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Das jüdische Echo · 1923-08-03 · 31 (3.8.1923) · p. Seite 370

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
31 (3.8.1923)
Date
1923-08-03
Page
Seite 370 (sequence 4)
Language
German
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370 Das Jüdische Echo Nr. 31 er, das kann ohne jede Überheblichkeit gesagt werden, beispiellos in der modernen Geschichte ist. Was bedeuten die Schrecken des Schlachtfeldes gegen die Leistungen der Männer, die nicht gegen Menschen, die gegen Verhältniss kämpfen, die stärker zu sein pflegen als menschliche Kraft? Was ist selbst ein dreißigjähriger Krieg gegen den lebenslänglichen Krieg der Chaluzim, der Bauern und Steineklopfer gewordenen Intellektuellen, gegen Krankheit und Hunger, gegen fremde und gegen Feinde hinter der eigenen Front? Nichts Schlimmeres und nichts schwerer zu Ertragendes gibt es, als sich von den Seinen verraten und verkauft zu wissen. Wenn Soldaten, die wie die deutschen Krieger in wahrhaft bewunderungswürdiger Weise bis zuletzt von der Heimat nach besten Kräften gedeckt wurden, mit dem Vorwurfe zurückkehren konnten, die Gleichgültigkeit zu Hause habe es ihnen unmöglich gemacht, weiter zu kämpfen, mit wie viel mehr Recht können unsere Chaluzim, die auf exponiertestem Posten Jahr für Jahr schwerste Arbeit für uns leisten, ihre anklagende Stimme erheben und was können wir ihnen antworten? Noch haben wir eine Entschuldigung. Noch können wir mit Recht sagen, daß die Ursache dieses Versagens bei uns, den im Galuth Arbeitenden, liegt, daß wir unsere Stimme noch nicht laut genug erhoben haben, daß wir von vielen, sehr vielen noch nicht gehört, von den meisten noch nicht verstanden wurden. Wir können darauf hinweisen, daß dort, wo wir lange und ernst gearbeitet haben, die Leistungen sich hoben, daß das jüdische Verantwortungsgefühl, dessen alle Juden sich immer zu rühmen pflegen, im ständigen Wachsen, daß vor allen Dingen die jüdische Jugend im Gesunden ist. Aber der Verschmachtende braucht Wasser, der Verhungernde Brot, Palästina braucht Geld und keine Vertröstungen. Wie gewinnen wir sofort, ohne jeden Verzug die nötigen Mittel um die bestehenden Positionen zu halten, neue, vielleicht nur einmalig gebotene Gelegenheiten auszunützen, Boden zu erwerben, Siedlungen anzulegen, das ist die entscheidende Frage, die dem Kongresse zur Lösung aufgegeben ist. Hier setzt der von Weizmann gemachte, viel befehdete Vorschlag der Schaffung einer Jewish Agency auf Grund von Recipierung jüdischer Notabein in diese im Mandatsvertrage vorgesehene Körperschaft ein und hierüber wird sich notwendigerweise der Kongreß schlüssig zu machen haben. Von der Annahme oder Ablehnung dieses WeizmamTschen Planes, über dessen Schicksal man heute noch nichts wissen kann, hängt außerordentlich viel ab. Die Annahme bedeutet eine grundlegende Ändegegenuber der alten Akademie rung der Gestaltung und des Aufgabenkreises der zionistischen Organisation, eine Verminderung ihrer politischen Kompetenzen zu Gunsten dieser Jewish agency, eine gewisse Reduzierung ihres bisher rein demokratischen Charakters, die Ablehnung bringt den notwendigen Rücktritt der bisherigen zionistischen Leitung und damit ebenfalls die Notwendigkeit einer Neuorganisierung mit sich. Wir stehen also vor einem Scheidewege. Entschlüsse sind zu fassen, deren Tragweite tatsächlich unübersehbar ist, . die unmittelbar in ihrer Wirkung das Leben in Palästina, das Schicksal der jüdischen Heimstätte entscheidend beeinflußen werden. Der Kongreß muß Klarheit bringen. Der Karlsbader Beschluß wird, mag er so oder so lauten, ein historisch bedeutsamer sein und einen weiteren, wichtigen Schritt auf dem Wege des marschierenden jüdischen Volkes bedeuten. Sind das nicht Dinge, die jeden Einzelnen angehen, die jedem Juden die Verpflichtung auferlegen, Stellung zu nehmen? Muß nicht jeder von uns die Last der Verantwortung tragen helfen, die von vielen Schultern gehoben leichter werden und unseren Führern sichere Maßstäbe an die Hand geben wird? Genügt dieser eine Punkt, herausgeschält aus den vielen zur Diskussion stehenden Problemen nicht schon allein, um denkende Juden zu veranlassen, sich genau und rasch zu orientieren? Eine allweltliche jüdische Konferenz wie der Kongreß es ist, kann nicht an einer Frage vorübergehen, die heute mehr und mehr zu einer internationalen geworden ist, an der Frage des Antisemitismus und seiner Bekämpfung. Es liegt klar auf der Hand, daß ein Forum, wie das Karlsbader gerade für die Behandlung solcher Fragen in einem ganz hervorragenden Maße kompetent ist. Werden sich unsere Juden wenigstens hiefür interessieren, so fühlt man sich versucht zu fragen und derjenige unter uns, der weiß, wie viele Juden ihre Kenntnisse über das Judentum und den Antisemitismus aus antisemitischen Blättern oder doch wenigstens aus nichtjüdischen Zeitschriften beziehen, wird anerkennen müssen, daß selbst diese Frage, so müssig sie auf den ersten Blick erscheinen möchte, einer gewissen Berechtigung nicht entbehrt. Die Kolonisation Palästinas, die Frage der kulturellen Fortentwicklung in Erez Israel, die Schaffung der jüdischen Universität, einer großen Bibliothek, die Regelung der Einwanderung, die Araberfrage, die Verhandlungen mit der englischen Regierung und noch so unendlich vieles mehr werden Verhandlungsgegenstand des Kongresses sein. Ein in 14 Tagen kaum zu bewältigendes Arbeitsgebiet harrt der Männer, die unter Hintansetzung aller persönlichen Interessen von Amerika, von England, aus Rußland, wie aus Australien und nicht zuletzt aus Deutschland als Delegierte nach Karlsbad reisen. Mögen ihre Beratungen ein Echo in den Herzen all derer finden, die noch nicht den letzten Rest ihrer Aufnahmefähigkeit für rein jüdische Fragen verloren haben, mögen sie jedem einzelnen von ihnen ins Bewußtsein rufen, daß die große Errungenschaft des ersten Kongresses, der Wiedereintritt des jüdischen Volkes in die stolze Reihe der ihr Schicksal nach eigenem Ermessen bestimmenden Völker heute wie damals und immer wieder errungen werden muß und nicht ererbt werden kann. Möge der Kongreß unseren Brüdern in Erez Israel das stolze Gefühl wieder stärken, daß wir alle mit heißer Liebe ihren Kampf begleiten und daß es auch heute und erst recht heute Tausende und

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