Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1923
- Issue
- 2 (29.7.1923)
- Date
- 1923-07-29
- Page
- Seite 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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4 Mitteilungen des Israel. Lehrervereins für Bayern Nr. 2 Freilich dürfen wir uns nicht im Rausch der großen Zahlen den Blick für die tatsächlichen Verhältnisse trüben lassen. Es bedarf ja kaum des Hinweises auf den Kaufwert der gewährten Unterstützungen, die im Höchstfalle 40 000 M. betrugen, um die Dinge ins rechte Licht zu stellen. Umso ernster ersteht darum die Pflicht für alle Kollegen, namentlich auch die bisher untätig Abseitsstehenden, an dem Bruderwerke mitzuhelfen. Die Not, besonders jener Pensionisten, Witwen und Waisen, deren Gemeinden nicht zum Versorgungsverband beigetreten sind oder, soferne sie es getan haben, nur ungenügende Gehälter versicherten, ist eine sehr schwere. Im Dienste ergraute Männer, die in jahrzehntelanger Arbeit ihr Bestes dem Judentum geopfert haben, müssen heute hungern und darben. „Die Herzen auf!", rufe ich darum allen zu, die es angeht. Wenn schon die liebe Not in vielen Lehrerhäusern als täglicher Gast mit zu Tische sitzt, so wird sie nur zu leicht zur allgebietenden Herrscherin dann, wenn der Beamte oder ein Glied seiner Familie von einer Krankheit befallen wird. In solchen Fällen ist brüderliche Hilfe am dringendsten geboten. Wir haben schon im Vorjahre bei Errichtung der Marschütz-Stiftung unsere Hilfstätigkeit auf diesem Gebiete angebahnt, wir können sie jetzt mit Hilfe des Oberlehrer Marx-Fonds weiter ausbauen. Über Einzelheiten wird noch besonders zu beschließen sein. Fast ganz unmöglich ist heute den meisten Kollegen der Besuch eines Kurortes. Die Verwaltung hat sich bemüht, den Mitgliedern Unterbringungsmöglichkeiten zu verschaffen. Als erster Erfolg ist die Zusicherung des Jüdischen Landheimes in Wolfratshausen bei München zu erwähnen, das sich bereit erklärte, erholungsbedürftige Beamte bezw. ihre Angehörigen unter günstigen Bedingungen aufzunehmen, doch ist die Aufnahme nur außerhalb der Ferienzeit möglich. Die weitere Fürsorge für erkrankte Vereinsmitglieder wird der zu schaffenden allgemeinen Kranken- oder Krankenzuschußkasse zu übertragen sein. Einen großen Teil unserer Sorgen glaubten wir gehoben, als sich der Verein vor 2 Jahren der Bildungsbeamtengewerkschaft anschloß. Die an diesen Anschluß geknüpften Erwartungen haben sich leider nicht erfüllt; sie konnten sich nicht erfüllen, aber nicht etwa deshalb, weil in der Beamtengewerkschaft nicht fleißig und tüchtig gearbeitet würde, sondern weil sie ein Verband ist, dessen Struktur mit der unseres Vereins in nur loser Beziehung steht. Die Belange der Staatsbeamten — und fast nur solche sind in der Gewerkschaft vereinigt-- sind von den unserigen durchaus verschieden. Ihr Arbeitgeber ist der Allvater Staat, wir haben in erster Linie mit den Kultusgemeinden zu verhandeln. Zudem hat sich die Bildungsgewerkschaft inzwischen vollständig umorganisiert, sie ist heute ein Teil der Säule Bayer. Landesbeamten und im Rahmen dieser großen Organisation findet sich für unseren Verein kaum noch das bescheidenste Plätzchen. Der Gewerkschaftsgedanke ist in den Beamtenkreisen mehr und mehr in den Hintergrund getreten; die Aufrechterhaltung der Rechte der Berufsbeamten wird als wichtiger angesehen als der immerhin zweifelhafte Erfolg, der durch rein gewerkschaftliche Mittel erzielt werden könnte. Wieweit wir uns dieser Auffassung anzuschließen vermögen, bleibt bei der ungeklärten Rechtslage des jüdischen Beamten vorerst unentschieden. Es ist wohl denkbar, daß wir unter Umständen