Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1923-06-29 · 26 (29.6.1923) · p. Seite 310

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
26 (29.6.1923)
Date
1923-06-29
Page
Seite 310 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103029-9148072--05719-9078396
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

310 Das Jüdische Echo Nr. 26 glauben aber unseren Lesern auch ohne Aufzählung von noch weiteren zwanzig Namen die Richtigkeit des arischen Argwohns gegenüber den spitzfindigen „Levantinern“ schlagend nachgewiesen zu haben. Nun begann man aber auch in der Türkei Lunte zu riechen. Es folgt jetzt zur Abwechslung eine Aufzählung antisemitischer türkischer Politiker, die ebenfalls an Umfang nichts zu wünschen übrig läßt. Da die „Orientalen jedoch Taktiker“ sind, verschmähten diese Diplomaten nicht, „in der Öffentlichkeit mit Juden zu verkehren.“ Damit will die D.H.Z. scheinbar implicite sagen, daß die Eigenschaft eines „Taktikers“ für einen „deutschen Mann“ etwas verwerfliches sei, weshalb sie auch den „Gewalthabern von Angora, die beständig vor jüdischen Umtrieben auf der Hut sein müssen“, den freundschaftlichen Rat erteilt, sich darauf zu besinnen, „wo ihr wirklicher Nutzen liegt“. Wir können der türkischen Regierung nur empfehlen, die „Deutsche Hochschul-Zeitung“ zu abonnieren, damit sie endlich einmal sieht, wie man richtige Politik betreibt. In einer Schlußbemerkung bringt dann in klassischem Deutsch die Schriftleitung folgende Ausführung: „Es dünkt uns wirklich schade, (Uns, auch, die Red.) zu dieser an sich so eindringlichen Darstellung auch nur ein Wort hinzufügen zu müssen, tät sich Sankt Michael nicht immer an die verkehrtesten Ideologien krampfhaft anklammern. Klarer ist die politische Betätigung im schlechtesten Sinn für die Weltfreimaurerei nicht mehr nachzuweisen, offenkundiger kann man den jüdischen Einfluß in ihr nicht mehr aufdecken.“ Da unsere Zeitschrift nicht für Leser des „Beobachters“ und für „Akademiker deutscher Art“ zugeschnitten ist, können wir uns füglich versagen, auf diesen Wust von Unkenntnis und Verlogenheit, mit dem man nicht einmal Hottentotten imponieren könnte, irgendwie ernsthaft einzugehen. Auch nicht der reichlichste Konsum von echt bayerischem Vollbier kann den entschuldigen, der einem derartigen unqualifizierbaren Gesudel auch nur bedingt Glauben schenkt — er sei denn Akademiker und Angehöriger einer der Verbände, die ein Blatt wie die „Deutsche Hochschul-Zeitung“ zum amtlichen Nachrichtenorgane erheben konnten. Diesen Leuten billigen wir unbesehen mildernde Umstände zu. — Wir wollten mit der Wiedergabe der bezeichnendsten Stellen aus besagtem Leitartikel nichts anderes bezwecken, als denen, die immer noch glauben, daß man mit Waffen des Geistes, mit dem Willen ehrlicher Verständigung bei der Masse der augenblicklichen deutschen Studentenschaft irgend etwas erreichen könne, den Beweis gegenüber der alten Akademie dafür liefern, daß jedes ernstgemeinte Wort solch untauglichen Objekten gegenüber eine Versündigung am Geist bedeutet. Mitleid nur überkommt uns, wenn wir uns vorstellen, daß Menschen, die sich darauf vorbereiten, als Seelsorger, als Richter, als Lehrer auf die Volkspsyche einzuwirken, in ihrer blinden Suche nach einem Sündenbocke für all das Übel, das mit dem Weltkriege über Deutschland hereingebrochen ist, sich unter Ausschaltung jeder Kritik der Vernunft einem bodenlosen Hasse in die Arme werfen, der an Intensität nichts, an Berechtigung aber auch alles zu wünschen übrig läßt. Alle Schuld an anderen, alles Recht bei sich zu suchen, ist ein einfaches, aber gefährliches Verfahren, eine Methode, die bei Einzelindividuen, wie bei Völkern mit Notwendigkeit den Charakter verderben muß. Wie die Dinge nun einmal liegen, scheint es, als ob wir Juden wieder einmal das Versuchskarnikel für unsere Umwelt bilden müssen, als ob sich wieder einmal das Wort bewähren soll, daß man die Kraft der Völker und die ihnen innewohnende geistige Kapazität an ihrem Verhalten gegen die schwache Minorität der Juden erkennen könne. Einstweilen darf aber die „Deutsche Hochschul- Zeitung“ in einem Artikel „Eine Fakultät nach dem Herzen Judas“ noch berichten, daß die Universität Heidelberg eine Art Eldorado für die dort studierenden jüdischen National-Ökonomen bilde, da sämtliche Lehrer an dieser Fakultät Juden seien und der einzige Lehrer, „über den in dieser Hinsicht nichts Nachteiliges bekannt geworden“ sei, Prof. Alfred Weber ist; „da aber“ so fährt die D.H.Z. fort, „dieser Herr nicht nur der Bruder, sondern auch der Gesinnungsgenosse des vor reichlich einem Jahre in München verstorbenen, sattsam bekannten Prof. Max Weber ist, (von uns gesperrt D. Red.) so bedarf es keiner Versicherung, daß durch diesen Herrn an dem jüdisch-radikalen Geist und Charakter dieser Fakultät nichts geändert wird.“ Es dünkt uns wirklich schade. Li-r. Antisemitischer Überfall auf Kommerzienrat Sigm. Fraenkel in München Es ist erreicht! Die aufreizenden und hetzerischen Plakate (von welchen eines folgenden Wortlaut hat: „Verrat am deutschen Volk trieben die jüdisch-marxistischen Arbeiterführer, als sie die Todesstrafe für Schieber und Wucherer ablehnten, dagegen für die Verfolgung und Knebelung deutscher Männer ihre Zustimmung gaben. Der Mord an den Kämpfer für deutsche Ehre, Albert Leo Schlageter geht zu Lasten der jüdisch-marxistischen und jüdisch-demokratischen Presse. Konnte sich diese Presse am Morde eines Rathenau erhitzen, warum denn nicht am fortgesetzten Morde deutscher Arbeiter? Mit der Erzwingung des neuen deutschen Angebotes der Reichsregierung an Frankreich und durch den damit erfolgten Marksturz ist die breite Masse dem Sklavenjoche der Börsengauner ausgeliefert“ —), die seit langer Zeit mit Duldung der Behörden die Plakatsäulen der Hauptstadt des freien Volksstaats Bayern zieren, haben wieder einmal ihre Schuldigkeit getan. Während antisemitische Anrempelungen und Überfälle sich bisher schon auf Juden und Sozialdemokraten von Zeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.