Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 32 (10.8.1923)
- Date
- 1923-08-10
- Page
- Seite 385 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 Das Jüdische Echo 385 Um die Jewish Hgency Das Hauptproblem, das den 13. Kongreß beschäftigt, ist die Frage der Ausgestaltung der Jewish Agency, also des im Volkerbundsinandat vorgesehenen jüdischen Organs, welches der englischen Verwaltung zur Erreichung des Mandatszweckes, Palästina zur nationaljüdischen Heimstätte zu entwickeln, behilflich sein wird. Ohne Zweifel ist jede Möglichkeit wahrzunehmen, die geeignet ist, die gesamten für den Palästinaaufbau interessierten Kräfte des jüdischen Volkes heranzuziehen und fruchtbar zu machen. Uber diese Notwendigkeit besteht wohl in der ganzen Organisation und auf dem ganzen Kongresse keine Meinungsverschiedenheit, dagegen gehen die Meinungen über die Zweckmäßigkeit oder Zulässigkeit der Übertragung des wesentlichsten Einflusses auf die jüdische Entwicklung in Palästina an eine keiner öffentlichen Instanz verantwortlichen Körperschaft, wie es eine Jewish Agency, die durch Privatpersonen ergänzt würde, sein müßte, weit auseinander. Man hat jetzt schon den Eindruck, daß ein ganz großer Teil der Delegierten die Teilnahme von unverantwortlichen Einzelpersonen in die Jewish Agency ablehnen wird, und daß der Kongreß, um in dieser Frage überhaupt zu geeigneten Beschlüssen zu gelangen, eine Form finden müsse, welche sowohl einen überwiegenden zionistischen Einfluß in der künftigen (bisher von der zionistischen Organisation allein gebildeten) Jewish Agency als auch eine klare Verantwortlichkeit der Jewish Agency gegenüber einem öffentlichen jüdischen Forum sicherstellt. Sehr viele Gegner einer aller Öffentlichen Verantwortung entbehrenden Jewish Agency denken wohl mit uns an die bitteren Erfahrungen, die wir Zionisten bei der Gründung des Technikums in Haifa mit dem Hilfsverein dfcr deutschen Juden machen mußten; die Dinge, die’ sich damals ereigneten, waren nur möglich, weil wir uns allzu willig jedes entscheidenden Einflusses begaben, während anderseits die Finanzierung größtenteils durch unsere Mitwirkung erfolgt ist. Es wird mit Recht befürchtet, daß solche Dinge sich wiederholen können, und daß es besser ist, schlimmstenfalls auch weiterhin die Jewish Agency allein zu* bilden und auch weiterhin im wesentlichen aus eigener Kraft die Entwicklung zu tragen, als daß wir uns und das Land künftigen Konflikten aussetzen, die das Aufbauwerk schwer gefährden müßten. Es haben an den Tagen vor Kongreßbeginn und den ersten Kongreßtagen Verhandlungen stattgefunden, welche eine geeignete Abwicklung dieser Angelegenheit auf dem Kongreß vorbereiten sollen und es besteht die Hoffnung, daß eine Lösung gefunden wird, die Weizmann genügend Möglichkeiten gibt, neue Kräfte für die Jewish Agency heranzuziehen, ohne die unerläßliche Sicherheit für die stetige Entwicklung Palästinas zu gefährden. R. Huftakt Karlsbad, vor Kongreßbeginn. Mein erster Eindruck war das Nachtbild dieser berühmten Stadt, die ich zum ersten Male sehe. Mächtige, schweigende Häuser, auf den Hügeln zu beiden Seiten eines Flußbettes hinaufstrebend. Immer höher. Trotz herrlich klarem Vollmond kann das Auge die letzten Dächer nicht erreichen. Es geht ins Ungewisse. Schwarze, rauschende Wälder hüllen die Häuser ringsum ein. Ein scharfer würziger Luftstrom weht von dort oben durch die blendend beleuchtete Hauptzeile