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Das jüdische Echo · 1923-09-07 · 36 (7.9.1923) · p. Seite 430

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
36 (7.9.1923)
Date
1923-09-07
Page
Seite 430 (sequence 6)
Language
German
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430 Dis Jüdische Echo Nr. 36 gedeckt hat; die jüdische Immigration ist geringer geworden; das Okkupationsheer zählt jetzt nur wenige tausend Mann; seit langer Zeit ist der Aufschwung des Welthandels verschwunden und hat nichts hinterlassen, als einen ziemlich bitteren Nachgeschmack. Und alles, was geblieben ist, ist eine in vielen Beziehungen unvergleichlich bessere Administration, als es das türkische Regime war. Wenn nun auch eine gute Administration sehr notwendig ist für einen wirtschaftlichen Aufschwung, so kann sie ihn doch nicht selbst herbeiführen. Die jüdische Bevölkerung, die durch ihre Erfolge in den ersten fünf Jahren nach dem Kriege ermutigt worden war und durch das Hereinströmen mehrerer Zehntausende in die Städte sich vor eine ernste Wohnungskrise gestellt sah, begann mit einem Übermaß von Häuserbauen. Die Vorbedingungen für einen sicheren langfristigen Hypothekarkredit sind aber erst vor kurzem geschaffen worden, und die Unmöglichkeit lag klar auf der Hand, einen derartigen Kredit in so kurzer Zeit zu organisieren und das nötige Kapital aus dem Auslande hereinzuschaffen in einer Zeit ziemlicher politischer Unsicherheit im nahen Osten und der finanziellen Krise in Europa und Amerika. Die Folge davon war, ‘daß Palästina bauen mußte und zwar in einem nie dagewesenen Maße, aber meistens über seine Mittel hinaus. So gesund auch dieses System von verschiedenen Gesichtspunkten aus war, so hatte es die natürliche, aber höchst unangenehme Folge, daß große Geldmengen davon absorbiert wurden, die für Handel und Industrie notwendig waren, so daß eine sehr fühlbare Geldknappheit entstand, die den Notschrei von einer Krise in Palästina auslöste. Hinzu kam, daß die Ernte im vergangenen Jahr schlecht war, daß die Orangenpflanzungen sich nur allmählich erholen nach den unheilvollen Folgen einer fünfjährigen Vernachlässigung, daß Mandeln und Wein unter Konkurrenz und Zöllen leiden — und es ist zu verstehen, daß die Lage weit davon entfernt ist, eine leichte zu sein. Wenn ich dies alles sage, so ist dies vielleicht keine gute Propaganda, aber es ist die Wahrheit, und es ist vielleicht das beste, die Wahrheit wissen zu lassen so wie sie ist, ohne Übertreibung nach irgend einer Richtung. Die Zeiten sind zwar schlecht, aber eine finanzielle oder eine kommerzielle oder industrielle „Krise“ gibt es nicht. Nicht ein Bankrott ist gemacht worden, und im großen und ganzen hat der Handel keine Verluste erlitten. Ein wirklicher Wohlstand kann indes nicht wiederkommen, wenn nicht die Faktoren, auf denen er basiert, wieder da sind. Diese Faktoren brauchen nicht unbedingt dieselben zu sein wie im Jahre 1919. Wir brauchen nicht Palästina wieder von Grund auf Waren zuzuführen, und wir brauchen auch nicht den Bedürfnissen einer Okkupationsarmee zu entsprechen, um Handel und Industrie zur Blüte zu bringen. Andererseits dürfen wir aber auch nicht eine Blütezeit mitten in dem allgemeinen Weltruin erwarten; wir müssen darum hoffen, daß Europa sobald wie möglich wieder zu sich kommt und sich wieder auf eine stabile Wirtschaftspolitik stützt. Vor allem können wir aber auch nicht erwarten, daß Handel und Industrie aufblühen, wenn das Land als Ganzes nicht aufblüht. Nun aber ist Palästina mit Leben und Tod an die jüdische Immigration gebunden. Kein unparteiischer Beobachter kann diese fundamentale Tatsache ableugnen. Die durch die Bautätigkeit und andere Übergangserscheinungen verursachte Geldknappheit wird vorübergehen. Aber eine wirkliche Entwicklung von Handel una™!