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Das jüdische Echo · 1923-07-20 · 29 (20.7.1923) · p. Seite 351

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
29 (20.7.1923)
Date
1923-07-20
Page
Seite 351 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 29 Das Jüdische Echo 351 Im Gäßchen wirds stiller. Alles ist werktäglich. Lange, bleiche, werktägliche Juden. Niedrige, geduckte, werktägliche Häuschen. Und ein kalter, werktäglicher Vorabend, wie er gestern war und vorgestern, breitet sich dichter über das Städtchen. Und doch sind die Läden wie am Freitag vor Nacht geschlossen, und es scheint, als ob ihr Leben plötzlich mitten abgeschnitten wäre. Und immer stiller wird es und dunkler. Mir Ist, als ob der Leichenzug eines sehr großen Rabbi über den Markt hinzöge ... Mitten auf dem Markte am Brunnen steht noch eine Schar junger Leute, zum Teil Bachurim, die noch den letzten Trunk vorm Fasten nehmen. Die älteren Leute aber werfen, indem sie die Becher an die Lippen setzen, noch einen ängstlichen Blick zum Himmel, ob sich nicht — Gott bewahre! — etwa schon ein Sternlein droben gezeigt hätte.... Auf der andern Seite des Gäßchens, dort hinter dem Rathaus, auf dem Wege, der zum Friedhof führt, stürmt eine Schar Jungens heran. Sie halten Kletten in der Hand und bewerfen sich damit. Wie es so Sitte ist im Ghetto. Voraus läuft ein Junge mit abgerissenem Rockkragen und macht vor der Treppe zum Lehrhause halt, und winkt fröhlich den Juden zu, die dort stehen und zeigt mit der Hand auf seine gefüllten Taschen. Und er hat viele Taschen voll Kletten. Es ist eine Lust.... Irgend ein kleiner Jude mit einem breiten Bart, der an sein Gesicht angeklebt zu sein scheint, damit man die bleichen Wangen nicht sehe, steht auf der Treppe und betrachtet in mitleidiger Trauer den Knaben. Und es schien mir, als ob er mit seinen trockenen Lippen vor sich hinmurmelte: Einen traurigen Festtag macht er sich. Auch im Schulgäßchen wird es still. Die Sonne ist schon längst hinter dem Rathaus versunken, hinten, auf dem Wege zum Friedhof. Die Juden haben sich alle in der Schule, in dem Lehrhaus versammelt. Zuweilen sieht man eine Jüdin, werktäglich gekleidet, ein dickes Buch unter dem Arm, ein Lichtlein in der Hand. Sie geht mit gesenktem Kopfe. Auch die niedrigen Häuschen in der Gasse ducken sich krampfhaft zusammen, als fürchteten sie sich, weil sie ohne Juden und ohne Thora wie im Golus stehen müssen. Und scheinen sich zu dem Häuschen des Rabbi hinzuneigen, um sich von dort Rat zu holen, was sie in dieser schweren Zeit tun sollten. Aus des Rabbi Fenster lugt eine schwarze Traurigkeit heraus. Ein kleines Lichtchen funkelt in der Finsternis. Vielleicht, daß innen ein Toter am Boden liegt, zugedeckt mit einem schwarzen Leintuche, und ein Pfenniglicht am Kopfende! Aber der Rabbi läßt seinen Toten allein. In einem alten, zerrissenen Streimel, einem alten, zerrissenen Rock und mit finster-betrübtem Gesichte geht er allein in Strümpfen über die spitzen Steine ins Beth-Hamidrasch hinüber. Ganz in sich versunken. Vielleicht wird er bei den dort versammelten Juden Tröstung finden. Matschik zieht durchs Gäßchen. Er kommt schon von der Weide heim. Die Kühe vorauf mit tiefgesenkten Schädeln und Matschik mit seinem Hunde, seinem Gehilfen, hinterher, und er spielt sich auf seiner Flöte ein Liedchen, just, wie er es gestern getan des Abends und vorgestern. * Nacht! In der Schulgasse ist es nun totenstill. Die Läden sind geschlossen, die