stärkeren Widerstandes verlaufen. Die Chaluzbewegung ist, historisch gesehen, nicht erst gestern oder heute entstanden; ihr historischer Ahne sind die Bilu, jene russischen Emigranten aus dem letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts, welche ihre bisherigen Wohnstätten verließen, ihre intellektuell-bürgerlichen Berufe aufgaben, um in Palästina das Leben von Bauern zu führen. Damit, was zugleich der Erkenntnis Ausdruck gegeben, die damals schon bestanden hat, daß einerseits die soziale Struktur des Volkes ein Fortschreiten der Entwicklung auf dem bisherigen Wege nicht gestatte, andererseits aber auch dem Willen, in Palästina ein nationales Zentrum zu errichten, und das Leben für eine Erneuerung des Volkes einzusetzen. Wenn trotzdem von Chaluzim und Bilu in einem gewissen Gegensätze gesprochen werden muß, so darum, weil zwischen jenen und diesen ein grundsätzlicher ideologischer Unterschied besteht. Dieser Unterschied hat seine Ursachen in den durchaus verschiedenen inneren Voraussetzungen der beiden Wanderungsbewegungen. Die Bilu glaubten ihr Ziel durch die Ansiedlung von Einzelpersonen auf landwirtschaftlicher Grundlage erreichen zu können. Sie glaubten, daß durch die Einwanderung von möglichst vielen Juden auf solcher Grundlage die nationale Heimstätte geschaffen werden könne. Ein Gemeinschaftswille, wie er die Chaluzwanderung trägt, und die ganze Ideologie des Chaluz erfüllt, bestand in solchem Maße, wie er in den Chaluzim vorherrscht, nicht. Das Ausschlaggebende für die Chaluzwanderung ist der Wille zur Gemeinschaft und der Glaube an die Gemeinschaft. In diesem Sinne unterscheiden sie sich radikal von den Bilu-Wanderern, die schließlich doch wieder als Kolonisten, als Farmer in bürgerlicher Behaglichkeit gelandet sind, während die Chaluzim nicht den Willen haben, sich lediglich ansiedeln zu lassen und nun ein Leben als Bauer schlechthin zu führen, also auch als Unternehmer dieser Art, sondern ein ganz auf das Wir gestelltes, den Willen zur Gemeinschaft verwirklichendes Leben. Der Wille ist es also und der Glaube, der Leben und Ideologie des Chaluz trägt. Sie gehen vom Grundsätze aus: „Es gibt nichts stärkeres als den Willen“ und sie glauben auch an die schaffende Kraft ihres Willens. Sie glauben aber auch, und das gibt ihnen das eminent nationale Gepräge, an das Volk, sie glauben an die Kraft der Idee, durch welche allein das Volk erneuert werden kann und sie glauben an ihre eigene Berufung zur Tat, welche zu dieser Erneuerung führen kann. In diesem Sinne ist die Chaluzbewegung als ein Teil der modernen Jugendbewegung im allgemeinen anzusehen; denn auch die moderne Jugendbewegung, wo immer sie uns entgegentritt, hat die Hohlheit des Überkommenen erkannt und sucht nach neuen Wegen und nach neuen Zielen. Diese Jugendbewegung ist von einem starken religiösen Impuls erfüllt und das erzwingt die Aufmerksamkeit, die ihr zugewendet wird. Trotzdem darf nicht etwa geglaubt werden, daß die Chaluzbewegung eine Bewegung von jüdischen Europamüden ist; denn wäre es nur das, so würde, wie gesagt, diese Wanderung in der Richtung des schwächeren und nicht des stärkeren Widerstandes verlaufen. Der Chaluzbewegung wohnt als ausschlaggebender Faktor ein starkes nationales Bewußtsein inne, das bis zum Religiösen erhoben ist. Vielleicht— darüber kann hier nicht gesprochen werden — liegt in dieser Bewegung auch* ein stark messianischer Zug, aber niemand ist weiter entfernt davon, etwa an eine Mission des jüdischen Volkes gegenüber den andern Völkern zu glauben, als gerade die Chaluzim. Sie anerkennen nur eine einzige Mission des Volkes und die ist: sich selbst durch die eigene Tat zu befreien. Der Chaluz ist auch der Vollzieher radikaler Umschichtung. Er hat die Gefahr erkannt, welche darin liegt, daß der größte Teil des jüdischen Volkes unproduktiven Berufen obliegt, und er hat aus dieser Erkenntnis für sich den Schluß gezogen, daß er selbst zu einem produktiven Beruf übergehen müsse. Dieser produktive Beruf ist vor allem die Landwirtschaft, dann aber auch die Gärtnerei oder das Handwerk. Dieses also sind die Grundlagen der Chaluzbewegung: der Gemeinschaftswille und zwar der nationale Gemeinschaftswille, die Idee der Selbstarbeit und der Gedanke an die Eroberung der Arbeit. Der Gemeinschaftswille findet seinen lebendigen Ausdruck in den K w u z o t h. Die Kwuzoth sind, wirtschaftlich gesprochen, Produktivgenossenschaften. Aber dieses Wort bezeichnet nicht im entferntesten die ganze Idee der Tiefe der Kwuzah. Denn in der Kwuzah ist die Gemeinschaft restlos verwirklicht, ist der Gedanke der Arbeit ohne Ausbeuter und Ausgebeutete in die Tat umgesetzt. Es gibt kaum irgendwo noch eine ähnliche Erscheinung wie die der palästinensischen Kwuzoth, welche von reinster Harmonie erfüllt sind, in denen es kein Gegeneinander gibt, wie es sonst besteht, sondern ein reines Miteinander. Ein deutscher Schriftsteller, Arthur Rundt, hat in einem unlängst herausgegebenen Buche über Palästina ein Kapitel mit den Worten überschrieben: „Zwanzigtausend glückliche Menschen“. Es ist müßig, darüber zu streiten, ob es Tolstoische Ideen sind oder uralte jüdische, welche diesen zwanzigtausend Menschen zu ihrem Glücke verholten haben. Die Tatsache spricht für sich. Diese Menschen kennen keinen Kampf mehr, sie kennen keine Sehnsucht, in keinem von ihnen lebt jener Wille zur Macht, der länderweit das Leben uner-

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