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Das jüdische Echo · 1923-06-29 · 26 (29.6.1923) · p. Seite 311

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
26 (29.6.1923)
Date
1923-06-29
Page
Seite 311 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26 Das Jüdische Echo 311 zu Zeit bemerkbar machten, galt diesmal die Hetze einem Manne, welcher sich nicht nur in der jüdischen Welt, sondern auch im Wirtschaftsleben Bayerns und ganz Deutschlands hervorragende Verdienste erworben hat, einem Manne, welcher seine hervorragende Arbeitskraft jederzeit in den Dienst Deutschlands gestellt hat. Kommerzienrat Sigmund Fraenkel, welcher seit Jahrzehnten an der Spitze der verschiedensten wirtschaftlichen Verbände Deutschlands steht und unermüdlich im Interesse des Landes tätig war, hat den Dank geerntet, welchen Antisemiten noch immer den uneigennützigen Arbeitern am Aufbau des am Boden liegenden Deutschland zollen. Im folgenden sei der Vorfall verzeichnet: Am 21. ds. kam Herr Kommerzienrat Sigmund Fraenkel mit dem um 10 Uhr 35 Min. von Lindau eintreffenden Schnellzug hier an. 15 Minuten vorher war seine Frau mit dem Stuttgarter Schnellzug angekommen. Beide wurden im hiesigen Hauptbahnhof von ihrem Sohn Herrn Dr. Eugen Fraenkel abgeholt, und die drei Personen, stiegen sodann in einen gegen 10 Uhr 45 Min. vom Hauptbahnhof aus der Richtung Stiglmaierplatz kommenden Wagen der Linie 1 und zwar in den ersten Anhängewagen nach dem Hauptwagen. Das Ehepaar nahm im Wagen Platz, während der Sohn bei dem Gepäck auf der vorderen Plattform blieb. Während der Fahrt erging sich ein ebenfalls auf der vorderen Plattform stehender Herr gegenüber seinem Kollegen, der mit ihm offenbar bekannt war, in den heftigsten antisemitischen Redensarten. Herr Dr. Fraenkel sprach kein Wort, während all* dieser Rederei. Unmittelbar vor dem Isartorplatz, bevor er den Wagen der Linie 1 verlassen mußte, sagte er nur, da er im Hinterraum des Wagens stand, wörtlich: „Darf ich bitten“, daraufhin sagte derjenige, der die antisemitische Rederei geführt hatte: „Ja geh’ nur hinaus mit Deinen gestohlenen Sachen“; hierauf erwiderte Herr Dr. Fraenkel im energischen Ton: „Das verbitte ich mir“. Als Antwort hierauf erhielt Herr Dr. Fraenkel von dem Beleidiger einen Faustschlag auf die Nase, sodaß er sofort stark blutete. Ein anderer Herr, der ebenfalls auf der vorderen Plattform stand, ergriff für den Mißhandelten Partei und versetzte seinerseits dem Schläger einen Faustschlag. Dieser gab Herrn Dr. Fraenkel nochmals einen Faustschlag unter das Auge. In dem nun entstehenden Gedränge verließ Herr Dr. Fraenkel mit seinen Eltern den Wagen der Linie 1 und begab sich erst einige Schritte in der Richtung zum Max Denkmal, und sodann auf den Haltepunkt der Linien 30 und 2, die zum Max Denkmal fahren. Dort wurde Herr Dr. Fraenkel von einigen Antisemiten, die an der Affäre beteiligt waren, wieder erkannt und nochmals ins Gesicht geschlagen. Herr Kommerzienrat Fraenkel wurde unter dem Ausruf „Da du Ostjud“ mit einem stumpfen Instrument so auf den Kopf geschlagen, daß er blutüberströmt zu Boden sank und für einige Zeit das Bewußtsein verlor. Außer den Tätern an der Haltestelle am Isartorplatz kommen aus dem Bürgerbräukeller eintreffende Hakenkreuzler in Frage. Auf der Polizeiwache in der Rumfordstraße wurde das erste Protokoll aufgenommen und Herr Kommerzienrat, der nach Aussage des Arztes durch ein stumpfes Instrument eine 2 cm lange Wunde auf dem Kopfe erhalten hatte, verbunden. Auf dem Wege vom Isartorplatz zu ihrem Hause, wurde Familie Fraenkel und der Arzt, der die Blutenden begleitete nochmals belästigt. Unmittelbar vor dem Hause des Herrn Kommerzienrats Fraenkel, versuchte ein Kaufmann von hier, dessen Persönlichkeit von der Polizei bereits festgestellt ist, mit einem elastischen Instrument den Arzt und Herrn Dr. Fraenkel, die bereits im Hausgang waren, zu schlagen und in das Haus einzudringen. Diese Absicht mißlang ihm, da es noch rechtzeitig gelang, die Haustüre zuzumachen. Dagegen wurde die Gattin des Herrn Kommerzienrat geschlagen. Der erwähnte Kaufmann führte auch eine Reihe schwer beleidigender und bedrohlicher antisemitischer Redensarten gegen den durch Blutverlust geschwächten und erst einige Minuten später eintreffenden Senior der Familie, wobei insbesondere Herrn Kommerzienrat Fraenkel die Äußerung erinnerlich ist, „Wenn ein Jud mehr hin geworden wäre, hätte ich mich nur gefreut“. Eine im wesentlichen diesem Wortlaut entsprechende Äußerung hat der Betreffende auch in Gegenwart des alsbald herbeigekommenen Schutzmannes wiederholt. Herr Kommerzienrat Fraenkel, welcher durch die Verwundung und Erschütterung, sowie durch die Aufregung stark an den Nerven angegriffen war, mußte einige Tage das Bett hüten; er befindet sich jedoch glücklicherweise außer Gefahr. Die Beweise der Teilnahme aus allen Volksschichten waren äußerst zahlreich; Briefe und Depeschen liefen u. a. ein von Handelsminister Meinel, vom Reichsverkehrs- und anderen Ministern, vom Vizepräsident des Reichstages Dr. Rieser, von Mitgliedern des Reichs- und Landtages, der Handelskammer, des Stadtrats und vielen führenden Männern des deutschen Wirtschaftslebens. Über den Verlauf der Untersuchung gegen die Täter werden wir später berichten. Z. Zt. befinden sich drei Leute, ein Arbeiter und zwei Kaufwen-Jfoden

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