Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 37 (14.9.1923)
- Date
- 1923-09-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Echo # Nummer 37 14. September 1923 10. Jahrgang Der internationale Jude Wenn je eine Gestalt geeignet wäre, als Paradestück in einem Panoptikum zu fungieren, dann ist es sicher eine Verbildlichung des „internationalen Juden“, wie ihn alle antisemitischen Zeitungen ihren mit gesträubten Haaren aufhorchenden Lesern tagtäglich als existierend vorsetzen. So ein „Internationaler“, einer von' den bekannten dreihundert Drahtziehern, die die Welt zweifellos regieren, muß tatsächlich die wunderbarsten und interessantesten Eigenschaften besitzen, Qualitäten, die ihn zu einer Art Mittelding von Übermensch und Gespenst machen. Vor allen Dingen muß er ein hervorragender Talmudkenner sein, da er nicht nur die verborgensten Stellen, die unbekanntesten Sätze als Handwerkszeug seiner Tagesarbeit verwendet, sondern sogar Kenntnis von Aussprüchen des Talmud besitzt, die außer den hervorragenden Gelehrten, die in den Redaktionsstuben der verschiedenen antisemitischen Blätter sitzen, noch niemand je gelesen hat. Daß er ein raffinierter Politiker, ein enormes Finanzgenie ist, versteht sich von selbst, viel merkwürdiger ist dagegen schon, daß er die Gabe hat, sich unsichtbar zu machen. Denn trotz allen aufgewandten Eifers ist es bisher bedauerlicherweise noch niemandem gelungen, auch nur einen dieser „Weisen von Zion“ mit leibhaftigen Augen zu sehen, obwohl doch die begreiflichen Bemühungen, einen solchen Unhold aufzuspüren, recht erheblich genannt werden können. Wahrscheinlich hängt aber diese Zaubergabe der „obersten Dreihundert“ damit zusammen, daß sie täglich zum Frühstück an Stelle eines Brötchens mit Butter Ungesäuertes, Mazzos verzehren, die mit Christenblut bestrichen sind. * ■ Was sind die schönsten Zauberkunststücke Aladin’s in „Tausend und einer Nacht“ gegen die Leistungen jener „ungekrönten Könige“, wie man diese „Internationalen“ genannt hat, was ist ein armseliges Hexlein, das auf seinem Besenstiele zum Blocksberge reitet, gegen diese „Herren der Welt“, die ein Land nach dem anderen „aussaugen“, nur zu dem Zwecke, letztlich das jüdische Weltreich aufzurichten, in dem alle Sklaven und nur s i e unbeschränkte Herren sein werden? Was ist die tiefste Mitternacht des Mittelalters, so möchte man sich versucht fühlen, weiter zu fragen, gegen ein zwanzigstes Jahrhundert, das hunderte und tausende, nein, hunderttausende von Menschen, die Volks-, Mittel- und Hochschulen besucht haben, derartigen Aberwitz glauben läßt, das sonst ruhig und vernünftig denkende Leute zu Gespensterfurcht und Angstpsychosen erzogen hat? Geben wir uns keiner Täuschung hin! Es ist nicht wahr, daß alle diejenigen Leute, die heute von der Aufrichtung der jüdischen Weltherrschaft, von der jüdischen Internationale, reden oder schreiben, bewußte Betrüger sind. Selbst diejenigen unter ihnen, die, ohne ihnen zu nahe zu treten, unehrlich genannt werden müssen, sind letzten Endes betrogene Betrüger. Sie haben das Gespenst so lange, so deutlich und in so vielen Farben an die Wand gemalt, bis sie schließlich ganz genau so wie der kleine Junge, der vor dem Schlafengehen eine Gespenstergeschichte gelesen hat, das, was sie erdichtet und erfunden hatten, leibhaftig vor sich zu sehen vermeinen. Der große Haufen aber, die Menge der Urteils- und kritiklosen Nachbeter der jeweils herrschenden Meinung, die im Grunde ihres Wesens doch immer noch von irgendwelchen irrationalen Gefühlen eines durchaus echten und starken Aberglaubens beherrscht werden, sie alle sind durch die pseudowissenschaftliche Art der neueren und neuesten antisemitischen Geistesprodukte tatsächlich von der Wahrheit dessen überzeugt, was ihnen in mundgerechter Form und unter raffinierter Ausnutzung ihrer tragendsten Instinkte, des Nationalgefühls, der Religion, des Neides und in Ländern wie Deutschland der ohnmächtigen, gewiß durchaus berechtigten Wut des Besiegten Tag für Tag von Leuten, deren Autorität sie auch sonst anerkennen, von Lehrern, Offizieren und „Seelsorgern“ vorgesetzt wird. Der Jude, der ihnen schon immer unheimlich war, den sie stets als artfremd und wesensverschieden empfunden haben, er ist ihnen heute zu einer Popanz geworden, zu einem Gespenst, das nur genannt werden muß. um jene seelische Reaktion hervorzurufen, die die wirklichen Drahtzieher in jeder von ihnen gewünschten Weise bei einigermaßen geschicktem Vorgehen ausnutzen können. So leistet der Judenhaß heute den Anhängern der monarchischen Staatsform, den Antirepublikanern, Vorspanndienste, die in ihrer Wirksamkeit überhaupt nicht überschätzt werden können, so zwingt er Arbeiter, Proletarier, zum Kampfe gegen Arbeiter, gegen Proletarier, und für die Partei derer, deren offen zugegebenes Endziel absolute Autokratie, Diktatur, zum Zwecke der Stützung und Stärkung des bestehenden hochkapitalistischen Systems ist. Es gibt keine andere Erklärung für diese Widersinnigkeit, als die, daß es sich hier um pathologische Zustände, um einen krankhaften Vorgang handelt, der infolgedessen auch nur durch psychotherapeutische Maßnahmen, durch ärztliche Behandlung befriedigend aufgelöst, geheilt werden kann. Kein Wunder, daß der erste, der diese Zusammenhänge und ihre schwerwiegende Bedeutung für eine Bekämpfung des Antisemitismus durchschaute, ein Arzt war. In seiner bereits Im Jahre 1880, also vor der Begründung des modernen Zionismus durch Theodor Herzl erschienenen Schrift „Autoemanzipation“ hat der russische Arzt Leo Pinsker in geradezu genialer Weise eine Diagnose des Judenhasses gegeben, die darin gipfelt, daß er ihn als eine „hereditäre Psychose“ erkennt. Seit dem Bestehen des Golus leben, so führte er aus, die Juden in einer soziologischen Struktur, die sie allen Nichtjuden als etwas unheimliches, gespensterhaftes erscheinen lassen muß. Sie sind als Volk nicht tot, aber sie leben auch nicht. Überall gibt es Juden, aber nirgends einen Platz, der jüdisch ist, in dem Sinne, daß sich mit dem Anblicke eines Juden begriffsnotwendig das Bild einer seiner Art gemäßen jüdischen Heimat ergibt. Nicht einmal der Wille, eine solche Heimat wieder zu schaffen, ist da, während auf der anderen Seite auch nicht der negative Wille besteht, aufzugehen in der Masse der „Wirtsvölker“, unterzutauchen um niemals wieder zu erscheinen.