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Das jüdische Echo · 1923-08-03 · 31 (3.8.1923) · p. Seite 369

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
31 (3.8.1923)
Date
1923-08-03
Page
Seite 369 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 51 3. August 1925 10. Jahrgang Vor dem Kongreß Zum dreizehnten Male versammeln sich in den ersten Augusttagen dieses Jahres Juden aus der ganzen Welt zum Zionistenkongresse, das heißt zu Beratungen, von deren Ergebnis das Schicksal der jüdischen Heimstätte in Palästina nicht allein, sondern im vollsten Sinne des Wortes das Schicksal der gesamten Judenheit in nicht geringem Maße abhängt. Vom ersten Kongresse in Basel im Jahre 1897 bis zum nun herannahenden Karlsbader XIII. Kongresse — eine lange und doch an der Geschichte unseres Volkes gemessen, eine winzige Zeitspanne, reich an sich überstürzenden glücklichen und traurigen Ereignissen, ein Stück Weges, gekennzeichnet durch große, teilweise überwältigende Erfolge, aber auch durch lähmende, mutraubende Schläge, eine Straße, deren Meilensteine die Gräber vieler unserer Besten hier und in Palästina bilden. Von dem Beginne des Golus bis zum ersten Kongresse konnte eine jüdische Geschichtsschreibung im großen und ganzen immer nur davon handeln, was man mit den Juden in dieser tausendjährigen Epoche gemacht hatte, die Juden konnten nur als Objekte der Handlungen anderer betrachtet und beurteilt werden. Der Historiker stellte fest, daß es die Juden in dem einen Lande besser, in dem anderen schlechter gehabt hätten, er konstatierte, daß die Gesetzgebung der „Wirtsvölker“ die oder jene Wirkung auf unsere Väter ausgeübt hätte, daß die Lebensbedingungen, unter denen zu existieren sie gezwungen waren, sie entweder zur gänzlichen Aufgabe ihrer Eigenarten — guter oder schlechter — oder im Gegenteil zur völligen Abkapselung, zur Ghettoexistenz, wenn nicht vielleicht gar zur Auswanderung genötigt haben, kurz, er registrierte die jüdische Reaktion auf die Aktion der anderen. Nur wo es sich darum handelte, die — meist auf geistigem Gebiete liegenden — Ruhmestaten einzelner Juden zu schildern, finden wir eine Ausnahme von dieser Regel, eine scheinbare Ausnahme, wie sich sofort zeigt, wenn man sich überlegt, daß alle diese großen jüdischen Männer und Frauen der Galuthepoche zwar für die jüdische Geistesgeschichte von außerordentlicher Bedeutung sind, für eine politische Geschichte der Juden, und nur um eine solche kann es sich ja in diesem Zusammenhänge handeln, aber fast ausschließlich nur in negativer Hinsicht in Betracht kommen. Es gab große jüdische Staatsmänner auch im Galuth, aber sie waren nicht für uns tätig. Sie arbeiteten aktiv an der Gestaltung eines Volkes mit, bloß war es nicht das jüdische, für das sie wirkten; wenn wir uns zum Beispiel an Disraeli erinnern, so wird ohne weiteres klar, daß er als Jude genau so gut, wie der kleinste Jude im Ghetto, leidend, passiv war und sein mußte, wenn auch die Geschichte des englischen Volkes ihn mit vollstem Rechte auf einen ganz anderen Platz, in die Zahl der Richtung weisenden, der aktiven Politiker stellen kann. Erst von dem Augenblicke an, wo H e r z 1 aus der längst vorhandenen, nie gestorbenen Zionssehnsucht, aus der unpolitischen immer schon existierenden zionistischen Bewegung das große Instrument der zionistischen Organisation schuf, auf jenem ersten Kongreß zu Basel, von dem er schon in seinen Tagebüchern unter dem unmittelbaren Eindruck der Geschehnisse schreibt, daß seine große historische Bedeutung erst später, viel später erkannt werden könnte, erst von diesem Momente an treten wir Juden wieder in die Reihe der Völker ein, die aktiv ihr Schicksal zu gestalten in der Lage sind, können wir wieder jüdische Staatsmänner haben, deren Politik auf unser jüdisches Konto gebucht werden kann und muß, weil es kein anderes Konto gibt, in dem sie und ihre Taten figurieren können. H e r z 1 war sicher ein guter Journalist, Weizm a n n ist zweifellos ein tüchtiger Professor der Chemie, aber für uns, für das jüdische Volk sind sie Führer zu neuem Leben, sind sie Demagogen im ursprünglichen Sinne, Menschen, die das Volk handeln machen. Nicht als Arzt und nicht als geistreicher Schriftsteller wird Nord au leben, solange es ein jüdisches Gedächtnis gibt, sondern als Präsident des zionistischen Kongresses, nicht den Mediziner Marmorek kennen wir, sondern den hingebenden, treuen Freund Herzls. Jeder, der ein Gefühl dafür hat, was es heißt, aus der Passivität heraus, zu frischem, wenn auch gewagtem Handeln zu kommen, der kann nicht gleichgültig an diesen Namen vorübergehen, deren jeder einzelne nicht fortgedacht werden kann, ohne daß ein Stück jüdisch-politischer Aktivität fehlen würde, ein schwer, vielleicht überhaupt nicht ersetzbares Glied, in der Kette der Baumeister an dem erhabenen Tempel jüdischer Freiheit. Nur s o kann man verstehen, was dem Zionisten der Kongreß bedeutet, nur s o begreifen, warum es ihm unverständlich scheint, daß nicht alle Juden, die nicht „lebende Leichname“ sein wollen, dorthin sehen, wo heute diese, unsere Politik von unseren Besten erwogen und gemacht wird, daß es jüdische Menschen gibt die schon viel zu wissen glauben, wenn die Tatsache des Kongresses ihnen bekannt ist. Gewiß, nicht jeder kann zum Kongresse fahren; die Zeiten sind schwer und die Sorgen des Alltags, die ja schon immer bestanden und nicht, wie manche zu glauben scheinen, erst eine Folgeerscheinung des verlorenen Krieges oder der sinkenden Währung sind, lasten auf jedem einzelnen von uns drückender denn je. Aber gibt es eine Entschuldigung dafür, daß Juden sich heute noch nicht einmal oberflächlich über ihr jüdisches Schicksal, über die jüdische Zukunft ihrer Kinder orientieren, daß sie in umso trost« losere, weil scheinbar eines Trostes nicht bedürfende Lethargie versinken und es nicht einmal der Mühe für wert erachten, eine jüdische Zeitung mehr als im Hinblicke auf die neuesten antisemitischen Roheiten zu studieren? Ist unsere Lage derart unkompliziert, daß sie keiner Erörterung bedarf, ist unser Weg so eindeutig bestimmt, daß wir keine Entscheidungen zu treffen haben? Der XIII. Kongreß in Karlsbad findet im Zeichen einer jüdischen Weltkrise statt. Palästina ist in Gefahr, in Gefahr einzig und allein deshalb, weil Juden nicht ihre Pflicht getan haben, weil sie gleichgültig oder skeptisch mit verschlossenen Händen und zugeknöpften Taschen einem Kampfe zugesehen haben, der von ihren Brüdern mit einem Heroismus geführt wurde und gekämpft wird, wie

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