Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 35 (31.8.1923)
- Date
- 1923-08-31
- Page
- Seite 418 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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418 Das Jüdische Echo Nr. 35 beiden Jahre der Keren Hajessodarbeit ist nach der Überzeugung aller Sachverständiger eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit dafür gegeben, daß bei intensiver Weiterarbeit in womöglich noch größerem Maßstabe als bisher die Eingänge der nächsten Jahre sich erheblich steigern werden, sodaß eine kontinuierliche Fortarbeit in Palästina nach menschlicher Voraussicht gesichert erscheint. Es ist bekannt, daß die Erfolge des Keren Hajessod ganz wesentlich auf die Tätigkeit des einzelnen Mannes, Weizmanns, zurückzuführen sind. Um so erstaunlicher ist es, festzutsellen, daß auch die ganze, schwere Last der politischen Arbeit auf seinen Schultern lag. Es ist auf dem Kongresse oft und deutlich genug — und nicht zuletzt von Weizmann selbst — betont worden, daß trotz der Ratifizierung des Mandates, die ebenfalls in die Berichtsperiode des Kongresses fiel, die politische Situation sich keineswegs günstig für die jüdische Sache gestaltet hat. Die panarabische Bewegung, die ungeahnte Dimensionen angenommen hat, die antisemitische Hetze in England, deren Wirkung auch nicht unterschätzt werden sollte, sind nicht ohne Einfluß auf die Haltung der englischen Regierung geblieben, wenn auch eine akute Gefahr nicht vorzuliegen scheint. Sämtliche Kabinette, die dem der Balfourdeklaration gefolgt sind, haben sich ausdrücklich auf den Boden dieser Erklärung gestellt und im allgemeinen trotz mancher beklagenswerten Einzelheiten, wie z. B. in der Frage der Einwanderung, eine entsprechende Politik durchgeführt. Von allen berufenen Kennern der politischen Lage wurde ausdrücklich festgestellt, daß diese Mißhelligkeiten viel weniger auf das Konto der englischen Regierung zu verbuchen seien, als auf das jüdische. Es mag genügen, hier auf den von Dr. Ruppin geprägten Satz zu verweisen, daß die Einwanderungsbeschränkungen dann gleich Spinnweben zu achten seien, wenn wir die erforderlichen Mittel aufzubringen in der Lage sind, daß sie aber im gegenteiligen Fall zu undurchbrechbaren, eisernen Barrieren werden können. Auch hier war jedenfalls festzustellen, daß die politische Haltung Weizmanns, der es vermied, in jedem Einzelfalle große Protestkundgebungen und Demonstrationen zu veranstalten und als Grundlage seiner Politik das unerschütterliche Vertrauen zu der Loyalität und Aufrichtigkeit der Mandatarregierung bezeichnete, die unter den obwaltenden Verhältnissen einzig entsprechende war. Gerade die Frage der von der Leitung betriebenen Politik ist aber auf der anderen Seite doch und wie man sagen muß, mit Recht — Gegenstand einer heftigen Kritik gewesen. Bekämpft wurde vor allen Dingen die Uneinheitlichkeit in müD&m Meuhdusers/r. 75, gegenüber der alten Jlkgcfemie eint* 'Jferrenfcbneidem <Srs/A/ Stoffe / wichtigsten Fragen, die verschiedene Male dazu führte, daß Exekutivmitglieder einander widersprechende Maßnahmen ergriffen, was natürlich auf die Außenwelt, wie auch in der Organisation selbst einen außerordentlich unerfreulichen Eindruck machte. Der vielbesprochene Austritt Jabotinskys aus der Exekutive, der Ende 1922 erfolgte, besserte diesen Zustand zwar in einigen Beziehungen, aber endgültige Abhilfe konnte auch dadurch, wie es scheint, nicht geschaffen werden. Eine Überspannung des demokratischen Prinzips, die darin besteht, daß man dem gewählten Führer auch noch eine Reihe vom Kongreß ernannter Mitarbeiter an die Hand gibt, ist also in der zionistischen Organisation nur mit einer Reihe von keineswegs leicht zu nehmenden Mißständen durchführbar. Die Leistungen in Palästina waren, wie sich aus dem Berichte der palästinensischen Exekutive und des „Jüdischen Nationalfonds“ ergibt, geradezu enorme, wenn man das geringe zur Verfügung stehende Budget, mit dem man zu wirtschaften gezwungen war, berücksichtigt. Ganz besonders erfolgreich hat der Keren Kajemeth gearbeitet, der nunmehr auf den stattlichen Besitz von 100000 Dunam Boden blicken kann, den er sich durch hervorragend durchgeführte Assanierungsarbeiten teilweise sozusagen aus dem Nichts geschaffen hat. Es ist sehr bedauerlich, daß dieser jüdische Volksfonds teilweise durch die Konkurrenz des Keren Hajessod, zum großen Teil aber auch infolge des Währungsverfalls in verschiedenen Ländern in seinen Einnahmen nicht unbeträchtlich zurückgegangen ist. Einen besonderen Lichtpunkt bildet die Schaffung der neuen Kolonien in Galiläa, Nuris und Nahalal, die ihrer ganzen Anlage nach und besonders unter Berücksichtigung des hervorragenden Menschenmaterials, das dort die Arbeit übernommen hat, sichere Gewähr dafür bieten, daß sie in absehbarer Zeit von jeder Zuschußleistung unabhängig sein werden. Die Zahl der Einwanderer belief sich in den beiden Berichtsjahren auf etwa 20 000, eine Zahl, die an sich zwar sehr gering ist, aber das Höchstmaß des unter den gegebenen Umständen Erreichbaren darstellt. Eine Kritik, die nicht gleichzeitig die Möglichkeiten aufzeigt, wie man die zur Stärkung der Aliah erforderlichen Gelder bekommen kann, wäre hier untunlich, wie auch der Kongreß wohl empfunden hat. da man sich stillschweigend mit der gegebenen Tatsache abgefunden hat. Wenn bei der Abstimmung über die Vertrauensfrage eine immerhin beträchtliche Anzahl von Stimmen sich einem Vertrauensvotum für die Exekutive nicht anschließen zu können glaubte, so liegt dies eigentlich mehr an Gründen, die parteipolitisch wohl sehr gewichtig, vom allgemein jüdischen Interesse gesehen, jedoch nicht allzu bedeutend erscheinen. Es waren hauptsächlich angebliche Verletzungen religiöser Gebräuche, die die zahlenmäßig stärkste Föderation, den Misrachi, dazu veranlassten, gegen Weizmann zu stimmen, während wieder eine sozialistische Föderation aus Gründen der „zunehmenden Klerikalisierung“ nicht glaubte das Absolutorium der Exekutive bewilligen zu können. So bleibt dem parteimäßig nicht festgelegten Beobachter der ungeschwächte Eindruck, daß die zionistische Exekutive unter Überwindung von Schwierigkeiten, die kaum besiegbar schienen, eine Arbeit geleistet hat, die das jüdische Volk seinem Ziele ein großes Stück näher gebracht hat. Die Position in Palästina ist heute fester denn je, der Sammelapparat in seinen unendlich vielen Kanälen, die alle bestimmt sind, dem Lande