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Das jüdische Echo · 1923-09-14 · 37 (14.9.1923) · p. Seite 440

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
37 (14.9.1923)
Date
1923-09-14
Page
Seite 440 (sequence 4)
Language
German
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440 Das Jüdische Echo Nr. 37 Es fehlt also dem Nichtjuden, so sagt Pinsker, jede Möglichkeit, den Juden in einer ihm gewohnten Art einzuordnen, zu rubrizieren, sodaß er ständig gezwungen ist, sich über seine Existenz Gedanken zu machen und da Erklärungen zu suchen, wo es rein verstandsmäßig keine Erklärungen gibt. Und so entsteht das Gefühl des Unheimlichen, Gespensterhaften, das dann seinen Ausdruck in der Ritualmordlegende, in der Furcht von dem Inhalt jüdischer religionsphilosophischer Werke, in der Angst vor der jüdischen Weltherrschaft findet und das von Generation auf Generation übertragen, vererbt immer mächtiger, immer selbstverständlicher wird. Aus diesen Gesichtspunkten heraus fordert Pinsker eine Konkretisierung des Jüdischen in einem Judenstaate, die Wiederbelebung des jüdischen Volkes als Nation unter den Nationen, kurz: den Zionismus. Wenn schon das Schulkind mit dem Begriffe „Jude“ die natürliche Vorstellung eines ganz bestimmten Landstriches verbindet, der eben „Judenland“ ist, genau so wie es ein England und ein Deutschland gibt, dann wird dieses Gefühl des Unheimlichen, Schemenhaften nicht mehr möglich sein, dann wird die so gefährliche Psychose vom Judengespenst in ein Nichts zerrinnen. Deshalb ist es so außerordentlich wichtig, jetzt, wo der Anfang zu einer Verwirklichung der Pläne Pinskers gemacht ist, wo man in mühevoller Kleinarbeit unter unsäglichen Schwierigkeiten aller nur denkbaren Art daran geht, an Stelle des Gespenstes vom „internationalen Juden“ die Tatsache des nationalen jüdischen Heimes zu setzen, nicht zu erlahmen, sondern alle die zur Mitarbeit aufzurufen, die mit der Erkenntnis von der Bedeutung des Aufbaues von Erez Israel für die Juden in der ganzen Welt eine deutliche Einsicht in die ungeheuren Gefahren besitzen, die dem Judentum aller Länder durch ein Scheitern des Palästinawerkes erwachsen würde. Wer etwa die hier vertretene Ansicht für bloße Theorie oder für eine Art gewohnheitsmäßig vorgebrachter Phrase halten sollte, den verweisen wir auf den in der neuesten Nummer 11 des „Stürmer“ — „Nürnberger Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit“ — enthaltenen Artikel „Judentage“, in dem es in einem „Berichte“ über den Karlsbader Zionistenkongreß folgendermaßen heißt: „Solch ein koscherer Judentag wurde vor kurzem in Karlsbad abgehalten. 6—7000 Reinrassige aus dem Hause Juda waren da versammelt. Was dabei ausgemacht wurde, weiß nur der Jude, d. h. einiges hat er uns ja verraten. Es wurde bekannt gegeben, daß es mit dem „Wiederaufbau“ des Judenstaates in Palästina nicht vorwärts ginge und daß die Juden dieserhalb Ae uhaus ers/r. 15, gegenüber der alten Jlkademie dort bleiben müßten, wo sie bisher waren. Daß die Sache so kommen mußte, weiß jeder, der den Juden in seinem Wesen kennt. Der Jude ist ein geborener Faulenzer, der sich dadurch ein gutes Leben macht, daß er andere für sich schuften läßt. Er glaubte, daß die Araber in Palästina ihm den Pflug ziehen und die Maschine bedienen würden. Weils nun nicht so kam, bleibt der Jude lieber aus dem Lande weg und wartet, bis andere aas ungelobt gewordene Land wieder gelobt gemacht haben.“ Wir sehen hier, wie sehr bei den Leuten, die ihr Geld im „Kampfe für die Wahrheit“ verdienen, der Wunsch der Vater des Gedankens ist, wie gerne man in alle Welt einen Mißerfolg der Palästinasache hinaustrompeten möchte. Gibt es doch kein besseres4Argument gegen den Antisemitismus als die schwieligen Fäuste der Chaluzim, als die Existenz unserer blühenden Kolonien, als die langsam aber sicher ansteigende Zahl der Einwanderer in Palästina! Wie vereinbaren sich diese Dinge, diese von jedem Kind zu beweisenden, von jedem Kind nachzuprüfenden Tatsachen mit der Lüge von dem Volke der Ausbeuter, mit dem Aberglauben von der Existenz der Dreihundert Internationalen? Und das heute schon, wo wir doch erst im Anfänge stehen, wo wir erst den Gedanken des Aufbaues in die breiten Massen der Judenheit zu tragen beginnen! Auf eine mathematische Formel gebracht, könnte man, so scheint uns wenigstens, behaupten: Die Kraft antisemitischer Argumentation von dem internationalen, nur durch eine Schmarotzerexistenz lebenden Juden schwindet umgekehrt proportional zu dem Wachsen unserer Position in Erez Israel. Tatsachen führen immer noch die lauteste Sprache, das werden auch die gerissensten Demagogen im antisemitischen Lager einzusehen haben. Dann wird sich endlich der ganzen Welt offenbaren, daß die Männer, die im Jahre 1897 in Basel tagten und von dort aus jenen großen Weckruf an das jüdische Volk in der Zerstreuung hinaussandten, wirkliche und wundervolle „Weise von Zion“ waren. Li-r. Politik der Leistung Von Dr. Ignatz Schmerz Nicht minder wesentlich als die politischen sind die sachlichen Beschlüsse des Kongresses. Wenn sie auch, gemessen an der Zeit, die der Beratung der politischen Fragen gewidmet war, nur geringen Umfang einnehmen, so sind sie doch vor allem dazu berufen, der Arbeit in den nächsten Jahren die Richtung zu weisen. So wichtig die politischen Beschlüsse auch sind, so sehr sie das weitere Schicksal der Organisation und letzten Endes auch gewiß die praktische Arbeit zu beeinflußen geeignet sind, so sicher ist es, daß jede zionistische Politik heute Realpolitik sein muß, d. h. daß sie von gegebenen Tatsachen ausgehen und neue Tatsachen zu schaffen in die Lage versetzt werden muß. Das Um und Auf der zionistischen Politik heute ist: die in Palästina vorhandenen kolonisatorischen und wirtschaftlichen Stützpunkte zu erhalten und zu erweitern und möglichst viele neue derartige Stützpunkte zu schaffen. Das ist die einzige reale Politik, die wir heute verfolgen können; wir müssen uns an den Begriff einer zionistischen Wirtschaftspolitik gewöhnen, wir müssen einsehen lernen, daß die Resonanz unserer Forderung eine um so größere sein wird, je fundiertere und je zahlreichere Stützpunkte wir im palästinensischen Wirtschaftsleben aufzuweisen haben.

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