Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 23 (8.6.1923)
- Date
- 1923-06-08
- Page
- Seite 275 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 275 Palästinafahrt Von Dr. Arthur Rundt Die beiden angesehenen Journalisten, Dr. Arthur Rundt und Arnold H ö 11 r i e g e 1 haben bekanntlich im Aufträge einer Reihe von bedeutenden zentraleuropäischen Zeitungen Palästina besucht. Während nun die sogenannten „Judenblätter“ bisher nicht gewagt zu haben scheinen, diese von Nichtzionisten verfaßten Berichte zu veröffentlichen, hat die V o s s i - sehe Zeitung in ihrem Abendblatte vom 22. Mai den nachfolgenden Artikel aus der Feder Dr. Rundts gebracht, der, was schon nach dem bekannten Buche Holitschers nicht mehr zweifelhaft sein konnte, aufs Neue beweist, wie ungeheuer stark das Jüdische Palästina auf jeden wirkt, der zu sehen vermag, ganz gleich wie seine jüdisch-politische Einstellung auch sein mag. (D. Red.) An Bord der „Vienna“, Ende April. Was bleibt nach Wochen des Schauens als Gesamteindruck übrig, wenn das Lloyd-Schiff vor Jaffa zur Rückfahrt nach Ägypten den Anker hochzieht? Der englische Fliegerkapitän an meinem Tisch war ebenso lange im Lande wie ich. Er erzählt im Rauchsalon bei schwarzem Kaffee, was er gesehen hat: Bethlehem, Nazareth und Tiberias, in Jerusalem die Omar-Moschee, die Klagemauer und die Gräber der Könige, in Hebron die Höhle Machpelah, auch Jericho und das Tote Meer — überhaupt alles, was im Baedecker steht und von Cook empfohlen wird. Außerdem hat der Kapitän seine Eskadron besucht, denn er hat, als England 1917 das Land besetzte, in Palästina Kriegsdienst getan. Ich frage: „Und die Juden —?“ Ja, Juden habe er auch gesehen: die Ladeninhaber der Jaffastraße in Jerusalem und die Kaftangestalten mit den langen Bärten, die bei der Klagemauer, den Oberkörper rhythmisch bewegend, Psalmen beten. „Und die Siedlungen im Lande, die Kolonien und Farmen?“ Nein, die kennt er nicht. Ich laufe in die Kajüte hinauf und hole meine Photographien: junge Arbeiter beim Chausseebau, in der Tabakplantage, die Burschen hinter dem Pfluge und bei den Pferden, die Mädchen im Kuhstall. Ich zeige ihm alle meine Bilder und schließlich auch die Gruppenaufnahmen der dreißig Farmer aus Kinereth, wie sie gerade vom Felde kommen, die Männer im Bauernkittel, die Frauen mit Kopftuch. Aber da legt der Kapitän den Finger auf das Bild und sagt ganz ruhig und dezidiert: „Das, das sind keine Juden.“ — Was bleibt dem anderen Reisenden im Gedächtnis, der wohl dem Baedeker gefolgt, aber außerdem im Lande herumgereist ist, der die Anfänge einer jungen Industrie gesehen, den das Auto über Pässe, durch Täler, die Bergstraßen entlang von einer Siedlung zur anderen geführt hat, bis hinauf in den äußersten Norden von Galiläa, wo der französische Grenzsoldat nach dem Visum für Syrien fragt und anzeigt, daß hier das englische Mandatsland aufhört? Wie stellt sich ihm am Ende das äußere Bild des Landes dar? Ein Karstland mit großen Inseln bebauter Erde. Das Karstland ist Wüste, die Inseln, wo Menschenhand sie pflegt, sind Märchenpracht. Dieser Zwiespalt ist bequemer Anlaß, Palästina zu verleumden; als unwirtlich, untauglich für jede Kolonisation. Aber es darf nicht vergessen werden, daß, wo heute Wüste ist, immer Wüste war, daß die „Oasen“ genügten, ein Land zu repräsentieren, in dem Milch und Honig floß, und daß sie bewährt