der Stadt. Unendliche Wandelgänge, jetzt menschenleer. Eine Säule W.asserdampf, weiß aufqualmend im Mondlicht Überwältigend diese Silhouette der ragenden Stufenstadt, die tausende Erkrankte hegt und heilt: das ernste Bild der Verantwortung — und Ohnmacht. * Der Stimmung dieses ersten nächtlichen Rundganges durch Karlsbad entsprechen die Rüsttage des 13. Zionistenkongresses. „Aufmachung“, Plakatwirkung, Festgepräge mit flatterenden Fahnen und Knopflochabzeichen, Massenzuwanderung von Vereinen, Turnern, Sportlern — diese Merkmale manchen früheren Zionistenkongresses, sind diesmal zu vermissen. Die Zeiten der Demonstrationen und Deklarationen sind vorüber. Ungeheure Verantwortung lastet auf allen, die hierher kamen — und Ohnmacht gegenüber der Wucht der Probleme, die in ihrer Gesamtheit kaum lösbar sind. In den Kundgebungen der Führer, in den Denkschriften und Programmen der verschiedensten Gruppen, in den Verhandlungen der schon jetzt fieberhaft arbeitenden Vorkonferenzen kommt diese ernste verantwortungsvolle Grundstimmung zum Ausdruck. Ob nun Präsident Weizmann in seiner denkwürdigen Rede auf dem amerikanischen Zionistentag zu Baltimore warnend ausrief, am Hunger der Chaluzim, am Schneckengang des Aufbaues könne das Mandat scheitern, die Last der Sorge um Erez Israel müsse schleunigst mit den nichtzionistischen Palästina-Freunden geteilt werden — oder ob seine Kritiker besorgen, durch Entnationalisierung des Werkes, durch Ummünzung der nationalen Tat in ein „Unternehmen“ werde alles Errungene leichtsinnig preisgegeben (eine Sorge, für die insbesondere der offene Brief des Abg. Grünbaum an Weizmann leidenschaftlichen Ausdruck fand); ob nun Ussischkin auf der eben tagenden Nationalfondsberatung fordert, dieser Fonds müsse mit größter Beschleunigung Boden, Boden, Boden kaufen, es sei nicht Zeit, zu warten, bis die englische Regierung Land hergebe, kein Pfund dürfe die Bodenbearbeitung, sondern jedes müsse für Bodenerwerb augenblicklich verwendet werden — oder ob die Kulturkämpfer mit Mossinsohn an der Spitze die größte Gefahr darin erblicken, daß man die Hand abziehe von jüdischer Erziehung, dem hebräischen Schulwerk Palästinas, und damit den neuen Iischub untergrabe, — in allen diesen Kundgebungen erkennt man das brennende Gefühl der potenzierten Verantwortung und — Ohnmacht. Bei zähester Anstrengung, bei vollster Einstimmigkeit der Meinungen kann ja doch nur ein Bruchteil dessen erlangt werden, was erlangt sein müßte. Schon heute erlangt sein müßte, sollte Erez Israel so gedeihen, und die Lösung der Judenfrage so fördern, wie es die Schöpfer des politischen Zionismus gedacht haben, und wie es dem Sinne des Mandats entspricht. Ja, — damals, als man in den östlichen Straßen die kleinen Fähnchen von Menschen in ihre Synagogen gehen sah, die Thora zu holen, diese kleinen Bruderschaften, die sich dann zu gewaltigen Zügen zusammenschlossen, und zu den Friedhöfen zogen, um den Toten zu sagen, die Erlösung ist gekommen, die Balfour-Deklaration hat die Geulah gebracht, — ja, wenn dieser Stimmung, dieser großen pathetischen Geste der Opfermut der Judenheit entsprochen hätte, dann wäre Palästina heute schon so weit, wie es der Größe und Bedeutung des zionistischen Werkes entspräche. Aber der jüdische Opfermut, auch der sogenannten nationaljüdischen Massen, verhielt sich zu jener denkwürdigen, von niemand vorbereiteten Demonstration in der Gasse, wie sich leider das