Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern · 1923-07-29 · 2 (29.7.1923) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1923
Issue
2 (29.7.1923)
Date
1923-07-29
Page
Seite 5 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9539926-9156485-9148074--014-9078405
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 2 Mitteilungen des Israel. Lehrervereins für Bayern 5 Bezirken geleistete Arbeit zu sprechen; dabei wird sich zeigen, wie und wo gegenseitige Hilfe eintreten soll, wie Kräfte des einen Bezirks einem zweiten nutzbar gemacht und wie in der Mannigfaltigkeit des geistigen Strebens die Einheitlichkeit des Wollens am besten gewährleistet werden kann. Auf die materiellen Schwierigkeiten, mit welchen die Vereinigungen infolge der hohen Reisekosten zu kämpfen haben, soll hier besonders hingewiesen werden; die Opfer, welche die einzelnen Kollegen für ihre Fortbildung bringen, werden von der Vereinsleitung voll gewürdigt. In der Tagung des Verbandes vom Oktober vorigen Jahres wurde die Unterstützung unserer Bezirksvereinigungen beschlossen. Anträge an den Verband um Gewährung von Zuschüssen sind meines Wissens nicht gestellt worden. Die von mir im Vorjahre beantragte Einrichtung eines allgemeinen Fortbildungskurses fand bei der Verbandsleitung freundlichste Aufnahme; die gerade im Spätherbste eingetretenen mißlichen äußeren Verhältnisse ließen den Plan nicht zur Ausführung gelangen. Der Gedanke soll damit nicht aufgegeben sein, wir werden ihn bei Gelegenheit wieder aufgreifen. „Arbeiten und nicht verzagen", sagt ein bekanntes Wort. Ich bin kein Pessimist, aber es hieße die Augen mit einer Binde verschließen, wollte man sich nicht sagen, daß wir noch schweren Zeiten entgegen gehen. Noch manche Frage rechtlicher und sozialer Art wird an uns herantreten. Da heißt es: sich zusammenschließen! Je fester und energischer wir zusammenhalten, umso eher werden wir den Stürmen der Zeit trotzen können. Bereitwilligst müssen wir alle zusammenarbeiten zur Erreichung unserer Ziele. Unsere Losung sei: Aufwärts und vorwärts. Berufsberatung Ein ziemlich junger Zweig der sozialen Fürsorge, der sich jüdische Vereine oder Gemeinden zugewendet haben, ist die Berufsberatung. Es wird ihr aber leider in unseren Kreisen noch nicht die genügende Achtung geschenkt, die ihr zukommt und von ihr noch nicht der erhoffte ausgiebige Gebrauch gemacht. Die wissenschaftliche Berufsberatung knüpft an die oft wiederholte Erfahrung an, daß bei den meisten Menschen Beruf und innere Berufung nicht zusammenstimmen, sodaß sie in ihrer Tätigkeit nicht die seelische Befriedigung finden, noch die guten Erfolge erzielen und das persönliche Glück erreichen, das sie sich wünschen. Die Berufsberatung strebt darum an, bei den aus der Schule kommenden jungen Menschen durch Fühlungnahme mit der Schule die besondere Begabung eines jeden Einzelnen zu ermitteln, um ihn dann dem Beruf zuzuführen, bei dem Neigung des Ratsuchenden und seine körperliche und geistige Veranlagung berücksichtigt werden. Es wird dabei nicht unterlassen, durch freiwillig mitwirkende Ärzte prüfen zu lassen, ob sich der junge Mensch körperlich für den in Frage kommenden Beruf eignet. Das größte Gewicht wird auf die Sorge für eine gründliche und gediegene Ausbildung des Lehrlings in seinem Fach gelegt. Die Lebensaussichten eines jeden Berufes werden, soweit es das vorhandene statistische Material erlaubt, untersucht, um auch hierin den Lernenden vor einem Fehlschlag seiner Hoffnungen zu bewahren. Während bei den meisten Eltern der Gedanke, daß ihre Kinder schnell verdienen sollen, um bald auf eigenen Füßen stehen zu