Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 36 (7.9.1923)
- Date
- 1923-09-07
- Page
- Seite 431 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Das Jüdische Echo 431 Die antisemitischen Hausagrarier Zu unserem Artikel unter obigem Titel in Nr. 31 unseres Blattes vom 3. August stellt uns Herr Felix Feuchtwanger einen Brief vom Vorsitzenden des Grund- und Hausbesitzervereins zur Verfügung, in dem es nach einer Begründung der verzögerten Erledigung heißt: .Wie von mir stets und bei jeder Gelegenheit betont, steht der Grund- und Hausbesitzer- Verein München auf einer rein wirtschaftlichen Grundlage und hat sich bisher von jedem politischen und konfessionellen Einschlag freigehalten. Diesen Grundsatz unbedingt aufrechtzuerhalten, wird, wie bisher, auch künftighin mein und des Gesamtausschusses ausdrückliches Bestreben sein, und sollten daher die von Ihnen in Ihrem Artikel angeführten Redewendungen in der am 6. stattgehabten Bezirksversammlung wirklich in dem Sinne gefallen sein, so bedauere ich dies lebhaft und habe bereits gegen Wiederholungen Vorsorge getroffen. Ich denke, daß mit dieser meiner unzweideutigen Erklärung, die dadurch entstandene Mißstimmung endgültig beseitigt ist und Ihnen ein weiterer Verbleib im Verein auch künftig ermöglicht sein wird. Ich darf deshalb Sie auch ersuchen, einen in Ihrem Artikel enthaltenen, den Kampffonds betreffenden, auf irrtümlicher Auffassung beruhenden Satz im gleichen Blatt gelegentlich richtig zu stellen.“ Aus der Jüdischen Weift Die „Kenessija“ der Agudas Jisroel In Wien hat im August ein Kongreß der Aguda stattgefunden. Nach den Berichten der eigenen Presse hatte die Versammlung einen stark demonstrativen Charakter. Eine große Halle, Einladung des ganzen diplomatischen Korps zur Eröffnung, eine Unzahl Begrüßungsansprachen, Heranziehung berühmter Namen der Orthodoxie (des greisen Chofez Chajim u. a.) verliehen der Tagung ihr besonderes Gepräge. Allerdings sind dabei die schlimmsten Mißgriffe unterlaufen, indem antisemitische Behörden Österreichs, die ungarische Gesandtschaft in Wien usw. in einer Weise eingeladen wurden, die beschämend würdelos und außerdem politisch schädlich war. Dem Bestreben, der Tagung ein politisches Gewicht zu geben, das sie nicht hatte, fiel offenbar jeder vernünftige Maßstab zum Opfer. Die sachliche Bedeutung des Kongresses ist allerdings sehr gering. Wenn von den Berichten über die Waisenpflege und Fürsorge für Jeschiwot abgesehen wird, so ist von praktisch geleisteter Arbeit nur sehr wenig zu berichten, ebenso fehlt es vollständig an bestimmten Arbeitsplänen für die Zukunft. Wenn die Mitteilungen über die für Palästina gezeichneten Gelder zutreffen und mit dem Eingang dieser Gelder zu rechnen ist, so ließe sich zweifellos bei gutem Willen vieles im Lande schaffen, soweit die bisher von den anderen Organisationen dort geleisteten Vorarbeiten und Studienergebnisse berücksichtigt werden. Wie weit indessen ein solcher Wille besteht, kann erst die Folge lehren. Denn in sehr starkem Umfange machte sich auch auf dieser Tagung wieder das Bestreben zur Isolierung geltend. Die Debatte über ein Zusammenarbeiten z. B. mit dem Misrachi bewies, von geringen Ausnahmen abgesehen, einen vollkommenen Mangel an Verständnis für die bestehenden Möglichkeiten und Notwendigkeiten. Herr Rabbiner Dr. Unna-Mannheim, der für eine Verständigung auf breiter Basis eintrat und die