Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 33 (17.8.1923)
- Date
- 1923-08-17
- Page
- Seite 398 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9072829-9103029-9148084--05801-9078486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
398 Das Jüdische Echo Nr. 33 stellen müssen, um Träger einer Produktion zu werden. Ein weiterer Grund ist der ungleichmäßige Zustand der einzelnen Teile der Bewegung, die sich ungleichmäßig entwickelt haben. Schon vor dem Krieg hat der Zionismus seinen ursprünglich kämpferischen Charakter teilweise verloren, weil er sich nicht mehr auf die Loslösung vom Galuth beschränken konnte, sondern mit der Realität Palästinas rechnen mußte. Die Entwicklung Palästinas verläuft heute schneller als die Organisation. Die besten unserer Kräfte gehen nach Palästina. Das führt zu 'Überalterungserscheinungen in der Zionistischen Organisation. Die Erweiterung ist notwendig, denn der Zionismus ist eine Bewegung unserer Tage. Wir sind das letzte Geschlecht, das sich zu solchen Kongressen zusammenfindet. Das Nebeneinander der Arbeit von Zionisten und Nichtzionisten ist möglich, wenn wir die Führenden bleiben, wenn wir uns neues Blut nicht durch das Mittel der Jewish Agency, sondern durch eine zentrale Propaganda zuführen, die die Menschen einer idealsten Weltbewegung zuführt, sie rettet und eint. Weizmanns Erfolge beruhen darauf, daß er seine Propaganda unter diesem Gesichtspunkt betreibt. Und es ist eine weitere Verfallserscheinung bei uns, daß wir es nicht mehr verstehen, Vertrauen zu unseren Führern zu haben. Wir gehen an die Erweiterung, weil wir an die wirkenden Kräfte der zionistischen Bewegung glauben. Dr. Margulies (Fraktion Zionistische Demokratie): Die Zionistische Organisation ist mit der Vertretung dieses Rechtes betraut worden und es ist klar, daß man eine solche Errungenschaft nicht denjenigen abgeben darf, die an sie nicht glauben können und wollen. Wir wollen in Palästina ein nationales Heim bauen, darum müssen wir prüfen, wem wir die Verantwortung übergeben, die man uns übertragen hat. Ist der jüdische Weltkongreß vorläufig noch nicht möglich, so sollen die Zionistischen Landesverbände Landeskongresse einberufen, in denen jedes Land entsprechend der Zahl seiner jüdischen Seelen Vertreter in den Rat neben der als Jewish Agency konstituierten Zionistischen Organisation als beratende Körperschaft fungieren und, wenn er vollkommen geworden ist, sollte das Zionistische Aktionskomitee mit ihm zusammen den definitiven Rat bilden und ein ausführendes Organ schaffen, das diesem Rat verantwortlich sein wird. Bis dahin aber bleibt die Zionistische Organisation Trägerin aller Rechte und Pflichten der Jewish Agency. Redner überreicht namens der demokratischen Fraktion eine im Sinne dieser Ausführungen gehaltene Resolution. Die Sonntag-Sitzung. Minister Rosenbaum (Litauen), jüdisch: Es ist über die Frage der Erweiterung der Jewish Agency schon sehr viel gesprochen worden. Vielleicht wird aber doch das, was ich dazu sagen will, noch von einiger Bedeutung sein. Herr Dr. Margulies hat hier eine juristische Darlegung der Frage gegeben. Ich halte sie für absolut falsch. Es gehört ein großer Mut oder eine große Naivität dazu (bei Herrn Dr. Margulies setze ich das erstere voraus), um zu behaupten, daß wir durch die Rechte, die wir bekommen haben, ein internationales, ein völkerrechtliches Subjekt geworden sind. Herr Dr. Margulies muß ja wissen, daß Rechtssubjekte im Völkerrecht nicht Völker, sondern Staaten sind. Man muß über die Fragen ruhig und sachlich und ernst sprechen. Man hat