können, vorherrscht, will die Berufsberatung Sinn für eingehende fachliche Ausbildung wecken, wenn diese auch erst später ihre Früchte in vollem Maße zeitigt. Es wird von den Beratenden selbst sehr bedauert, daß das Verlangen nach Verdienst und nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit jetzt mehr beachtet werden muß als die persönliche Eignung. Dadurch tritt die Stellenvermittlung der eigentlichen Beratung gegenüber mehr in den Vordergrund und es wird von den an die Berufsberatung Herantretenden erwartet, daß ihnen zugleich mit dem Rat ein entsprechendes Unterkommen im Wirtschaftsleben verschafft wird. So regelt, mehr als es die Absicht der Schöpfer der Berufsberatung war, das Angebot der offenen Stellen die Erteilung des Rates. Nun kommt aber der Berufsberatung noch eine weitgehende volkswirtschaftliche Bedeutung zu. In unserer Zeit, in der die Produktion auf allen Gebieten der Volkswirtschaft sehr gesteigert werden soll, damit wir unseren wirtschaftlichen Verpflichtungen nachkommen können, will die Berufsberatung eine richtige Verteilung der Arbeitskräfte vornehmen, damit keine Kraft verschwendet oder Kräfte nicht voll ausgenützt werden, daß vielmehr jeder an seiner Stelle die höchste Leistung erzielt. Dazu tritt bei uns Juden noch die besondere Absicht, unsere Erhaltung und das Gedeihen unserer Gemeinschaft zu sichern durch eine Verteilung der heranwachsenden Jugend auf eine größere Anzahl von Berufen, als sie bisher bei uns anzutreffen sind, ferner durch das Zuführen der Jugend zur Landwirtschaft und zum Handwerk. Die beklagenswerte Beobachtung, daß jüdische Eltern ihre Kinder ohne lange Überlegung entweder dem Studium oder der kaufmännischen Ausbildung zuführen, veranlaßte schon früher als Gegenwirkung die größere Propaganda für Handwerk und Landwirtschaft unter uns Juden. Jetzt zwingt die Not der Zeit manche, sich von den akademischen Berufen abzuwenden. Solchen Rat- und Hilfesuchenden den Weg zu einer neuen Existenz zu eröffnen, ist heute eine wesentliche Aufgabe der Berufsberatungsstelle. Ferner bietet sie denjenigen unter uns, die sich schon zur Ruhe gesetzt hatten und nun durch die veränderte wirtschaftliche Lage wieder gezwungen sind, eine Tätigkeit zu suchen, die Hand zur Hilfe. Wenn aber die jüdischen Berufsberatungsstellen ihre doppelte Aufgabe erfüllen sollen, dem Einzelnen eine befriedigende und gedeihliche Arbeit zu verschaffen und unsere Gesamtheit volkswirtschaftlich vernünftig zu gliedern, dann muß sie auf die verständnisvolle Mitarbeit jüdischer Arbeitgeber in Handel und Industrie rechnen können dürfen. So sollten jüdische Geschäftsleute bei der Neubesetzung von Lehrstellen sich stets zuerst an die Berufsberatungsstellen wenden. Sie haben in der kurzen Zeit ihres Bestehens schon eine ganze Reihe von Stellensuchenden untergebracht und könnten noch segensreicher wirken, wenn sie von den betreffenden Berufskreisen mehr in Anspruch genommen würden. Die Berufsberatung sucht sich als soziales Organ des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Bayerns zu entwickeln, indem sie Beratung und Stellenvermittelung von und nach auswärts mitübernimmt. In dieser Hinsicht hofft sie, den Landgemeinden manchen wertvollen Dienst leisten zu können. Dr. Gärtner. Wo stehen wir? Eine Teuerungsflut von nie geahnter Gewalt rast über unser gequältes Vaterland dahin. Der Wert der Mark ist fast auf ein Nichts herabgesunken. Wie im Fiebertaumel steigen dagegen die Preise aller Lebensbedürfnisse. Reich und Länder gewähren Zulagen auf Zulagen, um ihre Beamten wenigstens einigermaßen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.