Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 25 (22.6.1923)
- Date
- 1923-06-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 25 22. Juni 1925 10. Jahrgang Erinnerung an Rathenau Vor einigen Tagen sprach ich in einer Bank mit einem der Chefs. Der Dollar stand gerade 160 000; ich sagte, nachdem wir uns darüber kurz und resigniert ausgesprochen hatten: „In diesem Monat jährt sich der Rathenaumord, wir leben schnell. Anfang Juni, ich weiß es zufällig genau, stand der Dollar dreihundert.“ „Dreihundert Mark,“ sagte er verwundert und interessiert, „ja, tatsächlich, ein Jahr her. Das ist interessant ...“ Im Stillen verwunderte ich mich über sein Verwundern, feststellend nämlich, daß erst ich, ein Schriftsteller, der von seines Schädels Arbeit lebt, kommen muß, um ihm eine Verknüpfung zweier Fakten zu zeigen. Die Leute assoziieren nicht, ihr Denken verläuft noch immer zwischen Scheidewänden; sie leben vor sich hin, im Kopfe vier Wochen belichtete Vergangenheit und zwei Tage Zukunft im Dämmer. Und das geschieht innerhalb des Tempels; wie mag erst draußen gesündigt werden. Wer eines Tages den an alle Mauern zu klebenden, tabellarisch belegten Aufsatz schreiben wird, der die Zusammenhänge zwischen den innerpolitischen deutschen Vorgängen im Krieg und nachher, und dem Verfall der deutschen Währung aufdeckt, diese Leidensgeschichte der deutschen Gegenwart, diesen Lehrgang deutscher Zukunft, der wird festzustellen haben, daß mit dem Tode Walter Rathenaus das katastrophenhafte Fallen der Mark einsetzte, um nicht mehr aufzuhören. Vergebens machte damals die Reichsbank, in klarer Erkenntnis der Gefahr, den ersten Versuch einer Dammsetzung, indem sie von ihrem Golde ausschüttete, um dies Blut zuzudecken; das Blut schlug durch, zweihundert Goldmillionen langten nicht: die Mark fiel von dreihundert auf achttausend. Dies war nach jener Frucht jahrelanger Hetze der innere Wert des Dollar ausgedrückt mit Mark — jenes amerikanischen Talers, der für unsereinen, so zäh sind Schulkenntnisse, auf immer mit 4.20 Mark notiert ist. Wie in der Algebra Zahlen der Ausdruck von Strecken, Kurven und Flächen sind, abgesehen davon, daß sie sich selbst bedeuten, haben auch die Zahlen der Wirtschaft ihren Hinter sinn, der ihr eigentlicher ist, abgesehen von den Tatsächlichkeiten, die sie anzeigen. Und dieser ungeheuerliche Zahlensturz nach Rathenaus Tode drückte aus, wie tief draußen in der Welt, die es ja immerhin noch gibt, das Vertrauen in Deutschlands innere Kraft, der Glaube an Deutschlands tätigen Willen, die Hoffnung auf Deutschlands Wiederaufstieg gesunken war, als man jenen Mann hinuntersenkte, der mit seiner grundanständigen Gesinnung, seiner starken geistigen Fähigkeit, seinem als Privatmann erarbeiteten Ansehen und seiner tiefen Leidenschaft zur deutschen Sache die Angelegenheiten des Reiches bei dessen einstigen Gegnern und dauernden Mitnotleidenden zu führen berufen war; dieser mit Ideen und Erfahrungen gleichmäßig vertraute Mann, der seiner Gesinnung nach bei den Parteien der mittleren Linken, seiner sozialen Stellung nach bei denen der mittleren Rechten beheimatet war, und der mit den Abgesandten fremder Staaten als unabhängiger, gleichgestellter Herr aus guter Gesellschaft, als ihresgleichen Zusammentreffen und in ihren Sprachen, also auch ihren Begriffen verhandeln konnte. So lange er lebte, deckte er nicht sehr entscheidende Machtgruppen der deutschen Wirtschaft mit seinem Rücken, und es ist belanglos zu fragen, ob er die Ruhrkatastrophe hätte verhindern können, wenn er jetzt noch lebte. Aber daß dieser Mann, der noch im Oktober 1918 zur nationalen Verteidigung aufgerufen hatte, als Hindenburg und Ludendorff bereits immer heftiger um sofortige Einleitung von Waffenstillstandsverhandlungen telegraphierten, und als Minister berufen war, dem Reiche entscheidende Dienste zu leisten, ermordet werden konnte, nur weil er Jude war, ermordet von militaristischen Geheimorganisationen nationaler Geisteshaltung, solchen also, die letzten Endes, ob irrtümlich oder nicht, das Beste des Volkes und Staates anzustreben plakatierten, das gab dem Vertrauen der Welt den entscheidenden Stoß. Man sah plötzlich, oder glaubte zu sehen (was in der Wirkung völlig dasselbe ist), daß das alte Deutschland, dies menschliche und kultivierte Reich, nicht einfach besiegt sondern völlig verschwunden war, und an seiner Statt ein unheimliches und unbekanntes Gebilde sich breit machte, in das man das Vertrauen nicht haben konnte, weil man vertraut nur wo man erkennt oder zu erkennen glaubt. Ein Gebilde aber, in dem die Träger der politischen Vernunft als Verräter ermordet werden können, ohne daß das Sinnlose und Selbstmörderische dieser Untaten zur Selbstbesinnung der Nation führt, und in der man den die Mordatmosphäre allererst schaffenden Verhetzungen gegen die Juden und das Jüdische munter und uneingeschränkt Luft und Licht gewährt, kann von den Staaten der westlichen und nordischen Zivilisation nicht mehr verstanden werden; und wenn es plötzlich zum Opfer fremdmilitaristisdher Gewalttat wird, wenn plötzlich französische Militärs dem deutschen Bürger mit derselben rasenden, sofort zur Waffe greifenden Überhebung entgegentreten, aus der die Ermordung Erzbergers, Landauers, Rathenaus und all der anderen Opfer floß, verharren sie in jener Passivität, welche man Ereignissen gegenüber einnimmt, die man zwar bedauert, die einen aber nichts angehen. Es ist schrecklich, die Logik der Dinge sich so auswirken zu sehen, weil diese Logik sich ja mit unser aller Geschick vollzieht. „Es wird heutzutage alles in Menschenfleisch gearbeitet“, läßt Büchner seinen Danton sagen. Doppelt schrecklich aber ist unsere Lage, die wir allen Zerstörungen ausgesetzt sind, die sich an 'deutscher* \Allgemeinheit vollziehen, und außerdem ohne Verteidigung innerhalb des staatlichen Lebens so gut wie vogelfrei jeder beliebigen Verleumdung, Beleidigung und tätlichen Bedrohung preisgegeben bleiben. So sehen wir die Ermordung Rathenaus nach einem Jahre unverändert als Symbol für die Situation des deutschen Juden, wenn sie sich bisher auch nur selten so katastrophal zuspitzte. Und mit doppelter Energie erkennen wir die unausweichliche Richtigkeit unserer zionistischen Folgerung. G. G.