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Das jüdische Echo · 1923-06-08 · 23 (8.6.1923) · p. Seite 276

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
23 (8.6.1923)
Date
1923-06-08
Page
Seite 276 (sequence 6)
Language
German
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276 Das Jüdische Echo Nr. 23 BERNHARD BAUCH Schäfflerstr. 3/5 Briennerstr. 8 Telephon 21540 Telephon 21541 ELEGANTE PELZE Juden zum Trockenlegen der Sümpfe nach Palästina brachten, denn er saugt den letzten Tropfen Wassers aus dem Boden für eine unglaublich schnelle Entwicklung: ein achtjähriger Baum ist einen halben Meter dick und fünfundzwanzig Meter hoch. Der Garten Migdal ist, wenn auch auf breiter Basis, nur Versuchsstation. Wer nachts im Auto von Jaffa nach Jerusalem fährt, stellt am Duft der Orangenblüte Plantagen auf weiten Strecken fest; wer in der kleinen Herberge des Dorfes „Pforte der Hoffnung“ vom Morgengesang der Vögel erwacht und zum Fenster hinausblickt ins sonnenübergossene, rotgelb getupfte Grün des Orangengartens, glaubt nicht an Wirklichkeit, wähnt weiter zu träumen. Im letzten Vorkriegsjahr sind über Jaffa mehr als einundeinehalbe Million Kisten Orangen ausgeführt worden. * Im Zimmer 21 des jüdischen Amtsgebäudes in Jerusalem arbeitet der Architekt Richard Kaufmann, geboren in Frankfurt am Main. Er entwirft nicht Pläne von Zinshäusern und Villen, er teilt nicht kleine Grundflächen in Wohnzimmer, Eßzimmer, Küche und Bad, er zeichnet nicht Möbel und Kunstgerät; er ist der Städtebauer des neuen Landes. Ein Territorium ist angekauft worden, viele tausend Quadratmeter, mit Hügeln, Tälern und weiten ebenen Flächen, an einen Berg gelehnt oder zu beiden Seiten eines Flusses. Man bringt ihm den Plan, ein glattes Blatt Zeichenpapier mrt ein paar Umfassungslinien und Höhenkoten. Und auf dieses Blatt zaubert er eine Stadt. Nach bestimmten Gesetzen und doch mit der großen Fläche frei schaltend. Hierher auf den Gipfel der Anhöhe legt er ein öffentliches Gebäude, ein Lehrerseminar oder eine Technische Hochschule, dort senkt sich, von doppelter Baumreihe begleitet, die Hauptstraße zum Marktplatz hinab; hierhin kommen Kolonnaden mit Kaufläden, dorthin ein Park, hierhin ein Sportplatz, dorthin die Sammel- Stelle für Fuhrwerk und Autos. Die Häuser im kupierten Terrain müssen — müssen! — flache Dächer bekommen, das Giebeldach bleibt dem ebenen Gelände reserviert. Das muß so sein, so und nicht anders, wegen des dynamisch-ästhetischen Totaleindruckes, den die Siedlung einmal machen soll. Er verflucht im voraus den Grundbesitzer, der dieses Gesetz zu überschreiten versucht, der ein Giebelhaus gegen den Hang stellen will oder ein flaches Dach in die Ebene, und den, der etwa die Fluchtlinie durchbricht. Wie Kaufmanns Lehrer Theodor Vischer in München wünscht, daß Sendling oder Haidhausen aussehe, aber vergeblich wünscht, weil sie vor seiner Zeit erbaut wurden, so baut Kaufmann von Anbeginn die zukünftigen Dörfer und Kolonien Palästinas, die Gartenstädte vor den Toren Jerusalems. Kaufmanns Arbeiten im Rheinland und in Westfalen haben vor ein paar Jahren in Schweden Aufmerksamkeit erregt, man rief ihn dorthin zur Mitarbeit am Generalbebauungsplan von Stavanger. Aber er ließ Stavanger und Toensberg, als der Amerikaner Patrick Geddes wieder übers große Wasser ging und die Stelle eines Chefarchitekten bei der Palestine Land Development Co. frei wurde. Kaufmanns Pläne bleiben nicht Zeichnung und Gipsmodell, sie werden wirklich ausgeführt. Du kommst die Serpentinenstraße eines Höhenzuges hinab und siehst unten im Tal die Uranfänge einer Siedlung: Balkenstöße, Drahtgitter, Zementfässer. Du kommst näher und unterscheidest die Zufuhrstraße, die von der Chaussee abzweigt, sich dann inmitten der Kolonie gabelt, Stallungen in einer gewissen Gruppierung, ein, zwei Wohnhäuser in einem bestimmten Verhältnis zu den Ställen, dort ein freibleibender Wiesengürtel — du erkennst: das ist ein Plan des Städtebauers. Die Kolonisten glauben trotz aller Wirtschaftssorgen an den Städtebauer, jede werdende Siedlung hat — nebenher — auch den Ehrgeiz, eine „schöne“ Siedlung zu werden. Nahalal wetteifert mit En Tabun, Talpioth mit Beth Hakerem. * Der Bau jeder neuen Siedlung beginnt mit den Stallungen. Zuerst wird für das Vieh gesorgt, dann erst an die menschliche Wohnstätte gedacht. Oft liegt zwischen den beiden Etappen ein langer Zeitraum, zwei-, dreijähriges Wohnen im Zelt ist die Regel. Überall ist der Ich-Gedanke machtvoll zurückgedrängt von der Sorge für das Allgemeine, vom großen Movens: Aufbau. In der Hütte jedes Kolonisten hängt ein Plan, ein Zukunftsbild des Ortes. Immer wieder hört der Gast die Erklärung der Anlage: „Sie stehen hier, dort werden wir die Schule errichten, da wird der Arzt wohnen.“ Das ist der Sinn der vollkommenen seelischen Umschichtung, die sich hier vollzieht: daß jeder Wunsch nach Profit und Thesaurierung dem Trieb zu produktiver Arbeit gewichen ist. Die Freude am Wachsenden arbeitet, lacht mich aus, als sie merkt, daß ich sie auf Heimweh und Rückwanderungslust ertappen will. Sie alle sind glücklich, obwohl sie nichts „besitzen“. Man wird das Gemeinwirtschaftliche — zu deutsch: Kommunistische — ihrer Lebensform nur dann verstehen und richtig sehen, wenn man es als einen selbstgewählten pädagogischen Imperativ hinnimmt. Nirgends in Palästina ist der Kommunismus, der mit der Moskauer roten Autokratie natürlich nicht das geringste zu tun hat, Selbstzweck oder gar Parole. Wo er Praxis ist, ist er es deshalb, weil er den Siedlern als die psychisch und materiell unter den gegenwärtigen Umständen natürlichste und zweckmäßigste Gemeinschaftsform erscheint. Daher auch die Vielheit der soziologischen Figurationen: die strenge, fast mönchische Brüderschaft ohne jegliches Sonderrecht neben der loseren, in der jede Familie ihren eigenen Haushalt führt, das Kleinbauerndorf, die Mädchenfarm und jene Gruppe von Jugendlichen, in deren Zimmer’ich eine kleine, offene Kasse fand, aus der jeder das entnehmen darf, was or für Zigaretten und andere kleine Bedürfnisse des Tages braucht. Der großen, über das ganze Land verteilten „Arbeitslegion“, die sittliche Erziehung, Hilfsbereitschaft und nationale Verteidigung auf ihre Fahne schreibt, kann man sogar (so sehr sie sich wehren mag) einen kombattanten Charakter und damit Anklingen an faszistische Gedanken zusprechen.

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