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Das jüdische Echo · 1923-09-07 · 36 (7.9.1923) · p. Seite 428

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
36 (7.9.1923)
Date
1923-09-07
Page
Seite 428 (sequence 4)
Language
German
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428 Dt§ Jfldtsche Echo Nr. 36 Die Ergebnisse des Kongresses Der Plan Weizmanns, durch Heranziehung einer Anzahl prominenter Nichtzionisten die im Mandatsvertrag als Vertretung des jüdischen Volkes vorgesehene Jewish agency, die bisher allein von der zionistischen Organisation gebildet wurde, zu erweitern, basiert auf der Erkenntnis, daß der wesentlichste Faktor, mit dem eine verantwortungsbewußte jüdisch-nationale Politik rechnen muß, die Zeit ist. Weizmann ist davon überzeugt, daß die Palästinasache, wie die Umstände heute nun einmal liegen, von uns nicht dilatorisch behandelt werden darf, wenn wir nicht unermeßlichen Schaden erleiden wollen. Eine Million Pfund sind heute ihm mehr wert, als fünf Millionen, von denen er vielleicht als sicher annehmen darf, daß er sie in 5 Jahren bekommen wird. Nach der von ihm gegebenen Beurteilung der politischen und wirtschaftlichen Position vermag eine Stockung der Geldzuflüsse im gegenwärtigen Moment Folgen herbeizuführen, die sich in ihrer Tragweite absolut nicht übersehen lassen. Wir brauchen aber außer diesen unentbehrlichen Geldern noch etwas anderes, etwas, das Weizmann „Rückendeckung“ genannt hat. Er versteht darunter nichts anderes als eine Stärkung oder doch zum mindesten die Verhinderung jeder Schwächung unserer politischen Position dadurch, daß Männer, die nicht nur bei den Juden, sondern ganz allgemein in der Welt höchstes Ansehen genießen, sich durch ihren Eintritt in die Jewish agency und durch die Übernahme der damit verbundenen Verantwortung vor den Augen der ganzen Welt, in voller Öffentlichkeit also, mit dem Palästinagedanken identifizieren. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß ein Lord Rothschild in London, ein Louis Marshall in Amerika, große Möglichkeiten haben, außerordentliche Autorität genießen, und bei Verhandlungen irgendwelcher Art durch den Nimbus ihres Namens oft mühelos Erfolge erzielen können, die vielleicht ebenso fähigen Männern trotz größter Energieaufwendung nicht zuteil werden würden, weil ihnen eben der Name, der nicht immer „Schall und Rauch“ ist, fehlt. Auch hier wäre es gar nicht unmöglich, daß man ohne Aufgabe irgendwelcher Vorrechte der zionistischen Organisation in zäher, unermüdlicher Arbeit im Laufe einiger Jahre auf der Basis eines Weltkongresses durch allgemeine jüdische Volkswahlen den größten Teil der wichtigsten Männer für die Jewish agency hätte gewinnen können. Aber in dieser Frage gilt eben ganz genau so wie bei dem Problem der Geldbeschaffung nach der Ansicht Weizmanns der Zeitgewinn alles. Wir . müssen eine „Rücken- Ae uhaus ers/r. /5, gegenüber der alten Akademie deckung“ eben unverzüglich schaffen, selbst auf die Gefahr hin, daß sie nicht ganz so solid ausfällt, wie wir sie bei längerer Arbeitszeit zu bauen imstande wären, denn — der Gegner, mag er nun heißen wie «r will, auch er wird mit der Zeit stärker werden und vielleicht dann, wenn wir glauben gerüstet zu sein, uns an Kampfstärke übertreffen. Dies etwa war die Begründung, mit der der Präsident der zionistischen Organisation vom Kongresse weitgehende Vollmachten für seine Verhandlungen mit den „N o t a b e 1 n“ forderte. Und zu dieser Auffassung bekannte sich der größte Teil der Delegierten, die ohne in einer zionistischen Partei festgelegt zu sein, sich „landsmannschaftlich“, d. h. also nach den Ländern, von denen sie delegiert waren, zusammengeschlossen hatten. Nur in Polen bestand unter Führung des Delegierten Grünbaum eine starke Oppositionsgruppe innerhalb der Landsmannschaft, die sich auf dem Kongreß zu der „Demokratischen Fraktion“ zusammengeschlossen hatte. Mit ihr stimmten in vielen Punkten die Delegierten der verschiedenen Föderationen überein, sodaß die „Regierungstreuen“ mit einer starken und leidenschaftlich kämpfenden Gegnerschaft zu rechnen hatte. Der inoffizielle Führer der Opposition war zudem ein Mann, der sich um die zionistische Bewegung unendlich verdient gemacht hat, der ein langjähriges Mitglied der Exekutive in Palästina und einer der hervorragendsten Kenner der Verhältnisse ist und der schon einmal — siegreich — Führer einer Opposition gegen keinen anderen als Herzl war, als es sich um die Annahme oder Ablehnung des Ugandaprojektes handelte, Ussischkin. Die Argumente der Gegner des von Weizmann aufgestellten Planes sind bekannt und können hier nur schlagwortartig zusammengestellt werden. Die Bildung einer erweiterten agency in der vorgeschlagenen Form wurde als undemokratisch, weil nicht über allgemeine Wahlen gehend, bezeichnet, zudem sei die ganze Sache von Anfang an aussichtslos, da gerade die Leute, auf die es ankomme, niemals mitmachen würden, schließlich würde eine Annahme der Weizmannschen Forderungen eine enorme Schwächung der zionistischen Organisation bedeuten, da sie einen derartigen Verlust an Souveränität nicht zu ertragen imstande sei. Arbeitsunlust und Mangel an Verantwortungsgefühl würde die unmittelbare Folge sein und so werde gerade das Gegenteil von dem erzielt, was man eigentlich haben wolle, wir hätten uns wichtiger Rechte selbst beraubt, ohne irgendwie belangreiche Vorteile dagegen einzutauschen. Diese schwierige Lage wurde dadurch noch gefährlicher, weil, wie es ja auch anders kaum möglich war, die proklamierten Programme untrennbar von den sie vertretenden Personen waren. Nicht nur: entweder Jewish agency oder Fortführung der bisherigen Politik, lautete die Parole, sondern auch: Hie Weizmann — hie Ussischkin. Unsagbar schmerzhaft für den in der Bewegung großgewordenen Zionisten, die beiden Männer als Gegner zu sehen, die so viele Jahre hindurch gemeinsam in unermüdlicher Arbeit das oft so gefährdete Schiff der zionistischen Organisation an allen Klippen vorüber mit glücklicher Hand gesteuert hatten. Weizmann ist Sieger geblieben. Der Kongreß hat mit großer Mehrheit sich zu ihm bekannt. Die Schaffung der erweiterten Jewish agency ist mit den nötigen Vollmachten in seine Hände gelegt worden. Ussischkin ist nicht mehr Mitglied der zionistischen Leitung, die Opposition des Kongresses ist in der Minderheit geblieben.

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