sind als Pflanzstätten für Edelobst, Gemüse, Getreide und — für große sittliche Ideen. Hier ist auch jetzt wieder ein großes Ethos am Werk. Der Wille, das Land zu einem Staat aufzubauen, schafft unvorstellbare Energien, nur hier wirksame Arbeitswerte, verdoppelt Menschenkräfte. Hier ist Aufbau nicht Wiederaufbau von kürzlich Zerstörtem, sondern Aufbau schlechthin, Aufbau aus dem Nichts. Hier tobt, ohne daß die europäische Welt viel darum weiß, bohrender Wille zur Tat. * Der Jordan fällt um vierhundert Meter vom Meromsee bis zum Toten Meer. Die Kraft dieses Absturzes soll dem Lande dienstbar gemacht werden, vorerst zwischen dem Tiberiassee und der Ebene Jesreel, wo das Gefälle auf einer Strecke von acht englischen Meilen mehr als 40 Meter beträgt. Ein höchst einfaches und zugleich gewaltiges Projekt. Der Ingenieur Peter Rutenberg führt es aus, russischer Jude, vierzig Jahre alt, unter Kerenski Gouverneur von Petersburg, seitdem der Politik ganz abgewendet, Schöpfer einer ähnlichen riesenhaften Anlage in Nord-Kalabrien, und jetzt leidenschaftlich dem Palästinawerk hingegeben. Die Wasserkraft soll in Elektrizität umgewandelt und in sinnvoller Kombination gleichzeitig für die Bewässerung des Landes verwendet werden. Das Unternehmen ist von der Staatsmaschinerie unabhängig, ein paar Engländer, die an die Sache glauben, haben das Kapital — eine Million Pfund — gezeichnet und eingezahlt. Als Rutenberg vor zwei Jahren von der englischen Regierung die Konzession erhielt, nahm niemand ihn ernst; heute, da die Ausführnug gesichert ist, hagelt es von London aus Anfeindungen gegen ihn. Er wolle, heißt es, deutsche Maschinen kaufen, deutsches Material verwenden, er reise beunruhigend viel in der Welt umher, zwischen Jerusalem und Paris, London und Berlin. Die englische Presse bekämpft ihn, das englische Parlament interpelliert seinetwegen die Regierung. Rutenberg lacht und arbeitet. Er ist ein Mordskerl, ohne Nerven, mit einer unbändigen Arbeitskraft. Seine Leute — gut organisierte Gewerkschaftler — arbeiten, wenn es nötig ist, achtzehn Stunden am Tage. „Wenn Sie das nächste Mal nach Palästina kommen, wird das Jordanwasser uns jährlich sechzehn Millionen Kilowattstunden liefern. Aber so was kann mit dem Achtstundentag als einem unumstößlichen Prinzip nicht geleistet werden. Unsern Leuten gilt eines mehr als alle Prinzipien: der Aufbau, der Aufbau!“ ♦ Am Tiberiassee, unweit des Lehmhüttendorfes Magdala, liegt die Farm Migdal, zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel. Hier hat man vor zwölf Jahren begonnen, große tropische Pflanzenkulturen anzulegen und mit besonderen, für das Klima Palästinas zweckmäßigen Behandlungsformen zu experimentieren. Heute zeigt, trotz der Unterbrechung durch den Krieg, ein Tropenpark die Möglichkeiten des Landes, Dattelpalmen und Bananen, Ölbäume auf verschiedene Arten, mit und ohne Wassergräben, gezogen. Zitronen, Mandarinen, hochgezüchtete, kernlose Riesenorangen, Grapefruit, Datteln, Feigen, Mandeln, Granatäpfel, Edelkastanien und den Johannisbrotbaum. Palmen und mannsdicker Bambus, der, als die richtige Methode gefunden war, so schnell wuchs, daß der Hut, den der Gärtner abends achtlos an dem Zweige hängen ließ, tagsdarauf seiner Hand nicht mehr erreichbar war. Der Leiter der Farm zeigt Prachtexemplare des „Judenbaumes“. So nennen die Araber den australischen Eukalyptus, den die