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Das jüdische Echo · 1923-07-20 · 29 (20.7.1923) · p. Seite 350

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
29 (20.7.1923)
Date
1923-07-20
Page
Seite 350 (sequence 8)
Language
German
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350 Das Jüdische Echo Nr. 29 Herausgegeben vom Berliner Bureau der Zionistischen Organisation, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8. Preis für Deutschland Mk. 2000.— pro Exemplar. Jeschurun. Monatsschrift für Lehre und Leben im Judentum. Herausgeber: Dr. J. Wohlgemuth. Hefte 3/4, 5/6. Aus dem Inhalt: J. Carlebach: Das Hohelied; L. Lewin: Heidenheimiana; Die altisraelitischen Propheten in „psychiatischer“ Beleuchtung; S. Klein: Neue Beiträge zur Geschichte und Geographie Galiläas; J.A. Blau: Ein jüdisches Lesebuch für jüdische Schulen; H.Weyl: Moritz Heimann: „Das Weib des Akiba“; Bücherbesprechungen; Notizen. (Sämtliche Bücher sind zu haben in der „Ewer- Buchhandlung“, Wagmüllerstraße 19.) Feuilleton Tischall B’ab4) von Schalom Asch. . . . Und die Gemeinde Israels schmollte mit dem Ewigen. Wie eine schöne Braut, die dem Bräutigam die Brautgeschenke zurückwirft, so warf die Gemeinde dem Schöpfer der Welt die Thora zurück. „Geh, mit unserer Freundschaft ist es aus!“ „Heute ist Tischah-B’ab! Heut wird nicht Thora „gelernt.“... Junge Schwiegersöhne, die auf „Köst“ sind, und Bachurim gehen müßig herum. Chederbuben laufen, als gäbe es auf der Welt keinen Kantschu, keine Schule, keinen Rebben, frank und frei auf dem Markte herum. Und in dem alten Lehrhause sitzt die heilige Rolle ganz allein in einem Winkelchen traurig und jammert zu des Ewigen Majestät: Heute haben mich alle verlassen! * * * Die Sonne warf noch einen letzten leuchtenden Blick auf die Dächer im Städtchen, auf den halben Klotz, der vom letzten Zirkus her noch mitten auf dem Markt steht, und vergoldete die Scheiben der großen Ausspannung, die am Eingang zum Städtchen liegt. Nach Westen zu aber hat die rotgoldene Sonne sich schon tief gesenkt, und eine schwere Wolke, die kaltblütig von der anderen Seite des Städtchens heranschwebte, hat das flammende Sonnenauge wie mit einem grauen Hauch überzogen. Und die vielen lichtigen Strahlen, die noch auf dem Markte umherirren, sind kaum nur noch so hell wie ein Lämpchen, dessen Docht herabgedreht ist.... Noch war es Tag, da wurden schon die Läden zugemacht, einer nach dem andern. Und wie nun eine Tür geschlossen wird und wieder eine, und die bunten Schilder im Innern verschwinden, so *) „Aus einer stillen Welt“. Erzählungen aus der modernen jüdischen Literatur. Verlag Winz und Co., Berlin. daß nur ein schwarzer Fleck auf der freien Mauer übrig bleibt, da ist es mir, wie wenn in einer hellbeleuchteten Stube plötzlich ein Licht ausgelöscht wird . . . Ein Licht und wieder ein Licht. Und es wird dunkel, ganz allmählich, so allmählich wie die Hochzeitsgäste den Hochzeitssaal verlassen, in den sich nun die graue Trauer hineinschleicht.... Vor irgend einer Tür steht ein hoher, dürrer Jude in einem zerrissenen langen Rock, die Lenden fest gegürtet, und Starrt mit verträumten Augen zum Himmel empor. Seine eingefallenen Wangen beben, wie wenn der Wind durch trockene Blätter weht. Dann wendet er seinen Blick vom Himmel und sieht über den Markt hin, als ob er sagen wollte: „Herr des Himmels, ich harre %Deines Befehls!“... Inde'ssen ist noch die Gemeinde Israels in ihren Wohnungen. Jeder greift hastig noch zum letzten Bissen und macht sich dann bereit mit traurigem Gesicht, den tränenschweren Sang der Klagelieder anzustimmen. In der Gasse ist es still. Die Häuser stehen um den Markt herum und schweigen, als ob sie aut etwas warten. Bald kommt aus irgend einem Hause ein schlanker, blasser, magerer Jude. Seinen trockenen Körper bedeckt ein weißer „Chalat“. Uber dem Kragen ragt ein langer, dürrer Hals hervor, auf dem sich ein schmaler Kopf mit blondem Haar und Bart und langer, blasser Nase bewegt. Unter den Rockschößen gucken zwei lange Füße hervor, die keine Schuh, nur weiße Socken bedecken. Und der Jude geht auf den Socken über die Straße, immer wieder in die Höhe schnellend, wenn er auf einen spitzen Stein tritt. In der Hand trägt er ein ungebundenes Buch.... Ein eigenes Bild! Man könnte glauben, er sei ein Schulklopfer, der die Toten in ihre Totenschule ruft.... Bald zeigt sich wieder ein Jude und noch einer. Aus jedem Haus kommen immer neue Gruppen in zerrissenen Röcken und weißen Socken wie Trauernde und gehen in tiefem Schmerz zur winkligen Schulgasse. "RbuTfhallmafer München ThßatinevÜrAÖ. ISF1

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