Türen zugemacht. Der Mond wandelt einsam oben am Himmel, hoch über unsern Köpfen und blickt schweigend herab ins Schulgäßchen und sinnt. Hinten, von irgendwo her, dringt durch den Spalt eines Fensterladens ein trauriger Singsang, der sich schnell ins Gäßchen hineinzieht, ganz, ganz für sich, — ein Singsang ohne Zweck und ohne sonst was — und er schwebt durch die Gasse, schwimmt fort und verhallt irgendwo in der Ferne, irgendwo im Gässel, dort nach dem Rathaus zu, auf dem Wege zum Friedhof. Aus einem Fensterspalt von des Rabbi Haus schaut noch das einsame Jahrzeitlicht heraus. Für eine fromme Seele brennts! Und innen beim Rebben bleibt alles still. Der Mond wirft seine kalten Strahlen auf die großen Scheiben des Lehrhauses. Drinnen ist alles finster. Huscht nicht etwas durch die Stille? Auf den Treppen des Lehrhauses liegt etwas — sinds Menschen oder Tote? — Die Haare zersaust, die Hände übereinander geschlagen. So lagen sie still da. Aber der Mond schwimmt vorbei und wirft seine kalten Strahlen auf die dort Liegenden. Die Schule ist mit schwerer Tür geschlossen, als hätte man innen etwas gefangen und wollte es nicht herauslassen. Nur von einem kleinen Fenster in einem Winkelchen an der Tür, dort am Platze, der „Gemeinschaft der Psalmenfreunde“ windet sich ein schwacher Lichtschein heraus und bricht sich im blassen Scheine an der gemauerten Säule, die vor der Schul steht und die Galerie der Weiberschul stützt. Innen sitzt auf dem Platz der „Chewre Thillim“ irgend ein Mensch auf der Erde, und bei dem Scheine des schwachen Lichtchens starrt er in ein offenes Buch und sinnt.... Bei der „Rebbezin“ im Eßzimmer haben sich die frommen Gemeindefrauen — die „Klei-Kaudisch- Weiber“ — versammelt. Im Halbdunkel ist die Stube; nur Schatten huschen auf und nieder. Und auf der Erde hocken auf Kissen die Frauen umher, auf den Armen die schlafenden Kinder, und lauschen der weihevollen Stimme der Rebbezin, die in der Mitte des Kreises sitzt. Auf einem Stuhl liegt die „Zeenoh Ureennoh“, das Buch der Frau, aufgeschlagen, beleuchtet von dem matten Schein einer Küchenlampe. Und die Rebbezin erzählt mit ihrer heiseren Stimme die Geschichte der Hannah und ihrer sieben Söhne. Über der Gerichtsstube beim Rabbi liegt das gleiche Halbdunkel. Auf dem Tisch brernit noch das Jahrzeitlicht, das in einem Topf mit Sand steckt. Und von dem Licht tropft der Talg herab in den Sand hinein. Auf der Erde, in einem Winkel, das Gesicht vergraben zwischen großen Bücherstößen, sitzt der Raw. Zuweilen bläst ein Windhauch. Und es ist, als ob durch die Stube hindurchschreite ein schwerer Schatten. Und der Raw stützt sein Haupt in die müden Hände und sinnt. In der Gasse ists noch so still wie zuvor. Der Mond zieht am Himmel einher und blickt mit kalten Augen auf das finstere Gäßchen. Alles umher ist in sich versunken, als ob schon die beiden großen Tränen aus Gottes Augen herniedergefallen wären und alles ertränkt hätten, alles, alles. Und mir ist, als ob einsam der Profet Jirmijahu zum Friedhofe schritte, um die Ahnen aus den Gräbern zu wecken, damit sie endlich Fürsprache bei dem Ewigen einlegten für die vertriebene Gemeinde Jsrael. Und bald wird im Gäßchen die laute Debatte beginnen..., Gemeindenu. Vereins-Echo Zionistische Ortsgruppe München. Mitgliederversammlung am Donnerstag, 26. Juli, abends 8 Uhr in den Räumen des K.J.V., Bayerstr. 67/69. Tagesordn.: Demission des Vorstandes; Neuwahl.

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