Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 30 (27.7.1923)
- Date
- 1923-07-27
- Page
- Seite 361 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 36!! liUHHIillHIH II HU Feuilleton ||Hll 11 UHU ■I Riiscbriß! aus^Wfen1 Von Dr. Wolfgang Weisl. Wir entnehmen diesen launigen Reisebrief, der ebenso gut aus München, oder irgend einer anderen Großstadt geschrieben sein könnte, der Wiener Morgenzeitung. Lieber Herr Re'dakteur! Seien Sie mir nicht böse, wenn ich Ihnen einmal einen Reisebrief aus und über Wien schreibe. Was ich in Wien erlebe, ist zu komisch. Und zu traurig. Ich muß Ihnen darüber berichten. * Bekanntlich ist der Wiener ungemein gebildet. Es schwankt zwischen „feingebildet“ und „gebüldet“. Es kommt aber im Wesen auf dasselbe heraus. Möchten Sie, sehr geehrter Herr Redakteur, nicht den Wienern, im besonderen aber den Herren Israeliten, zu verstehen geben, daß zur „Bildung“ auch gehört, daß man wenigstens eine blasse Ahnung von der Geographie hat? Ich war bei einem altangesehenen Wiener Advokaten zum Nachtmahl eingeladen. Hochgebildetes Haus. Beide Töchter Doktorinnen. Die Familie wußte aber nicht genau, ob Jerusalem in Palästina liege oder Palästina in Jerusalem. Dadurch angeregt, stellte ich mir eine Statisik über diese Frage zusammen. Wissen Sie, daß nach dieser Statistik vielleicht achtzig von hundert Menschen, mit denen ich sprach, glaubten, daß Jerusalem und Palästina identisch seien? Daß kaum ein Zehntel weiß, wo Jaffa liegt, daß kaum ein Zehntel weiß, daß Palästina am Meer liegt? Die Wiener machen sich immer so gern lustig, daß „die“ Amerikaner meinen, Wien liege in Deutschland. Mit Respekt zu sagen, bedeutet, Palästina für die Welt- und Kulturgeschichte noch immer mehr als Österreich, und Jerusalem noch immer mehr als Wien. Ein Amerikaner, der nicht weiß, wo Wien liegt, kann noch immer ein ganz gescheiter Mensch sein. Wer aber nicht weiß* wo Jerusalem liegt, ist — das nicht. * * Sehr erfreut war ich auch über den geistigen Hochstand, den die Fragen verraten, die man im Gespräch an mich stellt. Jeder fragt nämlich immer dasselbe. Das spielt sich ungefähr folgendermaßen ab: Sie müssen sich vorstellen, Herr Redakteur, daß ich in irgendeine Gesellschaft komme. Zionisten, Nichtzionisten, auch strenggläubige Katholiken treffe ich dort. (Der eine heißt Schlesinger, der andere Direktor Karpel. Wohl zu unterscheiden von Dr. Karpeles, der Protestant ist). Jeder fühlt sich natürlich verpflichtet, über Palästina mit mir zu sprechen. „Palästina, Gott, wie interessant! Das gibt es also wirklich?“ Die erste Frage: „Sagen Sie, Herr Toktor, kann man da unten leben?“ Ich antwortete wahrheitsgemäß, daß früher oder später alle Menschen in Palästina sterben. Ein glückliches Aufatmen. „Also doch! Woran liegt das.“ „Mein Gott, wenn jemand siebzig oder achtzig Jahre alt wird, stirbt er eben. Ist das in Wien anders?“ Mit dieser Antwort erwerbe ich mir im Fluge alle Sympathien. Oder wenigstens fast alle. Beharrlich setzt die Ausfragerei fort: „Aber das muß doch schrecklich sein, so unter lauter Juden zu leben. Vertragen sich denn die Juden untereinander?“ Diese geistreiche Frage habe ich mindestens schon hundertemal gehört. Und nun müssen Sie sich vorstellen, daß es für uns in Palästina keine größere Sorge gibt, als daß zu wenig Juden unten sind, keinen heißeren Wunsch gibt, als daß ausschließlich Juden in unserem Lande wären... (wir sind ein bischen chauvinistisch geworden, wie Sie sehen) — und Sie werden sich ausmalen können, wie gern ich dem Fragesteller grob kommen möchte. Ich tue aber das prinzipiell nicht, denn ich bin sehr höflich, und so frage ich gewöhnlich nur: „Ja, verkehren Sie denn hier mit Christen? Ich dachte, daß Sie auch in Wien nur jüdischen Verkehr haben.“ Mit einer solchen Antwort macht man sich auch immer sehr beliebt. Man kann sie auch wildfremden Leuten geben. Man irrt sich nie! Immerhin erziele ich, daß mir die Hausfrau ins Ohr raunt, daß Herr Schlesinger katholisch sei und Frau Dr. Karpeles protestantisch. Wie peinlich für mich, nicht? Die Hausfrau wäre natürlich heilfroh, wenn jetzt schon das Thema Palästina fallen gelassen würde, aber unweigerlich kommt die dritte Frage: „Sagen Sie, wie leben die Juden mit den Arabern?“ Nun wäre das wirklich eine wichtige und kluge Frage — wenn sie jemand stellt, der sich dabei etwas denkt. Aber gewöhnlich produziert man diese Frage so, wie wenn man sich erkundigen würde, wie die Tschechen in Wien leben. Ich antworte daher gewöhnlich: „Juden und Araber vertragen sich im allgemeinen so, wie Juden und Hakenkreuzler in Wien. Mit einem Unterschied.“ „Und der ist?“ „Wenn die Aaber uns angreifen wollen, so kriegen sie erstens dafür nicht von reichen Juden Subventionen, und zweitens kriegen ausnahmslos die Angreifer und nicht die Juden Prügel. Und drittens: Der Judenhaß und die Gefahr für die Juden in Mitteleuropa steigt mit der Zunahme der jüdischen Bevölkerung hierzulande.“ Wenn hunderttausend Juden nach Wien einwandern wollten, wäre dies den schon hier befindlichen möglicherweise geradezu gefährlich. Wollten aber hunderttausend Juden nach Palästina einwandern, dann wäre dort der Judenhaß verschwunden. Denn dann wären wir stark genug, um keinen Haß mehr fürchten zu müssen.“ Und jetzt kommt die letzte Frage, sehr schüchtern gestellt: „Sagen Sie, wer regiert denn eigentlich in Palästina? Wem gehört denn das Land?“ * Fünf Jahre sind seit der Balfour-Deklaration verflossen, drei Jahre seit San Remo. Millionen von Broschüren sind in die Welt geflattert, die von und für Palästina sprechen... und der jüdische Bürger weiß noch immer nicht einmal, ob der Türke oder der Araber, der Franzose oder der Engländer in Palästina herrscht. Dafür ist er leidenschaftlicher Leser der Wiener Intelligenzblätter, die ... * Und noch etwas: man fragte mich sehr oft, wie denn das geistige Leben in Palästina sei. Ich antwortete immer sehr bescheiden: „Wir haben dort keine Theater, wenig Konzerte, keine Universität, eine nur kleine Presse.“ Seit ich aber in Wien bin, wurde ich geradezu größenwahnsinnig. Gegenüber der Wiener „Geistigkeit“ hat d'ie palästinensische geradezu Ohlimborassohöhe erreicht. Zeitungen vom Niveau der Wiener Abendblätter zum Beispiel könnten sieh in Jerusalem nicht eine Woche lang halten. Von zehn