Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1923-09-07 · 36 (7.9.1923) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
36 (7.9.1923)
Date
1923-09-07
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103029-9148089--05833-9078520
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Echo Nummer 56_ 7. September 1923 10. Jahrgang Rosch-Haschanah 5684 Um dreierlei Dinge beten wir im Mussaph des Rosch-Haschanah-Festes, einmal darum, daß der Geist des Schöpfers alle Welt zu einem Bunde zusammenschlösse, zum zweiten, daß die Herrschaft frevlerischer Gewalt von der Erde weiche, und drittens um die Ehre unseres Volkes und seine Wiederherstellung in Zion. An dem Tage, an dem der religiöse Genius unseres Volkes das Walten des richtenden und wägenden Schicksals ahnend spürt, sind es immer wieder diese drei Gedankenkreise, in welchen sich die jüdische Seele bewegt, mit denen sie sich rückschauend und sehnsüchtig nach der Zukunft beschäftigt: mit der Kraft gebundener Religiosität, mit der Kraft des Friedens und der Kraft des Volkes. Alle neuen werdenden Bewegungen, die sich im Bereich des jüdischen Geistes vollzogen, ließen ihr Vorschreiten im Spiegel dieser Grundfragen erkennen und das Besinnen, zu dem uns eine Selbstprüfung und Geprüftheit vor dem Ewigen nötigt, soll sich ebenfalls an die Inhalte dieser drei Kreise anlehneft. Wir sprechen zunächst von der Kraft der religiösen Bindung. Unser Leben ist ja hineingestellt in eine ganze Kette von Abhängigkeiten, von denen wir uns auch dann nicht befreien, wenn wir ihrer gewahr werden. Wir sind es gewohnt, die Einordnung unserer Person in irgend ein Ganzes als Aufgabe oder unentrinnbare Notwendigkeit zu betrachten; wir geben uns gerne hin und haben oft das Gefühl des Bereichertwerdens, wenn wir die Summe unserer Fähigkeiten für ein gemeinsames, mit anderen Menschen geteiltes Ziel einsetzen. Nun hat es einmal eine Zeit gegeben, in welcher das Gefühl der Bindung und der Geborgenheit durch sie im Bezirk des Religiösen seine kühnste Formung fand. Alle religiösen Erschütterungen durchzogen die gleichen Tiefen, verlangten in gleichen Richtungen Ausdruck, das Geheimnis des Werdens und Welkens stieg bei einem wie dem anderen auf und nur in der Gemeinde glaubte der einzelne vor seinem Gotte bestehen zu können. Unsere jüdischen Gebete sind ehrfürchtige Zeugen solcher Volksgeschlossenheit im Angesicht der ewigen Dinge, Zeugen freilich, die uns mehr den Mangel unserer Tage empfinden lassen, als sie zu den gesuchten neuen Wegen führen können. Wir sind heute nicht mehr sicher, ob in der Seele dessen, der neben uns steht, die Religiosität in einer Weise wirkt, daß seine Sehnsucht und sein Flehen sich dem unseren zu dem allumspannenden und gemeinsamen, einheitlichen Beten gesellen kann, zu dem überpersönlichen. „Wir“, das im Schuldbekenntnis dem einzelnen die Sünden aller aufdrängt und in der Reinigung die Seelen aller gleichmäßig ergreift. Wir wissen nicht, ob unsere Kantena nur Andacht, Insichgekehrtsein oder auch noch in ihrem anderen Sinne bedeutungsvoll ist: in ihrem Sinne der Übereinstimmung, Gleichgerichtetheit. Religiöse Organisationen unserer Tage leiden im tiefsten wohl an diesem Mangel der Unausgeglichenheit der Einzelerlebnisse; für den Kern dessen, wozu sie geschaffen sind, ajsp für das Entscheidende, fehlt ihnen notwendigerweise das Gemeinsame, das zu binden vermag. Hier gibt es keine Heilung, die erklügelt werden kann, sondern nur ein Warten auf Erwecker, die wieder das Ursprüngliche, Gemeine aus dem Einzelnen emporzureißen vermögen. Propheten aber erwachsen uns, wie es die Bibel selbst erklärt, nur in Erez Israel. Darum ist die Volksehre mit dem Friedensgedanken unlöslich verknüpft, beide sind zugleich Ziel und lassen sich nur in ihrer Verflochtenheit verwirklichen. Das Friedensbild unserer Propheten hat bestimmte Voraussetzungen, es hat nichts gemein mit Mutlosigkeit, Leidenschaftslosigkeit, denen eben alle Dinge gleichgültig sind, um die es sich eben nicht zu streiten lohnt. Wir kennen alle die Sätze des Jesaia, wo er von den Zeiten spricht, da die Schwerter zu Pflugscharen und die Lanzen zu Rebmessern umgeschmiedet werden. Und wenn wir im Mussaph sprechen: Das Reich der Gewalt möge auf Erden enden, dann taucht unsere Zeit daneben auf mit ihrem sinnlosen Wüten entfesselter Machtgelüste und wir meinen das Geschehen nicht mehr zu verstehen und möchten an dem Gotte verzweifeln, der Frieden verkünden läßt und den dauernden Krieg in die Welt sendet. Aber, wie schon gesagt, unsere Propheten meinen den Frieden als Ziel und nicht als Zweck. Joel spricht in umgekehrter Weise davon, daß die Pflugscharen zu Schwertern und die Rebmesser zu Spießen umgeschmiedet werden, weil es gilt, den Kampf gegen das Unrecht und die Gewalttat zu führen. Wir sollen nicht um des Friedens willen dem Bösen die Herrschaft in der Welt lassen, sondern um des Friedens, willen gegen das Böse kämpfen. Und darum ist das Gebet um den Frieden der Propheten mit der Wiederherstellung des Volkes verbunden. Das Volk ist das Instrument des Kampfes und der Selbstbehauptung und solange das jüdische Volk Leiden und Verfolgungen ausgesetzt ist, hat es sich zu wehren und seinen Bestand zu sichern, gerade um seiner Bestimmung willen. Der Kampf um Zion, um unser Schicksal und den Sinn unseres Daseins als Angehörige der jetzigen jüdischen Generation, ist daher die Voraussetzung und der Anfang zu allen Fragen, die das Judentum zu lösen hat, nicht heute, sondern erst wenn der erste schwere Schritt, die Gesundung unseres Volkes in und durch Palästina getan ist. Der Zionismus des Augenblicks, dieses folgenden Jahres ist beschwert mit den Nöten und Erfordernissen des Augenblicks. Die realen Forderungen sind restlos zu erfüllen, bevor Fragen des neuen religiösen Geistes als dem einzigen und alleinigen nachgehangen werden kann. Die Bindungen, nach denen wir suchen, erwachsen erst aus einem befreiten Volk, nicht aus den Fesseln des Golus. Es sind dies keine neuen Erkenntnisse, aber sie sind oft hintangestellt worden und wir müssen sie am Anfang eines Jahres ins Licht rücken. Dann mag das Jahr auch ein gutes und glückliches werden. —m—.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.