Intoleranz in den Reihen der Aguda tadelte, blieb ziemlich isoliert, wenn auch der Vorsitzende, Jacob Rosenheim, die verhetzenden Zwischenrufe einzelner Heißsporne immer zurückwies. Von den nach außen gerichteten Demonstrationen abgesehen — Appel an den Völkerbund, Protest gegen Religionsverfolgungen, gegen Schächtverbote u. dergl. — geben wir hier die wichtigeren wieder. Die Kenessio Gedaulo appelliert im Namen Gottes an den in der Brust der Menschen schlummernden göttlichen Funken, den Haß gegen das Judentum einzustellen. Sie protestiert gegen das historische Unrecht, das jüdische Volk als Vertreter des Radikalismus und Bolschewismus hinzustellen. Die Kenessio Gedaulo wendet sich an alle Regierungen und Völker mit der Bitte, in ihren Gesetzgebungen die Sabbatheiligung, die eine unumstößliche Notwendigkeit im Leben der orthor doxen Juden ist, nicht zu erschweren, und dort, wo es bereits der Fall ist, diese Erschwerung zurückzuziehen. Die Kenessio Gedaulo begrüßt den Präsidenten der Vereinigten Staaten in Amerika zur Übernahme des Amtes., und erhofft von ihm eine Milderung der Einwanderungsgesetze. Die Kenessio Gedaulo bittet Staaten und Völker, der antisemitischen Propaganda gegen die Schechita keine Folge zu geben und etwa bereits erlassene Verbote wieder aufzuheben. Weiters wurde ein Protest gegen die Verfolgung des jüdischen Glaubens in Sowjetrußland beschlossen. In der Frage der jüdischen Gemeinden wird erklärt: Die Bildung rein weltlicher Gemeinden (sog. Volksgemeinden) steht im Widerspruch mit der tausendjährigen Tradition des Judentums. Daher wird der Aufbau der jüdischen Gemeinschaft auf der breiten Grundlage des Thoragesetzes gefordert. In der Frage der Jewish Agency bestätigt und erneuert der Kongreß seine am 8. Teweth ln Breslau gefaßten Beschlüsse (das heißt Ablehnung, solange die Zionistische Organisation ihre Position als Jewish Agency behaupte, in welcher die Agudah paritätisch vertreten sein will. D. Red.) Schließlich wurde die Gründung einer Organisation: Jüdisches Hilfswerk der Agudas Jisroei begrüßt, welches den Zweck haben soll, alle sozialen Institutionen, die auf religiöser Grundlage stehen, zusammenzufassen, Waisenhäuser, orthodoxe Lehrwerkstätten, Institute für Säuglings¬ und Altersversorgung, Büros für Rechtsschutz und Berufsberatung und ähnliche Institutionen zu gründen. Der Fonds für Erziehungsfürsorge soll Keren Jawne, der Palästinafonds Keren Erez Israel heißen. In der Schlußsitzung wurden nicht weniger als 15 Abschiedsansprachen gehalten — es waren 80 Abschiedsredner gemeldet. Wie mitgeteilt wurde, haben die gesammelten Spenden für die verschiedenen Fonds ungefähr 30 000 Pfund erreicht. Unter anderen hat der Rabbi von Czortkow für den Erziehungsfonds 50 Millionen Kronen, der Rabbi von Gora 100 Millionen polnische Mark gespendet. Zum Schlüsse wurden von der Versammlung Freudengesänge angestimmt. Die Wahlen in den Geschäftsausschuß und den Zentralrat waren mit Akklamation vorgenommen worden. Der Kongreß selbst soll nur alle fünf Jahre zusammentreten und verliert damit ohnehin eine konstitutionelle Bedeutung. Für die Zwischenzeit sind die entsprechenden Gremien gewählt worden, die die Geschäfte der Gesamtorganisation führen sollen. Wenn nach diesem Kongreß die Aguda aus dem Stadium theoretischer Erörterungen in das Gebiet praktischer Arbeit überleitet, so wird sich zunächst zu zeigen haben, wie weit es der Organi-