Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 23 (8.6.1923)
- Date
- 1923-06-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 23 8. Juni 1923 10. Jahrgang Wir setzen ab heute einen festen Grundpreis von Mk. 1.— für das Echo-Abonnement fest, jeweils vervielfacht um die Teuerungszahl des Börsenvereins der deutschen Buchhändler, zur Zeit 4200. Reiseeindrücke aus Palästina Von Dr. Bamberger. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, da man von Alexandrien in Ägypten mit einem Küstenschiff bis Jaffa oder Haifa fahren mußte und wegen der Klippen unangenehmen Ausbootungen auf der offenen Reede ausgesetzt war, reist man heute von Alexandrien mit der Eisenbahn recht angenehm bis an den Suezkanal, über den man mit einer Fähre befördert wird, um jenseits mit der Bahn weiterzufahren. Die Fahrt geht nahe an der Küste des Mittelländischen Meeres (Ostbecken) entlang durch die südliche Wüste Palästinas, die ab und zu schöne Palmenhaine und Oasen aufweist. Etwa bei Gaza überfährt man die politische Grenze zwischen Ägypten und Palästina und da beginnt auch die bebaute Bodenfläche, Ackerland und Wiesenflächen, die von Kamel- und Schafherden belebt sind. Man fährt eine große Strecke durch das ehemalige Philisterland und die einstmals stark umstrittenen Wasserquellen dienen heute vielfach dazu, den Lokomotiven Wasser zu geben. Von der Südgrenze Palästinas an beginnt die Dreisprachigkeit des Landes: Jede Station, jeder Eisenbahnwagen, jede Lokomotive — kurzum alles, was offiziellen Charakter hat, ist englisch, arabisch und hebräisch benannt. Diese amtliche Anerkenung des hebräischen hat starken moralischen Eindruck geübt. Die Hebräisierung des Landes ist eine der überraschendsten Beobachtungen, die sich sofort aufdrängen: Jung und alt mit wenigen Ausnahmen spricht hebräisch; die Araber bedienen sich vielfach auch des Hebräischen, abgesehen von den Beamten, die von amtswegen neben Englisch und Arabisch auch Hebräisch beherrschen müssen. Die Bahn führt nordwärts durch die westliche Ebene Palästinas, in der man die ersten jüdischen Kolonien erblickt, Rechobot, Artuf usw., die sich sehr wohltuend von den umgebenden Fellachendörfern abheben. Balsamische Düfte aus den Orangengärten kennzeichnen die jüdischen Dörfer auf Kilometer weit, „alle Gerüche Arabiens“ in der übelsten Weise die arabischen Dörfer, dort schmucke Häuser und saubere Straßen, hier elende Lehmhütten an schrecklichen Wegen. Aus der Ebene steigt die Bahn ab Ludd in vielen Serpentinen das Gebirge Judas hinauf, um Jerusalem zu erreichen, dem man mit bebendem Herzen entgegenfährt. Erst wenn man den wilden Lärm des Bahnhofes hinter sich hat und zur Stadt fährt, von der uns zuerst Migdal David, der Davidsturm sichtbar wird, kommt man zur inneren Sammlung und zum Bewußtsein, in der „heiligen Stadt“ zu weilen. Von erschütternder Wirkung ist der erste Besuch der Westmauer (Kotei Maarabi), an der man in altjüdischer Weise „Kriah reißt“, wie um den Tod eines nahen Verwandten, — die alte Heiligkeit besteht für uns fort trotz der Zerstörung der Stadt. Für uns ist das Problem zu lösen, das „Jenseits“ und „Diesseits“ zu verbinden, nachdem wir in gewissem Sinne eine Säkularisierung der Stadt vollziehen. Gewiß stören uns an dieser heiligen Stätte die recht unheiligen Zudringlichkeiten von Bettlern aller Art, aber wer im Orient „Backschisch“ forderndes Gesindel abgewehrt hat, findet diese Bettler nicht mehr lästig. Vor dieser Mauer gewinnen unsere Gebetsworte für den Wiederaufbau Jerusalems und die Klagen um den Verlust um unserer Sünden willen innige Kraft und Lebendigkeit. Und da kann man bei wiederholten Besuchen eine Inbrunst und Innigkeit des Gebetes beobachten, wie es uns kühlen Abendländern völlig abgeht. Männer und Frauen weinen ihre ganzen Sorgen und Leiden in diese Steine hinein und umklammern sie voller Liebe und Zärtlichkeit. Besonders feierlich ist der Gottesdienst an der Mauer am Freitag Abend, am Vorabend der Feste und zu Mussaf an den Festtagen. Am Rüsttage zu Pessach, zur Stunde, da einst das Pessachopfer dargebracht wurde, sammelt sich eine ungeheure Volksmenge an und gedenkt in einer eigenen Liturgie voll zärtlicher Hingebung dieser Handlung und fleht die Wiederkehr der Herrlichkeit des Tempeldienstes herab. Sederabend in Jerusalem — ein Zauberwort voll seelischer Glut! Das Bewußtsein, diesen Abend zu verbringen, ist von erhebender Stimmung! Und die Wanderungen durch die innere Stadt, die von einer Mauer eingeschlossen ist wie Nürnberg oder Rothenburg, mit dem es tatsächlich durch seine Höhenlage viel Ähnlichkeit hat! Auf Schritt und Tritt stößt man auf biblische Erinnerungen und historische Punkte aus allen Zeiten der jüdischen Geschichte. Im Südosten der Stadt die „Unterstadt“ oder „Davidsstadt“ auf dem Zionsberg, in Südwesten die „Oberstadt“, nördlich davon das „Bethseda“- Viertel und im Nordosten der Berg Moriah, der Tempelplatz, auf dem heute die Omarmoschee und die Axamoschee stehen. Er ist der schönste Platz und Punkt der Stadt. Von den Umfassungsmauern des Tempelberges ist nur die oben erwähnte Westmauer freigelegt und auch nur zum Teil, die anderen Mauern sind noch von Sand und Schutt überlagert und harren mit vielem anderen noch der Freilegung. Südlich und östlich der Stadt erstrecken sich das Tal Hinnom und Kidron- Tal, die aber durchaus nicht tief sind infolge der Schutt- und Sandaufhäufung. und im Osten des Kidrontales erhebt sich der Ölberg, der aber kein Berg in unserem Sinne ist an Höhe. Der Moritzberg bei Ottensoos übertrifft ihn bei weitem. Man stellt sich überhaupt den Orient groß und erhaben vor und ist sehr enttäuscht, ihn ganz anders zu sehen. Dem Fuße des Ölberges entlang erstrecken sich jüdische Friedhöfe mit unzähligen Gräbern; die Grabsteine liegen flach auf dem Grabe. Hier ruht auch Abraham Grünbaum s. A„ der vor zwei Jahren auf einer Palästinareise dort gestorben ist. Auf der „Höhe“ des Ölberges erhebt sich das deutsche Sanatorium, in dem zur Zeit der eng-