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Das jüdische Echo · 1923-06-01 · 22 (1.6.1923) · p. Seite 263

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
22 (1.6.1923)
Date
1923-06-01
Page
Seite 263 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 22 Das Jüdische Echo 263 f Auf die Mädchen, mit denen seine Kameraden spazieren gingen, schaute er verächtlich herab; derbe Witze der Chauffeure konnte er nicht hören; die Unschuld, die er in sich trug, hütete und zärtelte er und verschloß sie unter sieben Schlössern. Er war sicher, morgen oder übermorgen würde eine Dame erscheinen, seine Dame, an die er so oft dachte; dann würde er, rein und lauter, bereit sein. Sam sah sich um. Das Vorzimmer war leer. Das Stubenmädchen kam mit der Nachricht: „Madame hat bisher noch niemanden aufgenommen.“ „Warum?“ „Keiner hat gefallen.“ „Darf ich eintreten?“ „Einen Augenblick.“ Das Dienstmädchen verschwand. Eine Frauenstimme fragte: „Ein älterer?“ „Nein, Madame, ein ganz junger.“ „Laß ihn eintreten.“ Sam schloß leise die Tür und verneigte sich. In einem Schaukelstuhl saß eine Dame in mittleren Jahren und blätterte in einem Modejournal. Hinter ihr stand ein ganz junges Mädchen, ihre Tochter. Beide richteten ihre Blicke auf Sam und sahen einander an, sie schienen zufrieden zu sein. Die Mutter begann: „Wo haben Sie früher gearbeitet?“ „In einer Garage.“ „Lange?“ „Einige Jahre.“ „Gut.“ Sam bekam die Stelle. Als er sich entfernte, hörte er die Mutter sagen: „Ein schöner Bursch.“ Das Stubenmädchen überhäufte Sam mit Aufmerksamkeiten; sie wies ihm sein Schlafzimmer an, machte ihn mit den Verhältnissen des Hauses bekannt und zeigte ihm, wo das Automobil stand. Noch am gleichen Tage trat er ein, putzte die Maschine und probierte sie aus. Am Abend führte er beide Damen spazieren. Schlank wie eine Erle, saß er am Steuer. Leicht flog das Automobil unter seiner Hand dahin und nahm gleitend die Stellen, an denen der Wagen unter einer anderen Hand gehüpft wäre. Als er vor dem Hause vorfuhr, blieb die Tochter einen Augenblick stehen. Sie wollte ihm einen Auftrag geben, überlegte es sich aber, lachte ihm ins Gesicht und verschwand mit einem „Gute Nacht!“ Sam war nicht mehr allein; um ihn war Miß Kupfer. Er brachte den Wagen in die Garage, putzte und ölte ihn, daß kein Stäubchen auf ihn fallen konnte, und überzeugt, er sei seinem Glück näher gekommen, ging er in sein Zimmer. Er bemerkte gar nicht, daß das Stubenmädchen sein Bett aufgeschüttelt hatte, damit er weicher schlafe; das Zimmer hatte sie so sauber in Ordnung gebracht, daß es in jedem Winkel glänzte. Lange saß Sam vor dem Spiegel und dachte darüber nach, daß sie ihn angeblickt hatte. So hatte sie ihn angeblickt; nein, so. Er reinigte seine Nägel, massierte das Gesicht und schmierte die Hände mit Glyzerincreme; indessen fieberte sein Hirn und sagte ihm, das Langerwartete sei gekommen. Es klopfte. Schnell zog er seinen Rock an. Sein Atem setzte aus. Er ärgerte sich, daß er gerade jetzt begonnen hatte, seine Hände zu schmieren und öffnete. Das Stubenmädchen trat ein. Sam zog den Rock wieder aus, als ob er allein im Zimmer wäre und befaßte sich wieder mit seiner Gesichtsmassage. „Man ist mit Ihnen zufrieden,“ sagte das Stubenmädchen. „Wer?“ „Beide Damen.“ Sam antwortete nicht. Das Stubenmädchen betrachtete sein Gesicht und lachte laut. „Warum lachen Sie?“ „Sie pflegen sich wie ein Mädchen.“ „Sehen Sie also nicht zu!“ „Für wen pflegen Sie sich so?“ „Nicht für Sie.“ Gekränkt ging das Stubenmädchen. Sam schloß hinter ihr die Tür ab. Er war mit sich zufrieden, daß er das Mädchen beleidigt hatte und fühlte, sein Verhältnis zu Miß Kupfer würde dadurch reiner. Lange lag er auf seinem Bett und konnte nicht einschlafen. Über sein erhitztes Gesicht flog Miß Kupfers Lachen. So verging Tag um Tag. Vor jedermann, der zur Familie Kupfer zu Besuch kam, rühmte man sich des Chauffeurs. Miß Kupfer hörte nicht auf, Sam anzulachen und verwendete ihn unaufhörlich zu allerhand Besorgungen. Sam flog wie ein Pfeil dahin. Ganze Nächte lang las er in seinen Romanen, wie Grafen Liebeserklärungen machen, lernte diese Stellen auswendig und wartete auf eine günstige Gelegenheit. Aber wie zum Trotz fuhr die Tochter stets mit der Mutter aus. So oft Sam ihr aus dem Wagen half, genügte die bloße Berührung ihrer Hand, damit heißen Tropfen den Rand seiner Mütze benetzten. Sam schlief schlecht. Übernächtig, ging er wie im Fieber umher. Einmal blieb Madame Kupfer bei einer befreundeten Familie und Miß Kupfer fuhr allein nach Hause. Der Schweiß trat Sam auf die Stirn. Er beschloß, die Gelegenheit auszunützen. Umständlich und geschraubt öffnete er den Schlag, half Miß Kupfer aus dem Auto und war zu seiner Ansprache bereit. Er sah so unbeholfen aus, daß Miß Kupfer ihm ins Gesicht lachte. Im Nu war seine Rede verschwunden. Seine Lippen preßten sich auf des Mädchens Gesicht. Miß Kupfer versetzte ihm eine schallende Ohrfeige und mit einem Schrei eilte sie in ihr Zimmer. ' Am nächsten Morgen stand Sam wieder vor der Garage, die sein Vater leitete, und blickte verächtlich auf die Pärchen, welche, um Geld zu ersparen, ein Auto mieten. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) literarisches Echo Juden in der deutschen Literatur. Essays über zeitgenössische Schriftsteller. Herausgegeben von Gustav Krojanker. Berlin, Welt-Verlag, 1922. (Vorrätig in der „Ewer“ - Buchhandlung, Wagmüllerstr. 19.-Eine Sammlung von Aufsätzen über Juden, die mitbeitragen zum Gesamtbilde der deutschen Literatur, läuft leicht Gefahr, eine Art Verteidigungsschrift bilden zu wollen, oder den mehr-minder gewaltsamen Versuch zu unternehmen, ein irgendwie voreingenommenes Bild des „Jüdischen“ zu geben. An beiden Klippen steuert das durch ein geistvolles Vorwort des Herausgebers eingeleitete Buch mit Glück vorbei. Die ganze Breite der modernen Dichtung tritt uns in dem gut ausgestatteten Werkchen entgegen, die Verfasser der einzelnen Betrachtungen gehören L

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