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Das jüdische Echo · 1923-09-14 · 37 (14.9.1923) · p. Seite 444

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
37 (14.9.1923)
Date
1923-09-14
Page
Seite 444 (sequence 8)
Language
German
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444 Das Jüdische Echo Nr. 37 unter ihnen auch Costa Foru, versäumen nie, diese dem Lande schädliche Bewegung als verwerflich und gefährlich zu stempeln. Nun hat die rumänische Geistlichkeit sich entschlossen, ihren großen Einfluß auf die breitesten Volksschichten zu benützen, um in offener Front einen Kampf gegen die gewissenlose antisemitische Hetze aufzunehmen und den Minierarbeiten skrupelloser Agitatoren aus Rumänien und aus dem Auslande ein Ende zu bereiten. Da der Hauptherd der antisemitischen Propaganda die Moldau ist und auch der Apostel des rumänischen Antisemitismus, Cuza, seinen Wohnsitz in der Hauptstadt der Moldau, in Jassy, hat, ist es von ganz besonderer Bedeutung, daß der Metropolit der Moldau sämtliche Geistliche seiner Diözöse zu einem Kongreß nach Jassy einberief, um in ernster Aussprache die Maßnahmen festzusetzen, welche zur Unterdrückung der antisemitischen Bewegung am geeignetsten erscheinen. Es ist begreiflich, daß die antisemitischen Hetzapostel, die bisher nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen ihre eigene Kirche eine verhetzende Propaganda verbreiteten, die rumänische Bevölkerung auch gegen diese energische Stellungnahme der Geistlichkeit aufzureizen versuchen. Wir wollen hoffen, daß der begrüßenswerte energische Krieg der rumänischen Geistlichkeit den Frieden herbeiführen wird. Schweiz Der Ursprung der „Weisen von Zion“ Zürich. (JCB.) In der „Neuen Züricher Zeitung“ läßt sich der Züricher Theologieprofessor Ludwig Köhler über die „Weisen von Zion“ aus. Er nennt sie eine „törichte und boshafte Fälschung“. Das im Jahre 1864 in Brüssel erschienene Pamphlet „Dialogue aux Erfor entro Machiavel et Montesquiou au la politique de Michiavel au XIX a siecle (Ein Dialog zwischen Machiavel und Montesquien in der Unterwelt) sei, wie wörtlich Entlehnungen zeigen, die Grundlage der „Weisen von Zion“. literarisclnes Echo Flavius Josephus: Jüdische Altertümer.— Geschichte des jüdischen Kriegers. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Dr. Heinrich C1 e m e n t z. 2. bezw. 1. Band. Otto Hendel-Verlag (Hermann Hillger), Berlin. Zu haben in der „Ewer“-Buchhandlung, München, Wagmüllerstr. 19. Die bekannte, so lange fehlende Ausgabe der Hauptwerke des Flavius Josephus liegt nun wieder vor. Damit ist den vielen Freunden der jüdischen Geschichte, besonders der Quellenstudien, wieder die erfreuliche Möglichkeit zur Beschäftigung mit einem wichtigen Zeugnis unserer Vergangenheit geboten. Die gute Ausstattung, besonders des Einbandes, wird den Erwerbern weiterhin Freude bereiten. Leider kann aber in diesem Zusammenhang nicht das Bedauern unterdrückt werden, daß mancher Druckfehler, der hätte vermieden werden können, stehen geblieben ist; so gleich auf der dem 1. Band der „Altertümer“ vorangesetzten Tafel „Judas“ und Rubel“ statt „Juda“ und „Rüben“. Solche Kleinigkeiten schmälern aber in nichts das Verdienst des Verlags, diese Werke wieder der Allgemeinheit zugänglich gemacht zu haben. Vielmehr wird es nicht nur allen jüdischen Bibliotheken und Lehranstalten, sondern auch vielen Vätern, die ihren Kindern wahres Wissen über jüdische Dinge verschaffen wollen, lieb sein, daß sie dieses Grundwerk wieder ihrer Sammlung einverleiben können. Hoffentlich regt dann dieses Buch noch zur Anschaffung weiterer jüdischer Bücher an! Z’bi. Feuilleton Der Kaddisch Von Martha Nothmann Wie der kleine Joseph lebte — wovon er lebte — das wußte kein Mensch. Großer Gott — man hatte Sorgen genug, und ein Onkel hatte ja den Waisenknaben zu sich genommen. Daß der alte, taube Mann die ganze Woche unterwegs war — ja, wer konnte das ändern? Der Junge schien übrigens ganz vergnügt, und es schien ihm unberufen an nichts zu fehlen. — Es gab aber doch jemand, der sich um den Knaben kümmerte, und das war die warmherzige, kinderlose Frau des christlichen Arztes. Im Doktorshaus gab es für Joseph stets einen Napf Essen, stets ein Nachtlager, und hin und wieder einen neuen Rock. Er feierte Weihnachten bei Doktors, und aß mit ihnen vom Osterkuchen, und als man ihn eines Tages fragte, ob er sich taufen lassen wolle, sagte er natürlich: ja- Nun war großer Jammer in der Gemeinde! hin Kind aus ihrer Mitte. War denn niemand dagewesen, der den Knaben in die Synagoge geführt hätte. Hatte niemand darauf achten können, daß er den Cheder besuche? Nun werden die Köpfe zusammengesteckt, und man berät hin und her. Schließlich schickt man den Knaben zum Rabbi von Brody. Vergnügt macht sich Joseph auf den Weg. Den geheimnisvollen Rabbi hat er schon längst sehen wollen — was erzählt man sich nicht alles von ihm. Neugierig sieht er sich in der niedrigen Stube um. Da steht ja der Kiddischbecher, der sich jeden Schabbes von selber füllt — da ist das Kohlenfeuer, das nie verlöscht, ohne daß es je entfacht wird — aber das wunderbarste sind doch die Augen des Rabbi, die blinden Augen, die in jedes Herz sehen können. Und jeder wird besser, sagt man, auf den diese Augen geruht. Der Rabbi spricht: „Mein Sohn, gehe in die Synagoge und hole meinen Talles.“ Dunkel liegt die Synagoge in der dunklen Straße. Aber was ist das? Innen ist sie hell erleuchtet, als wäre ein Festtag — erfüllt ist sie von Murmeln und Beten. Die Andächtigen drängen zur Empore. Ein jugendlicher Mann im weißen Gebetsmantel tritt vor — ist das nicht der Vater? Genau so hatte der Vater ausgesehen — nein er sieht nicht nur so aus — er ist es auch. — „Vater!“ Aber der Vater sieht nicht zu ihm hin, er geht vor und betet. Ein alter, weißhaariger Mann gesellt sich zu ihm. Das ist ja der Großvater! Und zu den beiden betenden Männern tritt ein anderer, und wieder ein anderer — immer größer wird der Kreis der Betenden — sie füllen die ganze Empore — sie füllen fast die ganze Synagoge. Alle stehen sie in weißen Sterbehemden, alle stehen sie in ihren weißen Gebetsmänteln und dieselben Worte strömen von ihren Lippen, als wäre es ein Mund, der betet. Joseph kommt dem Kreis der Betenden immer näher, wie mit starken Armen zieht es ihn hin. Warum sind die Männer dort ihm so vertraut — vertraut wie seine Hand — wie sein Fuß? Warum findet er sich in ihren Antlitzen wieder wie in einem Spiegel? Joseph fühlt es in jeder Faser seines Körpers, in jedem Tropfen seines Blutes.

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