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Das jüdische Echo · 1923-06-08 · 23 (8.6.1923) · p. Seite 274

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
23 (8.6.1923)
Date
1923-06-08
Page
Seite 274 (sequence 4)
Language
German
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274 Das Jüdische Echo Nr. 23 lische Oberkommisar, der Jude Herbert Samuel residiert, der in seiner taktvollen, klugen Art sehr viel für die moralische Stärkung der Judenheit und für die friedliche Annäherung zwischen Araber und Juden leistet. Sein Besuch des Gottesdienstes an den jüdischen Festtagen im Verein mit den beiden Oberrabbinern (der Aschkenasim und Sephardim) verleiht ihnen ein besonders feierliches Gepräge. Die Trennung der Juden in Jerusalem nach den Landsmannschaften ihrer Herkunft hat bisher ein Stück Galuth dorthin verpflanzt. In der jungen Generation mit dem zunehmenden Hebräisch als einigendem Bande wird das überwunden werden. Malerisch schön ist der Bazar trotz des Schmutzes auf seinen engen, abschüssigen Straßen und den widerwärtigen Buden der Kleinhändler und Krämer. Auch hier vollzieht sich ähnlich wie in dem noch viel häßlicheren Stadtteil Meah Schearim im Westen außerhalb der Stadtmauer eine bedeutende Wandlung — die Jugend wendet sich weg und geht vor den Toren der Stadt zur Landwirtschaft über. Die neuen Stadtteile außerhalb der Mauer sind gesund und freundlich. In ihnen stehen eine Reihe von Gebäuden des neuen Lebens; unter ihnen ist vor allem das Schaare Zedek-Spital zu nennen, eine Musteranstalt, die s. Zt. von deutschen und holländischen Juden gegründet wurde und von einem deutschen Arzt (Dr. Wallach aus Köln) seit Jahren in hervorragender Weise durchgeführt wird. Ferner ist das „Volkshaus“ zu nennen, dann das „Naturhistorische Museum“ mit einer paläontologischen Abteilung, die Kunstgewerbeschule „Bezalal“, außerdem eine Reihe sonstiger wohltätiger Anstalten (Waisenhäuser, Mittelschulen aller Art!). Die Juden haben eine eigene Verwaltungsbehörde, die von der englischen Regierung mit weitgehenden Befugnissen ausgestattet ist; an ihrer Spitze steht der bekannte Ingenieur Ussischkin als Präsident der palästinensischen Exekutive der zionistischen Organisation, der über umfassende differenzierte Ämter verfügt: Wirtschaftsamt, Abteilung für Handel und Gewerbe, Schulwesen, Gesundheitsamt usw., Bodenerwerbsamt usw., wofür besonders der jüdische Nationalfonds eine wesentliche Rolle spielt, der andauernd große Bodenerwerbungen betätigt. Trotz der großen wirtschaftlichen Depression, die sich dort noch besonders drückend geltend macht durch die hohe Valuta des ägyptischen Pfundes, hat man das Gefühl, daß es wirtschaftlich vorwärts geht. Die Umgebung Jerusalems nach Osten über Jericho — das wieder eine blühende Palmenstadt ist dank seiner guten Bewässerung — nach dem Toten Meere zu ist ebenso baumlos und ohne Vegetation /^e u her us ersfr. 15, gegenüber der alten JlkacJemie feine beinahe wie die Steinwüste Judas, und die hohe Temperatur an dem tief gelegenen Toten Meer und die Salzkruste, die das Erdreich ringsum dort bedeckt, lassen wenig Hoffnung auf eine Bepflanzung hegen. Industriell wird hier aber zweifellos eine sehr aussichtsreiche Ausbeute eintreten. Der Süden von Jerusalem ist fruchtbar und gut ausgebaut, besonders mit Wein in der Gegend Hebrons, das man auf der Straße mit dem Rahels- Grab und Bethlehem erreicht. In Hebron erlebt man eine bittere Enttäuschung hinsichtlich der Höhle Machpelah, der Grabstätte unserer Väter Abraham, Isaak und Jakob. Sie liegt als Gruft unter einer Moschee, in die man aber als Giaur nur sieben Stufen der Treppe hinaufsteigen darf, dann wird man erbarmungslos zurückgeschickt und kein Backschisch vermag den Einlaß zu erzwingen. Macht im allgemeinen das städtische Palästina, besonders Jerusalem mit seinen 200 Synagogen und den ihnen entsprechenden Gruppen und Grüppchen von „Gemeinden“ einen noch chaotischen Eindruck, so wirkt umso einheitlicher und geschlossener das „landwirtschaftliche“ Palästina der Kolonien. Was hier der unermüdliche Fleiß, die Hingebung und Aufopferung der Kolonisten, speziell der „Chaluzim“ und „Chaluzoth“ geleistet hat und noch immer leistet in neuen Unternehmungen, selbst in der schrecklichen Steinwüste Judas, z. B. in Dilp, westlich von Jerusalem oder in Malariagegenden bei Meris u. a., das ist über jedes Lob erhaben. Eine Fülle jüdischer landwirtschaftlicher Siedelungen bedecken schon das Land bei Jaffa, am Tiberiassee, im Emek Jesreel und um Haifa, wo namentlich die neue Siedelung des jüdischen Nationalfonds durch Ansiedler aus Deutschland, J a d i u r , eine große Zukunft haben wird, wenn die nötigen Geldmittel aufgebracht werden, ferner im Nordosten von Safed u. a. Hier sind die Ansätze gegeben für die wirtschaftlich-ökonomische Geltung der Juden im Lande und die Möglichkeiten weiterer Ausdehnung. Und wenn erst die Elektrisierung und Bewässerung des Landes mit der Durchführung des sogenannten Rutenberg-Projektes, das schon weit vorgeschritten ist, vollzogen sein wird, so bieten sich auch für eine Industrialisierung des Landes große Möglichkeiten. „Der Mensch lebt aber nicht vom Brote allein.“ Dieses Wort hat in jüdischen Kreisen, insonderheit in Palästina seine Geltung nach wie vor. Und trotz der radikalen Elemente, die in das Land eingeströmt sind, vollzieht sich dort langsam, aber für den nachsichtigen Beobachter sicher und merklich ein innerer Umwandlungsprozeß. Die „Jungen“ in Tel-Awiw bei Jaffa haben es durchgesetzt, daß mit der Erhebung dieses früheren Stadtviertels von Jaffa zur jüdischen Stadt das Stadtrecht die Bestimmung erhalten hat: Nur der Jude kann Bürger werden, der sich verpflichtet, die Sabbate und Festtage der Juden in der Öffentlichkeit nicht zu entweihen, — dort herrscht absolute Sabbatruhe, kein Postverkehr u. dergl. ist dort am Sabbat zulässig. Man darf freilich in der Entwicklung der Verhältnisse nicht in zwei Jahrzehnten denken; man muß dafür große Zeiträume ins Auge fassen. Bis dorthin wird dann im prächtig gelegenen Tiberias mit seinen heißen Thermen eine Badestadt ä la Wiesbaden oder Wildbad entstanden und die herrlichste Stadt des Landes, Haifa, am prächtigsten Meerbusen des Landes gelegen, wird mit seinem Technikum eine große Hafen- und Handelsstadt sein, — und auf dem Skopus bei Jerusalem wird sich die hebräische Universität erheben als alma mater des neuen jüdischen Palästinas!

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