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Das jüdische Echo · 1923-06-01 · 22 (1.6.1923) · p. Seite 262

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
22 (1.6.1923)
Date
1923-06-01
Page
Seite 262 (sequence 6)
Language
German
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262 Das Jüdische Echo Nr. 22 Delegierten zu verbinden. Die Wahlen werden innerhalb eines jeden Landesverbandes und einer jeden Landesgruppe eines Sonderverbandes selbständig durchgeführt. Die Verbände und Gruppen eines Landes sind jedoch berechtigt, sich zwecks gemeinsamer Durchführung der Wahlen zu einer Wahlgruppe zu vereinigen. Gemäß dem neuen Organisationsstatut wird es in diesem Jahre zum ersten Male zur Pflicht gemacht, die Wahlen nach einem System durchzuführen, das auch den Minoritäten die Möglichkeit einer Vertretung sichert. Wahlgebiete, die nur einen Delegierten zum Kongreß entsenden, wählen wie bisher mit Stimmenmehrheit. Alle anderen Wahlgebiete dagegen sind verpflichtet, das Proportionalwahlrecht oder ein anderes der bekannten Minderheitswahlsysteme einzuführen. Die betreffenden Bestimmungen hat jeder zionistische Verband in Form einer Wahlinstruktion auszuarbeiten und der Exekutive bis zum 31. Mai vorzulegen. Die Wahltermine müssen so bestimmt werden, daß die Wahlen rechtzeitig vor dem Kongreß beendigt sind und daß die Meldung über die Wahlergebnisse nicht später als am 27. Juli bei der Exekutive einläuft. Es wird angenommen, daß der XIII. Kongreß von 400 bis 500 Delegierten beschickt wird. Polen Neue Ausschreitungen in Warschau Warschau. (J.C.B.) Die Überfälle auf jüdische Passanten in den Warschauer Straßen haben aufs neue eingesetzt. An einem der letzten Abende überfiel ein Trupp von zehn Mann in der Nähe des Sächsischen Gartens die jüdischen Passanten und schlug auf dieselben mit Knüppeln ein. Einige Juden erhielten blutende Kopfwunden. Da sich die jüdischen Passanten zur Wehr setzten, kam es zu unbeschreiblichen Tumulten. In jüdischen Lokalen wurden die Scheiben ausgeschlagen, wodurch ein Schaden von mehreren Millionen Mark entstand. Nach einer Stunde erneuerten sich die Exzesse. Unter den Rufen „Tod den Juden“ veranstalteten die Exzedenten eine wilde Hetze auf die jüdischen Passanten in dem genannten Stadtteil, die bis weit über Mitternacht angedauert hat. Zwei Juden, Jona Ziegelmann und Welwel Rosenfeld, erhielten schwere Verletzungen. Das Ende war, daß die Polizei auf der Bildfläche erschien und mehrere Juden verhaftete. Litauen Die Sejmwahlen in Litauen Bei den vor einigen Tagen beendeten Wahlen in den litauischen Sejm errangen die nationalen Minderheiten 14 Mandate. Von diesen erhielten die Juden 7, die Polen 4, die Deutschen 2 und die Russen 1 Mandat. Die Namen der neugewählten jüdischen Abgeordneten sind: Dr. Rosenbaum, Dr. J. Robinsohn, Garfunkel (Zeire Zion), Roginski (kaufmännischer Verein), Advokat Finkeistein (Demokrat), Rabbiner Kahnemann (orthodoxe Partei „Achduth“). Der Name des siebenten jüdischen Abgeordneten steht noch nicht fest. Rumänien Der König gegen die antisemitische Hochschule Bukarest. (J.C.B.) Der Präsident der „Uniunea Evreilor“, Dr. Fildermann, ist vom König Ferdinand von Bulgarien in einer Audienz empfangen worden. Dr. Fildermann schilderte dem König das Los der jüdischen Studenten, die täglich von den Lehrstätten mit blutigen Köpfen abziehen müssen. Der König erklärte, er bedauere und verurteile diese Bewegung durchaus und hoffe, daß die Exzesse bald aufhören würden. Der König wies darauf hin, daß er nie den Juden feindlich gesinnt gewesen sei und sprach die Zuversicht aus, daß die Krawalle an den rumänischen Universitäten binnen kürzester Zeit ihr absolutes Ende finden werden. Diese Stellungnahme des Königs hat in jüdischen Kreisen beruhigend gewirkt, da man glaubt, daß die Äußerungen des Königs auf die antisemitischen Führer Eindruck machen werden. II! [üiiiiiirii iiiiiiiiii 11 Feuilleton || "| || um; I ililll I Der Prinz Von J. Opatoschu Im Wartezimmer der Kupferschen Wohnung, wo ein junges Stubenmädchen die Möbel abstaubte, saßen fünf Männer, Zeitungen in den Händen. Sie sprachen nicht miteinander. Wie sie so mit gesenkten Köpfen dasaßen, erinnerten sie an Kranke im Warteraum eines Spitals. Jedesmal las ein anderer in seiner Zeitung die Annoncen durch, in der der reiche Zuckerfabrikant Kupfer einen Chauffeur suchte. Ein schöner, gut gekleideter junger Mann mit sorgfältig manikürten Fingernägeln trat ein, musterte die Wartenden und sah nach einem leeren Stuhl aus. Sein schwarzes Haar fiel weich in die Stirn, der Kopf erinnerte an ein Windspiel, das sich graziös sonnt. Das Stubenmädchen rückte ihm einen Stuhl hin; gesprächig geworden, erzählte sie, Madame würde bald empfangen, sie brauche nämlich einen Chauffeur für ihre „Maschine“. Der neue Ankömmling hatte mit seinem Eintritt die Stille, die im Raume herrschte, zerrissen. Die anderen Chauffeure sahen in ihm einen Konkurrenten und blickten einander lächelnd an. Eine Klingel tönte — das Mädchen öffnete eine Seitentür, durch die einer der Chauffeure verschwand. Der schöne Bursche, welcher bis zu seinem achtzehnten Jahr in einer Mietgarage aufgewachsen war, die sein Vater leitete, wartete mit klopfendem Herzen, bis die Reihe an ihn käme, sich der Dame, die hinter der Seitentür saß, vorzustellen. Vor der Garage des Vaters hatte er stundenlang stehen können. Verächtlich hatte er auf die Pärchen geblickt, die, um Geld zu ersparen, ein Auto mieteten. Seine größte Freude war, durch die fünfte Avenue zu schlendern, den reichen Damen nachzublicken, die mit ihren Kavalieren vorüberfuhren und dabei von Prinzessinnen und Milliardärstöchtern zu träumen. In Romanen hatte er'gelesen, daß reiche Damen sich in arme Chauffeure verliebten und mit ihnen in die Berge flohen; tief im Herzen war er überzeugt, ihm sei das gleiche Los beschieden. (Am Abend, wenn die Chauffeure in der Garage saßen, hatte er am liebsten dem alten Bill zugehört, welcher von der Zeit sprach, da noch nicht jedermann ein Auto besaß. Sam horchte atemlos. Die Worte verwandelten sich in seinem Geiste in Automobile, in denen seidenumrauschte Damen vorbeischwebten, und Diener in schwarzen Livreen wie Schatten nachhuschten und mit ihren Damen in hellerleuchteten Palästen verschwanden. So oft Sam den Geschichten Bills zuhörte, machte er dann in seinem Zimmer Gesichtsmassage, pflegte seine Hände mit Hautcreme und lag bis tief in die Nacht wie im Fieber.

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