™! "*auu nur uann vor sich gehen, wenn die Immigration wieder zunimmt. Die Immigration muß auf verschiedene Art unterstützt werden. So sehr es auch erwünscht ist, daß die Immigranten sich in den Städten niederlassen, so ist es klar, daß für eine jüdische Siedelung in Palästina keine Hoffnung besteht, wenn nicht ein sehr großer Teil der Immigranten sich auf dem Lande ansiedelt. In der ganzen Welt hängt die Stadt vom Lande ab. Natürlich verlangt eine Ansiedelung auf dem Lande gute finanzielle Vorbereitung und Unterstützung, die auf gewöhnlichem Geschäftswege nicht erreicht werden kann. Ohne einen Kolonisationsfonds wie den Keren Hajessod gibt es keine Möglichkeit, eine Siedelung auf dem Lande in großem Maße zu organisieren, und ohne diese ländliche Ansiedelung wird jede Stadtansiedelung und damit jeglicher Handel und Industrie in der Luft hängen. In noch direkterer Weise werden auch Handel und Industrie lange noch vom Keren Hajessod abhängig sein, denn sie brauchen Kredite in verschiedenen Formen. Sie brauchen den gewöhnlichen Handelskredit, der ihnen zurzeit von den Banken des Landes, vor allem von der Anglo- Palestine Co. gegeben wird; und außerdem brauchen sie noch, wenn nicht für sich, so doch für ihre Kunden, langfristige Hypothekarkredite, die ihnen die General Lortgage Bank of Palestine gewährt. Gegenwärtig wird jedes Handelsunternehmen nach Kräften von der Anglo Palestine Co. unterstützt, und wenn diese Bank einmal in einem Einzelfalle dem Kreditsuchenden keine zufriedenstellende Unterstützung gewährt, so wird er, wenn er dessen würdig genug ist, bei irgend einer anderen Bank des Landes Kredit finden. Wenn aber mit dem Wachsen der Bevölkerungszahl und ihrer Tätigkeiten das Ausmaß des Handels steigt, so wird dementsprechend die Nachfrage nach Kredit auch steigen und natürlich werden auch die Mittel der Anglo Palestine Co. vergrößert werden müssen. Dies bezieht sich in noch höherem Maße auf die Industrie. Industrielle Entwicklung in einem neuen Lande ist ein so schwieriges Problem, daß man nicht die einzelnen Schwierigkeiten anzuführen braucht. Man darf auf keinen Fall annehmen, daß sämtliche industriellen Unternehmungen, die ins Leben gerufen worden sind oder werden, Erfolg haben werden. Fehlschläge müssen nicht nur Vorkommen, sie werden auch sehr häufig sein. Diejenigen, die dadurch den Mut verlieren, verstehen das Problem nicht. Die Tatsache besteht, daß diejenigen, deren Aufgabe es ist, die Industrie zu finanzieren, von ihnen Rechenschaft fordern müssen. Ein großer Teil der Fehlschläge ist auf ungenügendes Kapital zurückzuführen; ein Teil des nötigen Kapitals kann in Kreditform beschafft werden entweder durch gewöhnlichen Bankkredit oder eine besondere Art von speziellen Industrie- Syndikaten oder -Fonds. Ein Teil der Mittel und zwar der größere, muß in Form von Arbeitskapital beschafft werden; auch hier muß die Anglo Palestine Co. einspringen, obwohl man natürlich nicht erwarten darf, daß sie, wenn sie vorsichtig sein soll, die gesamte Industrie versorgt. Die Kredite, die sie nach einem gesunden Bankprinzip gewähren kann, werden aber, sobald die Industrie sich entwickelt, beträchtliche neue Kapitalien verlangen. Es wird somit in hohem Maße Aufgabe des Keren Hajessod sein, das Kapital unserer Finanzinstitute zu vermehren, damit sie in der Lage sind, den berechtigten Nachfragen nach Kredit nachzukommen. (Ziko.)

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