hier drei Fragen zusammengezogen: Die Frage der Kooperation mit anderen Organisationen, die Frage des Weltkongresses und die Personalfrage. Diese Fragen müßten geteilt werden. Auf die persönliche Frage will ich hier nicht eingehen. In bezug auf den Weltkongreß stehe ich ganz auf dem Boden des Referenten. Warum konnte der Weltkongreß nicht Zustandekommen? Dr. Solowejtschik meint: 1. weil die Exekutive nicht genug Begeisterung hatte und 2. W£il unser Geschlecht dazu nicht fähig ist. Was die zweite Antwort betrifft, gehört sie in das Gebiet der Mystik und ich will darüber nicht sprechen. Was die erste Antwort betrifft, so liegt da ein Irrtum vor. Die Exekutive teilt bekanntlich ihre Arbeiten. Die Frage des Weltkongresses hat sie Herrn Dr. Solowejtschik übergeben, der, wie Sie gehört haben, genug Begeisterung für die Sache hat.. Es liegt ein viel wichtigerer Grund für das Nichtzustandekommen des Weltkongresses vor. Der Weltkongreß wird nicht Zustandekommen, solange er von der Zionistischen Organisation einberufen werden wird. Eine ganze Reihe von Organisationen hat alte Rechnungen mit unserer Organisation, die Ica, die Agudath Jisroel. Der Weltkongreß kann nicht von unserer Organisation allein einberufen werden, sondern nur von einer Gesamtheit von Organisationen. Darum muß, wer für einen Weltkongreß ist, vorher für eine Kooperation mit anderen Organisationen stimmen. Der Weltkongreß muß aber auf wirklich demokratischen Grundlage in gleicher Weise für die Juden der ganzen Welt einberufen werden. Nun komme ich zur Frage der Kooperation mit anderen Organisationen. Man hat hier den Art. 4 nicht zu Ende gelesen. Aus dem ganzen Paragraphen geht aber hervor: 1. daß die Vertretung^ der Judenheit nicht die Zionistische Organisation ist, denn die beiden Sachen werden ja einander entgegengestellt, und 2. daß man daran gedacht hat, daß nicht die Zionistische Organisation. die Jewish Agency sein soll, sondern eine wirkliche Vertretung der ganzen Judenheit. Da wir dieses Mandat angenommen haben, so ist es unsere moralische und juristische Pflicht, eine solche wirkliche Vertretung der Judenheit zu schaffen. Es wird dagegen gesagt: 1. es ist uns keine Frist gegeben, 2. seitens der englischen Regierung ist keine Forderung gestellt worden. Zu Punkt 1 muß ich sagen, daß dies eine Winkeladvokatenjurisprudenz ist. Im internationalen Recht, wo es oft auf die bona fide ankommt, kann man nicht, so argumentieren. In dem Moment, wo es klar wird, daß eine große Gruppe prinzipiell gegen eine solche Vergrößerung ist, heißt es, wir haben das Mandat verletzt und man muß mit den Folgen rechnen. Was den zweiten Punkt betrifft, so wäre es sehr traurig, wenn es so weit wäre, daß die englische Regierung mahnen würde. Man mahnt, wo das Recht bereits verletzt ist. Wir können Palästina nicht allein aufbauen; ich will da einmal von den Schwierigkeiten der letzten Zeit sprechen. Aber wenn wir nur im selben Tempo kolonisieren wollten wie bisher, so brauchten wir 60 Jahre, um eine hinreichende Majorität zu schaffen. Man sagt, wir können warten. Ja wenn wir warten könnten, so wäre es mir noch lieber, gleich Anhänger der messianischen Idee im politischen Sinne zu sein. Die Vorstellung, daß wir warten können, ist eine Negierung der zionistischen Idee, denn die bestand in der Ansicht, daß man nicht warten kann. Wenn man sagt, ja woher wissen wir, daß die andern uns diese Möglichkeiten schaffen werden, so antworte ich, wir haben die Pflicht, es zu versuchen. Und kommen die anderen nicht, nun dann war ja die ganze Frage theoretisch und der ganze Streit umsonst.