Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 25 (22.6.1923)
- Date
- 1923-06-22
- Page
- Seite 298 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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29 8 Das Jüdische Echo Nr. 25 Äbwehr des Hntisemitismus Offener Brief an Herrn Dr. C. in 0. Erinnern Sie sich, verehrter Herr Doktor, unserer Unterhaltung über Judenhaß und Abwehr auf Ihrer Gartenterrasse4 Ich lernte Sie damals als einen Mann kennen, dem die Formel „Deutschland und Judentum“ nicht nur bequeme Feststellung ist, sondern Ausdruck und Ziel ernsthaften Ringens und einer menschlichen Aufgabe. Ich mußte also begreifen, daß die nationaljüdische Idee und ihre Begründung von ihnen wohl verstanden, nie aber gefühlt und anerkannt werden kann und daß Sie stets alles vom Zionismus trennen wird als einer Anschauung Ihrem Empfinden zuwider, die Ihnen den Sinn Ihres jüdischen Lebens zu gefährden scheint. Dennoch, glaube ich, werden wir gern dieser Aussprache gedenken, die zwischen uns Gegnern manche Übereinstimmung ergab; denn sie bedeutete einen ehrlichen Versuch, ohne Nachgiebigkeit im Prinzipiellen zu befriedigenden Lösungen zu gelangen. Darf ich aus dem Gedächtnis den Verlauf der Unterhaltung wiedergeben? Sie verteidigten — etwas skeptisch — die fleißige Tätigkeit des Zentralvereins, sein Vorgehen gegen antisemitische Ausschreitungen, seine Prozeß-, seine Versammlungspraxis, Bemühungen bei Regierung und Parlament, bei Parteien und Presse, sein ausdauerndes Bestreben, Verleumdungen zu widerlegen, Unwissende aufzuklären, jüdische Fehler zu bekämpfen. Mich selbst erstaunte diese Heerschau der Fälle, das Aufgebot von Intellekt und Fleiß, mehr freilich noch Ihr offenes Urteil: „Leider entspricht das Ergebnis nicht der Anstrengung“, Vom Verteidiger wurden Sie zum besorgtem Kritiker der bisherigen Leistung: „Soll man alle Hoffnung auf Regierungszusagen setzen, wenn jeder Tag einen völligen Umsturz bringen kann? Welch dauernden Wert haben unsere Bemühungen um Rechtsschutz, der heut schon widerwillig genug gewährt wird, wenn wir vielleicht demnächst in einem Zustand völliger Rechtsunsicherheit leben werden? Was wird, solange es noch geht, getan, um dem deutschen Judentum die innere Stärke, die äußeren Möglichkeiten zu geben, auch über Zeiten der Not und Verfolgung hinwegzukommen? Unsere Abwehrmethoden von heut können nie Inhalt, können stets nur Ergänzung großzügiger jüdischer Politik sein. — Worauf stützen wir uns? An die Mehrheit des Bürgertums kommen wir nicht heran. Das liest die von rechts korrumpierte Presse. Unsere Versammlungen. Wir füllem sie selbst. Unsere Broschüren? Wieviel Nichtjuden mögen sie lesen?“ A/e uhaus ers/r. 15, gegenüber der alten Jlkademie „ „Vielleicht wäre man erfolgreicher, wenn man in Ihren Kreisen offenkundige Tatsachen offen zugeben würde. Der Deutsche will offenbar nichts mehr von der Gleichartigkeit von Deutschen und Juden oder von dem deutschen Stamm der Juden hören. Es sind nicht nur Antisemiten, die darüber lächeln.“ “ „Ich bin ein Deutscher von Gefühl und Willen. Daß man mein Deutschtum bestreitet, daß viele Christen den Juden nicht lieben, ist ihre, nicht meine Sache. Meine Gesinnung hängt nicht an der Billigung von Antisemiten oder Philosemiten. — Dasselbe gilt für mein Judentum. Die jüdische Provinz in meinem Herzen kann nicht aufgegeben werden und darf kein Gegenstand der Diskussion oder der Wertung sein. Genug. Die bisherige Abwehrarbeit ist prinzipiell nützlich und notwendig, aber sie reicht nicht aus. Seit dem Rathen au-Mord ist der Weg zu allen Katastrophen frei. Da sollte hinter dem Kampf um unsere Existenz doch mehr stehen als eine Organisation/“ „„Wollen Sie bitte erklären?““ „Ich denke an die Mobilisierung der ganzen Judenheit für diesen Kampf. An die Überwindung der Widerstände, die jede des Namens würdige Ab wehr Politik hemmen. Es gilt, die Gründe für die Brüchigkeit unserer Arbeit zu beseitigen.“ „ „Meinen Sie die viel geforderte Einheitsfront? Sollte nicht die „Brüchigkeit Ihrer Arbeit“ Methoden zuzuschreiben sein, deren gefährliche Wertlosigkeit wir Zionisten stets rügten? Sie sind Demokrat alten Schlages, aus den Reihen derer um Theodor Barth. Mit welcher Verachtung eiferte Ihr großer Führer stets gegen Lippenpatriotismus, Deutschtümelei, überbetonte Loyalität, vor allem aber gegen die servilhochmütigen Pronunziamentos der allein guten und staatserhaltenden Gesinnung! — Da sehen Sie dies Schreiben des »Vaterländischen Bundes Jüdischer Frontsoldaten4. Es klingt wie »Vaterländische Kampfverbände4. Der Titel1 hat gewollt oder ungewollt den fatalen Beigeschmack von Beschuldigung und Mißachtung weniger vaterländisch Gesinnter, weniger frontbewährter Juden. Das Vaterland sollte nicht zum Aushänge¬ oder gar zum Schutzschild werden. Man sollte nicht einen Teil der Judenheit preisgeben und damit den anderen kompromittieren dürfen. Die Dummheit der jüdischen Angriffe gegen die Ostjuden hat sich ja bitter genug gerächt. — Nein, Herr Doktor, ich kann mich mit der gewöhnlichen Methode innerlich Schwacher nicht abfinden, die mit ihren Feinden gut stehen wollen und es so mit ihren Freunden oder doch mit ihren natürlichen Bundesgenossen verderben.44 44 „Unsere Schwäche, glauben Sie mir, liegt nicht so sehr an unseren Methoden, wie an einem Teil unserer Menschen. Nehmen Sie viele unserer einflußreichen Leute, unserer Notabein. Sie sind Vorstandsmitglied im Zentralverein, opfern für ,Leben und Ehre4, ärgern sich über Antisemitismus. Aber sie sind vor allem Angehörige ihrer sozialen und wirtschaftlichen Schicht, — das ist stärker als ihr Judentum. — Ihr Herz ist im Grunde bei den Männern des Zehnstundentages, die gleiche wirtschaftliche Interessen wie sie vertreten und mit denen sie ganz einig wären, wenn es, ach, nicht gar so arge Antisemiten wären. — Im Grunde fürchtet man eben den Sozialismus mehr als den Pogrom, dem man sich! schon zu entziehen gedenkt.“ „„Ich glaube, Ihr Urteil über Ihre Gesinnungsgenossen ..“ “ „Gesinnungsgenossen. Gesinnung bewährt sich im Leben! Es gibt im deutschen Judentum zwei