auf die Anwendung aller gewerkschaftlichen Mittel nicht verzichten könnten. Endlich haben auch die steigenden Beiträge, welche an die Bildungsgewerkschaft abzuführen sind, zu dem Beschlüsse der Verwaltung geführt, den Austritt des Vereins aus derselben zu erklären. Den einzelnen Kollegen steht indes der persönliche Anschluß an die Säule der Landesbeamten offen, Mitglieder, die zugleich dem Bayer. Lehrerverein angehören, verbleiben ohnehin auch beim Beamtenbund. Im Vorjahre haben wir uns dem Jüdischen Beamtenbund mit dem Sitze in Frankfurt a. M. angeschlossen. Über diese Organisation läßt sich heute noch nicht viel sagen, das Pflänzchen ist ja so jung und bedarf der sorgsamsten Pflege, soll es sich gedeihlich entwickeln. Zudem sind die Herzensäcker in so vielen Gemeinden derart steinig, daß wohl einige Hälmchen der Liebe da und dort emporsprießen, während die Palme der Gerechtigkeit sich kaum zu entfalten vermag. So ist es nur zu erklärlich, daß der Beamtenbund, um wenigstens den dringendsten Notständen zu begegnen, sich zunächst auf Hilfstätigkeit eingestellt hat. Es kam durch ihn ein von der Zentralwohlfahrtsstelle übergebener Betrag zur Verteilung, bei der auch Mitglieder unseres Vereins bedacht worden sind. Die Regelung der großen Fragen — Anstellungs¬ und Rechtsverhältnisse der jüdischen Beamten, Besoldung, Ruhestands- und Hinterbliebenenversorgung — wird erst in Angriff genommen werden müssen; sie wird umso größeren Schwierigkeiten begegnen, als die Gesamtorganisation der preußischen Gemeinden noch in weiter Ferne steht. Wir wünschen und hoffen, daß dem Jüdischen Beamtenbunde recht bald größere Erfolge beschieden sein mögen und stellen unsere Mitarbeit jederzeit gerne zur Verfügung. Nicht ohne eigenes Verschulden verlieren wir einen Rufer im Kampf, den wir noch schmerzlich vermissen werden. Die „Freie Lehrerzeitung" wird demnächst ihr Erscheinen einstellen. Sie war als guter und treuer Kamerad wohl allen ans Herz gewachsen. Tapfer und freimütig ist sie für unsere Sache eingetreten, mannhaft und ehrlich hat sie ihr Ziel verfolgt und mit unermüdlicher Ausdauer, unbekümmert um Angriffe von rechts und links, der sozialen Hebung des Lehrerstandes gedient. Groß sind die Opfer, welche der Leiter des Blattes gebracht hat. Für seine seltene Hingabe, für seine stete Bereitschaft und das besondere Entgegenkommen, das er „frei in der Freien" dem Verein, namentlich Wünschen und Anträgen der Vorstandschaft immer gezeigt hat, sei ihm immer und immer wieder gedankt. Die Sorge wegen der „Freien Lehrerzeitung" beschäftigte uns schon seit Monaten. Schließlich haben wir uns mit dem Gedanken vertraut gemacht, ob nicht ein kleiner Ersatz geschaffen werden kann, damit unsere Mitglieder nicht ohne Verbindungsorgan bleiben. Die Vorstandschaft erzielte ein Abkommen mit dem Verlag des „Jüdischen Echo", das in seinen wesentlichen Punkten schon in Nr. 1 unserer Mitteilungen bekannt gegeben worden ist. Wir glauben, und das ist die Hauptsache, durch das Blatt eine Gelegenheit geschaffen zu haben, damit der Kontakt zwischen der Vereinsleitung und den Mitgliedern bestehen bleibt. Ferner wollten wir die Möglichkeit wahren, die breitere Öffentlichkeit mit unseren Angelegenheiten bekannt zu machen. Sache der Mitglieder ist es, das neue Organ durch rege Mitarbeit für Beruf und Stand zu nützen. Der Förderung des Zusammenhangs wie der Hebung des geistigen Lebens im Verein dienen auch die Bezirksvereinigungen. In den neuen Satzungen ist vorgesehen, daß die Leiter der Vereinigungen alljährlich über die Tätigkeit derselben dem Vorstande berichten. Es wird sich somit im nächsten Jahre Gelegenheit bieten, über die in den